80 Jahre Gemeinde Paulinenaue – Eine Serie zur Ortsgeschichte (Teil 1)

11.06.2004

Am 8. Dezember 1924 wurde der Gutsbezirk Paulinenaue in eine eigene Dorfgemeinde umgewandelt. Zur 80. Wiederkehr dieses Ereignisses veranstaltete im Juni 2004 die Paulinenauer Kirchengemeinde einen Bildvortrag, der von Dr. Gabriele Metzner, Angelika Kellner, Dr. Peter Pollack und Joachim Scholz gestaltet wurde. In den nächsten Monaten werden die Beiträge in einer Serie auf www.dorffotografie.de veröffentlicht.

Teil 1

Bis zur Entwässerung des Havelländischen Luches

Das Havelländische Luch, in dem Paulinenaue liegt, wäre trotz seiner natürlichen Reize kaum bewohnbar ohne das weit verzweigte Netz von Kanälen, das es entwässert. Über „die wilde Urgegend“ vor ihrer Entwässerung schriebt der Naturwissenschaftler Karl Friedrich von Klöden: „Weit und breit bedeckte ein Rasen aus zusammengefilzter Wurzeldecke von bräunlichgrüner Farbe die wasserreiche Ebene […]. In jedem Frühjahr quoll der Boden durch das hervordringende Grundwasser auf, die Rasendecke hob sich in die Höhe, bildete eine schwimmende, elastische Fläche, welche bei jedem Schritt unter den Füßen einsank, während sich ringsum ein flach trichterförmig ansteigender Abhang bildete. Andere Stellen, die sich nicht in die Höhe heben konnten, sogenannte Lanken, wurden überschwemmt, und so glich das Luch in jedem Frühjahr einem weiten See, über welchen jene Rasenstellen wie grüne, schwimmende Inseln hervorragten, während an anderen Stellen Weiden, Erlen und Birkengebüsch sich im Wasser spiegelten, oder da, wo sie auf einzelnen Sandhügeln, den sogenannten Horsten, gewachsen waren, kleine Wald-Eilande darstellten.“

Ein norddeutsches Luch vor der Entwässerung

Ein norddeutsches Luch vor der Entwässerung Foto: A. Scholz

Dass das menschliche Leben und die landwirschaftliche Nutzung dieses Gebietes keine große Bedeutung hatten, kann man sich vorstellen: „Die umliegenden Ortschaften versuchten es, dem Luche dadurch einigen Nutzen abzugewinnen, daß sie ihre Kühe darin weiden ließen und das freilich schlechte und saure Gras, so gut es ging, mähten. Beides war nur mit großer Mühseligkeit zu erreichen. Das Vieh mußte häufig durch die Lanken schwimmen, um Grasstellen zu finden, oder es sank in die weiche Decke tief ein, zertrat dieselbe, daß bei jedem Fußtritt der braune Moderschlamm hervorquoll, ja daß es sich oft nur mit großer Mühe wieder herausarbeitete. Oft blieb eine Kuh im Moraste stecken und ward nach unsäglicher Mühe kalt, kraftlos und krank wieder herausgebracht, oder wenn dies zu schwer hielt, an dem Orte, wo sie versunken war, geschlachtet und zerstückt herausgetragen. […] In früheren Zeiten hausten hier selbst Tiere, welche jetzt in der Mark nicht mehr vorkommen, wie Luchse, Bären und Wölfe. Besonders aber waren es die Sumpfvögel, Kraniche und Störche, welche hochbeinig in diesem Paradiese der Frösche einherstolzierten, und mit ihnen bewohnte die Wasser ein unendliches Heer von Enten aller Art, nebst einer Unzahl anderer Wasservögel. Kibitze, Rohrsänger, Birkhähne, alles war da, und in den Flüssen fanden sich Schildkröten, wie allerhand Schlangen in dem mitten im Luch gelegenen Zotzenwald.“

Friedrich Wilhelm I, der "Soldatenkönig"

Friedrich Wilhelm I, der „Soldatenkönig“

Es war König Friedrich Wilhelm der I, der sogenannte Soldatenkönig, der kurz nach seiner Amtsübernahme vor fast 300 Jahren die Entwässerung und Kolonisierung des Luches einleitete, um die rasch wachsende Stadt Berlin besser mit landwirtschaftlichen Gütern versorgen zu können. Unser Kanal, an dessen Ausbau unter anderem 1000 seiner Soldaten zwei Jahre lang beschäftigt waren, ist die Hauptsache dieses Projektes gewesen.

Die Butterakademie in Königshorst Foto: Archiv Institut

Die Butterakademie in Königshorst Foto: Archiv Institut

In Königshorst entstand bald nach dem Kanalbau die so genannte „Butterakademie“, eine Musteranstalt, die schon 250 Jahre vor Gründung des Paulinenauer Institutes den Nachweis führen sollte, dass auf Luchböden ansehnliche Erträge erwirtschaftet werden konnten. Die „Horstbutter“, die dort hergestellt wurde, galt in Berlin als die beste. Und Paulinenaue? Gab es das damals überhaupt schon? Davon wird im nächsten Teil die Rede sein.

Hier geht es weiter zu Teil 2.

Text: Joachim Scholz; Zitate nach Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Band: Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg.
Berlin 1892, S. 101 f.

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