Albert Kiekebusch (1912): Eine germanische Ansiedlung aus der späten  römischen Kaiserzeit bei Paulinenaue

Auf dem Acker des Rittergutes Paulinenaue, das dem Herrn v. Knoblauch auf Pessin gehört,wurden seit Jahren beim Pflügen Steinpackungen und vorgeschichtliche Scherben beobachtet. Im Sommer 1911 stiess der Pflug wieder auf eine grössere Pflasterung, und Herr Inspektor Knake teilte im Auftrage des Herrn v. Knoblauch dem Märkischen Museum diese Beobachtung mit. Eine Besichtigung ergab, dass es sich ganz unzweifelhaft um eine Herdstelle aus vorgeschichtlicher Zeit handeln müsse. Die grösseren und kleineren Feldsteine waren zerschlagen und sorgfältig gepackt. Der elliptische Herd (1 x 1,7 m) lag unmittelbar unter der Ackerkrume. Zum Teil hatte man die Steine (etwa 260) schon herausgerissen; meist waren sie vom Brande geschwärzt und mürbe geworden. Die ganz geringfügigen Gefässreste aus der nächsten Umgebung des Herdes boten keinen Anhaltspunkt für die Zeitbestimmung. Pfostenreihen waren in der Umgebung des Herdes nicht zu finden. Nur zwei mit dunklerer Erde gefüllte Löcher liessen sich beobachten. Etwa 20 Schritte von der Herdstelle entfernt bemerkte man auf dem frisch gepflügten Acker deutliche Brandspuren. Die Untersuchung dieser Stelle ergab eine unter dem Humus liegende grössere Brandschicht (5 x 6 m), die mit Holzkohle stark durchsetzt war, aber nicht einmal Scherben enthielt. Weiter war nichts zu erfahren, weil wir vermeiden wollten, den eben besäten Acker in grösserer Ausdehnung zu durchsuchen.

Auf Wunsch des Herrn v. Knoblauch, der sich erbot, Arbeiter zu stellen und auch die durch Zuhilfenahme dreier Arbeitskräfte aus Buch entstehenden Kosten zu tragen, wurden die Untersuchungen im November noch einmal aufgenommen. Der Erfolg der zweiten, dreitägigen Ausgrabung war überraschend. Nach den ersten Spatenstichen stiessen wir an einer Stelle, die schon durch zahlreiche Gefässreste einiges versprach, auf den Grundriss eines Hauses.

Fundstelle heute
Die Fundstelle des Paulinenauer Hauses heute. Foto: Joachim Scholz, 2008.

Der Grundriss lag auf einer von Westen nach Osten streichenden Erhebung, die von der Berlin-Hamburger und der märkischen Städtebahn durchschnitten wird und in ihrem östlichen Teile den Namen „Hasselberg“ führt. Herr Oberstleutnant z. D. v. Zieten war so freundlich, sich als erfahrener Topograph in den Dienst der Sache zu stellen, und hat sowohl die Karte (Abb. 1) und den Grundriss aufgenommen als auch die Einzelfunde gezeichnet. Der Grundriss (Abb. 2) gleicht in jeder Beziehung den Grundrissen von Buch. Er ist viereckig, aber nicht rechtwinklig und hat eine Vorhalle. Die Pfostenlöcher hoben sich als dunklere Stellen vom Boden ab, enthielten aber meist nur die mit Humus gemischte Erde; seltener waren sie tiefschwarz.

Zwischen den Pfosten 2 und 3 machte sich ein Vorsprung bemerkbar, über dessen Bedeutung sich bis jetzt schwerlich etwas Bestimmtes sagen lässt. Die Herdstelle war – wie zumeist – nicht in der Mitte, sondern mehr nach einer Hausecke zu angelegt und bestand aus dem eigentlichen Herde (A), auf dem auch einige geschwärzte Steine gefunden wurden und der davor liegenden Herdgrube (B), die vor allem Tierknochen enthielt. Auf der mit einem Kreuz bezeichneten Stelle, wo beide Gruben zusammenstossen, lag das Bruchstück eines Gefässes (Abb. 3, 1), dessen Profil genau dem der spätrömischen Gefässe von Butzow usw. gleicht. Dieser Fund an dieser Stelle gibt uns die Möglichkeit einer sicheren Datierung und weist den Grundriss der späten Kaiserzeit zu. Die übrigen Gefässreste aus der Herdstelle (Abb. 3, 2 – 4. 5, 11-12) bekräftigen zur Genüge, dass diese Zuweisung richtig ist. Aber auch die in der Humusschicht über dem Grundriss und auf dem Acker in der Umgebung gefundenen Scherben, die an sich für eine Datierung nicht ausreichen würden, gehören größtenteils derselben Periode an und dürfen als weitere Bestätigung betrachtet werden (Abb. 4, 5-10. 5, 13-18); die Gefässreste sind nach den Fundumständen geordnet, je nachdem sie mehr am westlichen oder südlichen Teile des Grundrisses lagen.

Innerhalb des Grundrisses bzw. in seiner nächsten Umgebung fand man drei prismatische Feuersteinmesser. Ob sie zur Zeit, als hier das Haus stand, verwendet worden sind oder früher, lässt sich nicht sagen.

Ganz besonders beachtenswert ist das in der Herdgrube (B) gefundene Skelett eines Hundes. Die Lage der einzelnen Skeletteile ist aus der von Herrn Oberstleutnant z. D. v. Zieten angefertigten Zeichnung (Abb. 6) zu ersehen. Aus der Tatsache, dass beinahe sämtliche Zehenknochen fehlen, lässt sich mit Sicherheit schliessen, dass man dem Tiere das Fell abgezogen hatte. Weiter ließ sich genau beobachten, dass der Körper zerlegt worden war; dabei hat man einige Knochen zerhauen. Auch der Rumpf war in mehrere Stücke getrennt worden. Die Knochen zeigten Brandspuren, sind also unbedingt im Feuer gewesen; folglich muss das Tier gebraten worden sein. Sofort taucht natürlich die Frage auf; ob das Fleisch gegessen worden ist. Hundefleisch scheint ja noch heute nicht überall verachtet zu werden. Allem Anscheine nach ist der Hund von Paulinenaue aber nicht gegessen worden. Nagespuren haben sich an den Knochen nicht gefunden. Die Knochen eines und desselben Stückes hätten unmöglich zusammenbleiben können, wenn das Fleisch verzehrt worden wäre. Dr. Hilzheimer denkt an ein Opfer.

Bei weitem wichtiger war mir die Frage, wie wir das im Brande der Herdgrube so ausgezeichnet erhaltene Skelett für unsere Haustierrassenforschung verwerten können. Aus diesem Grunde habe ich das Skelett nebst anderen in derselben Grube gefundenen Knochen Herrn Dr. Hilzheimer zur Untersuchung geschickt.

Der Grundriss von Paulinenaue liefert den untrüglichen Beweis dafür, dass die Germanen – und zwar sogar noch während der spätrömischen Kaiserzeit – den Pfostenbau übten. Ob sie das damals noch ausschliesslich taten oder ob sie auch schon den Schwellenbau verwendeten, ist eine andere Frage.

Häuser Typ Buch
Die in Paulinenaue gefundene Grundriss entsprach dem der Häuser von Buch. Abb. aus Kiekebusch (1923), Tafel XII

Aber der Grundriss hat auch noch eine andere Bedeutung. Die Gefässreste stehen namentlich bezüglich der Technik den bei Hasenfelde gefundenen jüngeren Scherben sehr nahe. Damit ist meine schon ausgesprochene Vermutung zur Gewissheit geworden, dass bei Hasenfelde in der Nähe der bronzezeitlichen auch eine frühwendische Ansiedlung liegt. Der Haustypus ist hier derselbe wie der von Buch und Paulinenaue. Die Grundrisse I-III an der „Seewiese“ und an der „Schafwäsche“ gehören zur wendischen Siedlung, In den Pfostenlöchern des Grundrisses I bei Hasenfelde lagen bronzezeitliche Scherben, die bei der Anlage des wendischen Hauses mit in die Erde gekommen sein müssen. So erklärt sich nun auch die Beobachtung, dass die Lehmbewurfstücke in der Ansiedelung an der „Seewiese“ bei Hasenfelde (Präh. Zeitschrift III S. 296) sich von den bei Buch gefundenen wesentlich unterscheiden. Die Häuser waren zwar noch in wendischer Zeit durch Pfosten gestützt, aber die Bauweise der Wände muss eine andere gewesen sein. Die nötigen Anhaltspunkte wird hoffentlich die Ausgrabung des nächsten Jahres bringen. Paulinenaue und Hasenfelde stellen uns Beobachtungen über die noch in tiefes Dunkel gehüllte Übergangszeit von der germanischen zur wendischen Periode in Aussicht. Beide Ansiedlungen stehen zeitlich nicht weit auseinander, und doch liegt zwischen ihnen der für die Geschichte der Mark und auch ganz Ostdeutschlands so bedeutungsvolle Bevölkerungswechsel. Die Grundrisse von Paulinenaue und Hasenfelde zeigen, wie lange sich der Typus des zweiräumigen Hauses (Hauptraum und Vorraum) bei uns erhalten hat. Kein Wunder, dass sich derselbe Typus in Norwegen heute noch findet. Nur die Bauart hat sich geändert. So merkwürdig wie der Zusammenhang unseres vorgeschichtlichen Hauses mit dem heutigen nordischen Hause ist aber auch der Zusammenhang mit dem griechischen Megaron. Dass auch hier ein Zusammenhang besteht, wird ja von niemand mehr bestritten. Der Ursprung des Megarontypus mit dem Herde im Hauptraum ist ja schon im Norden gesucht worden, ehe man von den Häusern auf der Römerschanze oder bei Buch etwas wusste. (Noack, Ovalhaus und Palast in Kreta. 1908 S. 47. Bulle, Orchomenos. 1907 S. 57.) […]

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Quelle: Kiekebusch, Albert (1912): Eine germanische Ansiedlung aus der späten römischen Kaiserzeit bei Paulinenaue, Kr. Westhavelland. Nebst einigen Bemerkungen über den Zusammenhang der Grundrisse vom Bucher Typus mit dem altgriechischen Megaron. In: Praehistorische Zeitschrift. 1912, Bd. IV, H. 1/2, S. 152-165.

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