Einmal um die ganze Welt – Die Hälfte davon am Rande des Havelländischen Luchs

Anton Scholz

Vorbemerkung: Nach seiner Pensionierung hat mein Vater Anton Scholz mit Leidenschaft und Phantasie sein sportliches Hobby, das Laufen, gepflegt. Die täglich entlang der Berlin-Hamburger Eisenbahn zurückgelegte Strecke trug er auf einer Landkarte entlang dem 10. Längengrad ab und begab sich so auf Weltreise. Er hatte auch ein Buch geplant, das „Laufen im Alter“ heißen sollte und für das er viele Daten und Weisheiten sammelte, ohne doch wirklich mit dem Schreiben zu beginnen. Ich habe ihn 2009 ermuntert – gewissermaßen als eine Vorarbeit zu diesem Buch – einmal für meine Internetseite etwas zu schreiben. Kurz bevor er im Mai 2009 seine Krebsdiagnose erhielt, hat er mir den Gefallen getan und den folgenden Text verfasst. Danach hielten wir es für unangemessen, die Aufzeichnungen auf die Seite zu stellen und haben sie aus dem Blick verloren.
Mein Vater, der noch während seiner Chemotherapie gelaufen ist, ist am 5. Mai 2011 gestorben. Ich hoffe, die Veröffentlichung seines Artikels ist in seinem Sinn.
Joachim Scholz, 04.07.2011.

 

Am 4. Januar 2007 las ich in der MAZ: „Der Leipziger Extremsportler Robby Clemens ist gestern zu einem Lauf rund um die Welt gestartet. […] In den nächsten 298 Tagen will der 45-jährige 23 000 km zurücklegen.“ Gezählt würden von ihm Festlandstrecken auf der nördlichen Erdhalbkugel. Doch schon nach einem Monat ist dieses Projekt, wie man im Internet nachlesen kann, abgebrochen worden. Ich finde unter dem Artikel der MAZ den von mir spontan niedergeschriebenen Vermerk: „Das ist unmöglich; er unterschätzt die Risiken.“ Als Altläufer weiß ich, wovon ich spreche. Meine Skepsis bei der Ankündigung gründet sich auf die Erfahrung, dass ich in 14 Jahren bei regelmäßigem Lauf 30 Schmerzattacken durchstehen musste, die mich mehrmals über Wochen aus der Bahn geworfen haben. Ich laufe seit dem Ausstieg aus dem Arbeitsleben mit 65 Jahren etwa fünf Mal in der Woche. Nur bestimmte zwingende Alltagstermine halten mich davon ab, täglich zu laufen, was mir das liebste wäre. Regelmäßigkeit, so meine ich, hat bei der Lauferei einen ganz besonderen Stellenwert.

Anton Scholz

Anton Scholz läuft den 10. Längengrad entlang – in Paulinenaue. Foto: Joachim Scholz, 2000.

Die Idee – vom Nordpol zum Äquator auf einem Paulinenauer Acker

Da man nicht jahrelang ziel- und gedankenlos durch die Gegend laufen kann, kam ich mit 70 Jahren, nachdem ich fünf Jahre gelaufen war, auf die Idee, meine tägliche Leistung in eine virtuelle Laufstrecke zu übertragen.

Die Phantasie war neben Körper und Geist von Anfang an ein wesentliches Kriterium meiner Laufmotivation. Was nun Körper und Geist bei meiner Lauferei anbelangt, so soll das einer gezielten Auswertung der mehr als 10.000 Meßwerte vorbehalten bleiben. Im vorliegenden Beitrag steht, veranlaßt durch den Titel „Um die ganze Welt“ im Vordergrund die Phantasie, die mich anregte, in der Spur des zehnten Längengrades vom Nordpol bis zum Äquator zu laufen. Nach vierzehn Jahren ist es in der Nähe des 80. Lebensjahres nicht ganz abwegig, eine vorläufige Bilanz zu ziehen und mitzuteilen, was im fortgeschrittenen Alter machbar ist – machbar mit phantasiegestützten Eindrücken. Das setzt voraus, dass man die wichtigsten Orte, die der gewählte Längengrad durchschneidet, studiert. So hätte ich vorher nie gedacht, dass mich mein Lauf dem berühmten Geigenbauer Stradivari nahebringen würde, der von mir im oberitalienischen Cremona tangiert wurde. Und als mich nach elf Jahren Laufzeit nahe am Äquator der Kratergipfel eines Viertausenders (Kamerunberg 4070 m) grüßte, war ich überrascht. Den hatte ich in diesem Teil Afrikas nicht erwartet.

Kamerunberg

Der Kamerunberg. Foto mit freundlicher Genehmigung von Captain Peter www.confluence.org.

Im April des Jahres 2006 erreichte ich in der Nähe von Libreville mein erstes Ziel, den Äquator. Es lief noch gut und so beschloss ich, meine virtuelle Trasse tausend Kilometer nach Osten zu verlegen und auf dem 19. Längengrad in Richtung Kap der Guten Hoffnung zu laufen. Diese Vorgabe hatte einen ermutigenden Klang. Am 12.12.2008 hob ich wie ein Olympiagewinner beide Arme. Es war zwar keiner da, um mich zu begrüßen, aber mit vergnüglicher Genugtuung malte ich in mein Lauftagebuch eine Skizze mit allen wichtigen Ordinaten, Zielpunkten und Landesgrenzen.

Meine anschließenden Überlegungen ergaben ganz klar, dass „Rund um die Welt“ für einen Altläufer meiner Kategorie mit 15 kg Übergewicht bei fortgeschrittenem Alter kein Thema sein kann. Ich überlasse das meinen Kollegen, die mit dem Fahrrad unterwegs sind. Und wieder half mir die Phantasie. Ich ließ mich in Kapstadt in westlicher Richtung einschiffen und am 13. Längengrad zum Start in Richtung Nord aussetzen. Die Wahl des 13. Längengrades bleibt zunächst mein Geheimnis. Ich weiß nach meinem Gefühl nur eines: wenn ich mir einen Bruchteil der Gedankenkühnheit des eingangs erwähnten Robby Clemens aneigne, dann werde ich Ende des Jahres 2009 das westafrikanische Festland von Namibia erreichen. Hier endet die motivierende Phantasie meiner Lauferei.

Betrachtet man die Realität des Laufens im Alter, so sollte die Diskussion darüber eigentlich nicht mit geplanten und zurückgelegten Strecken beginnen. Das hat sich hier nur aus dem Aufhänger des Zeitungsartikels ergeben. Da gäbe es sehr viel Nützlicheres mitzuteilen; denn die Wirkung des Laufens auf die Gesundheit, insbesondere die Beweglichkeit, ist immens: Kreislauftraining, Sauerstoffdusche, Muskelerhaltung und -neubildung, Knorpelernährung durch Kompression und Dekompression, Gleichgewichtstraining auf verschneitem Pfad bis hin zum Ritual des Laufs, das etwa dem Gebet im Kloster gleichzusetzen ist. Darüber zu schreiben, wäre wichtig, weil von einigen Kritikern das Laufen im Alter als lächerlich hingestellt wird, auch hört man die Meinung, dass der Altläufer augenscheinlich dem hinterher läuft, was er im Leben davor nicht erreicht hat. Man sollte auf Fehler hinweisen, die man beim Laufen machen kann und die altersbedingten Auslaufphasen aufzeigen. Natürlich muss man, wie der Volksmund sagt, „gut zu Fuß“ sein.

Anton Scholz

Im August 2009. Foto: Joachim Scholz.

In der Laufliteratur trifft man immer wieder auf den Begriff „Laufwohlbefinden“. Was es damit auf sich hat, wollte ich wissen, als ich mit der regelmäßigen Lauferei anfing. Nach zwei Jahren schrieb ich dazu: Wer dieses Paradies erreichen will, muss die Hölle der Selbstzucht konsequent durchwandern. Zur Oase, die man „Laufwohlbefinden“ nennt, führt also der Weg durch die Wüste. Doch dieser Weg lohnt sich.

Tägliches Laufen ist nicht nur Freude. Es gibt eben auch Tage, wo man nicht so gut drauf ist. Deshalb sollte man es dem Läufer nicht ganz verübeln, wenn er dann und wann doch mal von der zurückgelegten Strecke spricht. Leistung ist Trost, mit dem man Engpässe leichter überwindet. Die im Phantasieteil skizzierte Strecke habe ich am Rande des Havelländischen Luchs auf einer 500-m-Bahn zurückgelegt. Interessant ist, dass diese Bahn im Satellitenbild nachweisbar ist. Googelt man den nordöstlichen Ortsteil von Paulinenaue, dann findet man außerhalb des Ortes westlich der Eisenbahn einen hellen Streifen, der parallel zur Bahn verläuft. Eigentlich ist es ein wenig befahrener vergraster Zweispurweg. Doch nur eine Bahn davon wurde in mehr als zehn Jahren durch meine Lauferei blankgetreten. So wurde die Hälfte der eingangs erwähnten Clemens’schen Strecke „Rund um die Welt“ am Rande des Havelländischen Luchs für alle Welt sichtbar dokumentiert.

Meine derzeitige Realität des Laufens wird von der Frage dominiert, wann der Alterslauf zu Ende geht. Dass der Tag kommt, an dem nichts mehr läuft, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber bis zu diesem Tage will ich noch mit Hingabe und eben auch mit Phantasie laufen.

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