Helmut Fritsch: „Wie ich in Paulinenaue eine neue Heimat gefunden habe.“ (Teil 2)

16.03.2005

Zweiter Teil

Im ersten Teil erzählte Helmut Fritsch über seine alte Heimat in Kutschlau und die Verteibung am Ende des zweiten Weltkrieges. Im zweiten Teil der Geschichte berichtet er über den Entschluss zur Übersiedlung nach Paulinenaue, vom Hineinwachsen in das durchs Institut geprägte Leben des Dorfes, von einer glücklichen Familiengeschichte und wir erfahren schließlich, warum Helmut Fritsch Paulinenaue nie verlassen wollte.

Im Februar 1947 habe ich mich aufgemacht, um meine Eltern in Paulinenaue zu besuchen. An der Grenze bei Marienborn wurde ich aufgegriffen und von den Russen einen Tag eingesperrt, aber man ließ mich wieder raus und ich konnte meine Fahrt fortsetzen und hier in Paulinenaue meine Familie in die Arme schließen. Ich blieb vier Wochen und fühlte mich trotz der noch bestehenden schwierigen Versorgungslage sehr wohl. Denn auch schon alle lieben Bekannten aus unserer alten Heimat gaben mir ein Stück neue Heimat. Ich fuhr wieder nach Oldenburg zurück, bin aber zum Weihnachtsfest 1947 wieder für vier Wochen nach Paulinenaue gefahren. Zu dieser Zeit hatte sich meine Familie hier gut eingelebt. Zur Verbesserung der Versorgung stand eine Kuh im Stall. Mein Vater hatte nur den Wunsch, ob ich nicht auch zu ihnen nach Paulinenaue kommen wolle.

In Oldenburg, wo ich eine gute Arbeitsstelle hatte und auch von meinem Arbeitgeber und der ganzen Familie aufgrund meiner guten zuverlässigen Arbeit geachtet wurde, kam es mir doch zum Bewußtsein, daß ich hier immer als Fremder gelten werde und keine rechte Heimat finden werde.

Ich faßte im Frühjahr 1948 dann den Entschluß und teilte dies meinen Eltern mit, daß ich im Spätherbst 1948 nach Paulinenaue kommen werde. Ende November packte ich dann meinen Rucksack und fuhr ab in Richtung Paulinenaue. An der Grenze bei Salzwedel wurde ich dann auch noch mal wegen illegalen Grenzübertritts für einen Tag bei den Russen eingesperrt. Hier in Paulinenaue bei den Eltern angekommen begann nun mein neuer Lebensabschnitt und ich will nun weiter beschreiben, wie mir Paulinenaue zur neuen Heimat wurde.

Auf dem Paulinenauer Gutshof, 50er Jahre

Auf dem Paulinenauer Gutshof, 50er Jahre

Durch Vermittlung meines Vaters bekam ich Arbeit in dem von der russischen Besatzungsmacht verwalteten Gut. Am 1. Juni 1949 wurde das Gut an die Akademie der Wissenschaften abgegeben. Die Leitung übernahm der auch früher in Kutschlau wohnende Prof. Mitscherlich und es wurde zum Institut zur Steigerung der Pflanzenerträge ausgebaut. Ich wurde ab diesem Tag von Prof. Mitscherlich zur Unterstützung des Leiters des Gutes als Assistent eingesetzt.

Jetzt begann für mich eine verantwortungsvolle Tätigkeit, denn ich war unter loser Oberleitung verantwortlich für den Arbeitsablauf des gesamten Gutsbetriebes. Zur Erweiterung meiner theoretischen Kenntnis wurde ich von Oktober 1950 bis August 1951 zur Fachschule Krünzlin geschickt. Nach der Rückkehr wurde ich dann als Wirtschaftsleiter eingesetzt. In der folgenden Zeit lernte ich auch meine Frau kennen, wir heirateten dann am 20. März 1953, bekamen auch im Juli eine kleine Zweizimmerwohnung und gründeten eine Familie. Ich hatte Paulinenaue nun schon liebgewonnen. Ich hatte eine Familie, eine Wohnung, eine verantwortungsvolle Arbeit, […] die Eltern und Schwiegereltern wohnten und arbeiteten auch hier in Paulinenaue.

Helmut Fritsch in Fahrt: Mitte der 50er Jahre auf der Philipp-Müller-Straße

Helmut Fritsch in Fahrt: Mitte der 50er Jahre auf der Philipp-Müller-Straße

Im Jahre 1953 und 1956 wurden unsere beiden Töchter geboren. Da unsere Familie größer geworden war, erhielten wir im Februar 1957 eine neue Wohnung im Gartenweg, die Hälfte eines Doppelhauses mit Stall und Garten. Das war der Grundstein zu einem besseren Leben meiner Familie, hier wurde auch im Juli 1961 unser Sohn geboren. Im März 1958 wurde ich in die Forschungsabteilung des Institutes versetzt, als Versuchsleiter für technische Erprobung von Futtermaschinen; diese Tätigkeit übte ich bis zum Rentenalter 1989 aus. Von 1959 bis 1964 absolvierte ich noch ein Fachschulfernstudium zur Vervollkommnung meiner theoretischen Kenntnisse.

Nachdem die Kinder nun größer wurden, nahm meine Frau ab 1960 die Tätigkeit im Außendienst bei der Deutschen Versicherungsanstalt auf. Und ab 1969 bis zum Rentenalter war sie Zweigstellenleiter bei der Sparkasse in Paulinenaue.

Während meiner Tätigkeit im Institut wurde mir des öfteren von meinen Kollegen die Frage gestellt, wie ich es denn so lange hier in Paulinenaue aushalten könnte, denn hier könnte man doch nicht das große Geld verdienen. Meine Antwort darauf war immer: Hier habe ich meine Familie, habe eine mir zusagende Arbeit, habe eine gute Wohnung, einen kurzen Weg zu meiner Arbeitsstelle und gute Voraussetzungen und Arbeitsbedingungen. Und außerdem gefällt mir der Ort Paulinenaue sehr, gute Bahnverbindungen sowie Post, Bäcker, Fleischer, Arzt und Zahnarzt. Auch wurde man hier von den alten Einwohnern immer als gleichwertiger Mensch gesehen und nicht als lästiger Flüchtling.

Am 22.03.2003 feierten Helmut und Hildegard Fritsch ihre Goldene Hochzeit.

Am 22.03.2003 feierten Helmut und Hildegard Fritsch ihre Goldene Hochzeit.

Auch auf Grund unserer Arbeit in Paulinenaue ist es uns gelungen unsern drei Kindern eine gute Ausbildung zu gewährleisten. Unser gemeinsames Ziel war es immer, unsere Kinder so zu erziehen, daß sie das Vertrauen zu ihren Eltern nicht verlieren und ihr Elternhaus immer als eine Heimat betrachten.

Im Juni 1990 ist es noch gelungen, das Haus, in dem wir seit 1953 wohnen, als Eigentum zu erwerben, was wir noch als Höhepunkt unserer Lebensarbeit und Liebe zu unserem Heimatort betrachten. Wir hoffen doch, daß wir hier unseren gemeinsamen Lebensabend recht oft im Kreise unserer Kinder und Enkelkinder verleben können.

Im Juli 1970 war ich noch einmal mit meiner Frau, Tochter und Bruder in meiner alten Heimat Kutschlau und mußte feststellen, es hat sich viel verändert. Ich sah nur fremde Menschen. Als ich in meinem Elternhaus war, die fremden Leute sah, alle Gegenstände waren andre, nicht mehr das alte vertraute Mobiliar, da kam mir die Erkenntnis, das ist nicht mehr deine Heimat, da gehörst du nicht mehr hin.

Auch auf dem Friedhof waren alle Grabstellen unserer Vorfahren glatt gemacht, damit keiner mehr sich erinnern darf. So ist auch mir der Friedhof in Paulinenaue ein Stück Heimat geworden, denn hier sind meine Eltern und Schwiegereltern begraben, und oft denkt man bei der Pflege der Grabstellen darüber nach, wie viele schöne Stunden man mit ihnen hier in Paulinenaue verleben konnte. Denn auch ihnen habe ich zu danken, daß ich in Paulinenaue eine neue Heimat gefunden habe.

Text und Fotos: Helmut Fritsch, Paulinenaue.

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