Paulinenaue im Ersten Weltkrieg

Der Beginn des Ersten Weltkrieges vor einhundert Jahren findet 2014 große öffentliche Beachtung und deshalb schon ist es ein reizvolles Projekt, den „Großen Krieg“ im kleinen Paulinenaue auf dieser Seite vorzustellen. Glücklicherweise sind wichtige Vorgänge dieser Jahre durch verschiedene Quellen gut belegt, die auch erahnen lassen, wie die Menschen in unserem Ort den Krieg wahrgenommen haben. Zusammen betrachtet ergibt sich ein spannungsreiches Bild, aus dem deutlich wird, dass sich zwischen 1914 und 1919 eine für die Entwicklung Paulinenaues sehr wichtige Phase vollzog, die meist ganz übersehen wird, wenn man die Ortsgeschichte nur als die des Knoblauch’schen Gutes, der Eisenbahn oder des Landwirtschaftsinstitutes erzählt.

Postkarte Villa Schumacher, 1920er Jahre

Der Erste Weltkrieg leitete in Paulinenaue eine Periode wirtschaftlichen Aufschwungs ein. Das demonstriert auch die Postkarte aus den 1920er Jahren. Sammlung Joachim Scholz.

Denn der Krieg beeinflusste den gewohnten Gang der Dinge in Paulinenaue nicht nur durch die Abwesenheit vieler Männer. Er hatte auch eine andere Seite, brachte er doch in den Orten des Havelländischen Luchs lange überfällige wirtschaftliche Erneuerungen in Gang. Erst mit der Errichtung eines Kriegsgefangenenlagers in Bergerdamm wurde in den kargen Landstrichen nördlich der Eisenbahn Berlin-Hamburg die notwendige, aber über Jahrzehnte verschleppte zweite Luchmelioration möglich. Zusammen mit der forcierten Binnenkolonisations-Politik des späten Kaiserreiches wurde das verkehrsgünstig an der Bahn gelegene Paulinenaue damals zu einem Zentrum erheblicher Investitionen in den regionalen Landesausbau und die Landwirtschaft. Für die Erweiterung des Gutes zu einem hochmodernen Betrieb sind während des Ersten Weltkrieges außergewöhnlich hohe Ausgaben riskiert worden. Erfahrene Gartenbauwirte und andere Betriebe siedelten sich nun in Paulinenaue an und die Gebrüder Knauer errichteten ihr berühmtes Gestüt, den „Lindenhof“, ebenfalls mitten im Ersten Weltkrieg. Die wenigen ansehnlichen Altbauten von Paulinenaue – das Gutshaus und die Villen in der Bahnhofstraße – sind nicht wie andernorts Resultat der Gründerjahre nach dem 1870 gewonnenen Krieg gegen Frankreich, sondern erst eine Folge des wirtschaftlichen Ausbaus, der hier ausgerechnet zur Zeit eines Weltkrieges begann, der verloren gehen sollte.

1916_russische_kriegsgefangene_02

Das Bild aus der „Leipziger Illustrierten Zeitung“ von 1916 ist untertitelt: „Torfgräberei Paulinenaue. Russische Gefangene beim Setzen von Gemüsepflanzen.“

Doch auch die Schattenseiten dieser nach außen wie innen expansiven Politik sind dokumentiert: Russische Kriegsgefangene wurden in der Paulinenauer Feldmark eingesetzt, Familien verloren Angehörige, die am Ende des Krieges grassierende „Spanische Grippe“ forderte Opfer auch in unserem Dorf. An diese Ereignisse soll in weiteren Artikeln auf dieser Seite so ausführlich wie möglich erinnert werden.

Joachim Scholz, 04.01.2014

Post a comment

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Book your tickets