Paulinenaue: Eine Ortschronik aus dem Havelland

von Günther Wacker (1984)

Prof. Dr. Günther Wacker (1929–1993)

 

Inhalt

Vorwort
Die Namensgebung „Paulinenaue“
Urbarmachung und Besiedlung des Havelländischen Luchs
Der Eisenbahnbau
Die zweite Luchmelioration
Ab 1924 selbständige Gemeinde
Das Gut Paulinenaue bis 1945
Die zu Paulinenaue gehörenden Ortsteile und Luchsiedlungen Owinaue, Eichberge, Bärhorst und der Lindenhof
Die Brandenburger Allee und Bahnhofstraße in den 20er und 30er Jahren
Die Ruppiner Straße
Professor Goldschmidt forschte in Paulinenaue
Die Kämpfe um Paulinenaue Ende April 1945
Die Gemeinde in den ersten Nachkriegsjahren und die Durchführung der Bodenreform
Wie Professor Mitscherlich nach Paulinenaue kam und das Forschungsinstitut gegründet wurde
Das Institut unter Leitung von Professor Mitscherlich
Das Institut unter Leitung von Professor Petersen
Die Entwicklung zum Institut für Futterproduktion
Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft
Die Gärtnerische Produktionsgenossenschaft
Die Kleingärtner, Kleintierzüchter und andere Interessengemeinschaften
Vom Paulinenauer Turn- und Sportverein bis zur BSG Wissenschaft
Vom Lehr- und Versuchsgut des Institutes zu spezialisierten VEG der Pflanzen- und Tierproduktion
Die 2000er Milchviehanlage
Die Entwicklung der Gemeinde in der Wahlperiode 1974-79 mit der Dorfverschönerung in Vorbereitung des Weltgraslandkongresses
Die Entwicklung des Schulwesens und der Kindertagesstätten
Das Landambulatorium
Das Mehrzweckgebäude mit Ledigenwohnheim
Unter den Eichen und der Eigenheimbau
Die Entwicklung der Gemeinde in der Wahlperiode 1979-84
Jahreszahlen zur Entwicklung der Gemeinde

 

Vorwort

Eine Chronik über Paulinenaue zu schreiben, ist eine dankbare und lohnende Aufgabe. Zum einen ist der Ort relativ jung, er besteht als selbständige Gemeinde erst seit 1924. Zum anderen hat Paulinenaue in der kurzen Zeit eine bemerkenswerte Entwicklung genommen, insbesondere nach 1945 durch das Forschungsinstitut, wodurch der Ort weithin bekannt geworden ist. Aber auch aus der Vorgeschichte gibt es viel Interessantes zu berichten, was bisher wenig bekannt war und verdient, festgehalten zu werden.

Veranlassung zum Schreiben der Chronik gab das Jubiläumsjahr 1984. In diesem Jahr bestand Paulinenaue als selbständige Gemeinde 60 Jahre, das Akademieinstitut 35 Jahre, und den Ortsnamen gab es 150 Jahre. Die vorliegende Fassung endet folglich mit dem Jahr 1984. Sie soll keine Datensammlung sein, sondern in 28 Artikeln die wichtigsten Entwicklungsetappen aufzeigen und die Persönlichkeiten würdigen, die diese Entwicklung entscheidend mitgeprägt haben. Im Mittelpunkt steht dabei die geschichtliche Darstellung der landwirtschaftlichen Produktion, von der Luchmelioration bis zu den neuen modernen landwirtschaftlichen Großbetrieben, der Forschungsarbeiten im Paulinenauer Arbeits- und Lebensbedingungen in der Gemeinde.

Vieles von dem, was die Chronik enthält, war bereits erarbeitet und schriftlich niedergelegt worden. Dazu gehört die erste Ortschronik von Ernst Jakob. Er wurde 1890 in Paulinenaue geboren, und sein Großvater kam bereits 1844 durch den Eisenbahnbau hierher. Seinen Aufzeichnungen verdanken wir viele Daten und Begebenheiten zur Geschichte Paulinenaues vor 1945. Es wären mehr gewesen, wenn seine Chronik nicht zu den Gemeindeakten gehört hätten, die 1945 vernichtet wurden. So fehlen auch alle Aktenstücke aus der Gemeindeverwaltung von vor 1945. Dankenswerter Weise hat Ernst Jakob danach wieder einzelne Fakten rekonstruiert und aufgeschrieben, die ihm in Erinnerung geblieben waren.

Wertvolle Beiträge zur Geschichte von Paulinenaue enthält auch die „Institutspost“ insbesondere die Artikel von Georg Drasché zur Melioration und Besiedlung des Havelländischen Luchs. Aber auch andere Mitarbeiter des Institutes haben wichtige Fakten zur Entwicklung der Betriebe sowie der gesellschaftlichen Einrichtungen und Organisationen in der Institutszeitung mitgeteilt. Sie sind in der vorliegenden Chronik mit verwertet worden.

Die meisten Begebenheiten, die in der Chronik dargestellt sind, entstammen jedoch Befragungen von Paulinenauer Bürgern, vor allem von denen, die länger als 60 Jahre in Paulinenaue ansässig sind. Bei ihnen bedanke ich mich für die Bereitschaft und das Verständnis, ihre Ortskenntnisse und Erlebnisse zu überliefern.

Die vorliegende erste Ausgabe soll Anregungen geben, weitere Ereignisse aus der Geschichte der Gemeinde zu sammeln und mitzuteilen. Von besonderem Wert sind dabei auch Bilddokumente, Urkunden oder alte Aktenstücke. Gegebenenfalls sind auch Berichtigungen anzubringen.

Besonderer Dank gilt den Mitgestaltern dieser Chronik, wie vor allem Georg Drasché und Helga Müller für die Bildaufbereitung, Irene Wildner für das Schreiben und Carola Schulz für den Druck der Chronik. Wertvolle Unterstützung gab außerdem der Bürgermeister Gerhard Hellmuth.

Möge diese Chronik viele Interessenten finden und dazu beitragen, das Wissen und die
Wertschätzung über das in unserem Heimatort Geschaffene zu erhöhen.

Paulinenaue, Dezember 1984

Günther Wacker

Die Namensgebung „Paulinenaue“

Der Ort Paulinenaue liegt im nordwestlichen Teil des Kreises Nauen auf einem Sandplateau im Havelländischen Luch, einem größeren Niedermoorgebiet im Bezirk Potsdam.

Die älteste Erwähnung findet die Gemarkung in einer Verkaufsurkunde vom 13. Februar 1390, die in Friesack aufgesetzt wurde. Darin verkauft ein Hasso von Bredow die „Heideberge“, Land zwischen dem Lindholz und der Lutsche (beide sind Holzungen nordöstlich bzw. südwestlich von Paulinenaue), an das Domkapitel zu Brandenburg. Die Urkunde ist abgedruckt im Buch von Adolf Friedrich Riedel „Codex Diplomaticus Brandenburgensis“, Band 7. Berlin 1847, Seite 135.

Um das Lindholz herum entstanden im 15. und 16. Jahrhundert mehrere Vorwerke, darunter der 1571 in einem Landbuch genannte „Lindhof“ derer von Bardeleben zu Selbelang, auch als „Bardelebensche Meierei“ bezeichnet. Diese Meierei am Lindholz ging 1833 in den Besitz der von Knoblauch zu Pessin über und erhielt am 30.04. des gleichen Jahres den Namen „Paulinenaue“ (Amtsblatt der Regierung zu Potsdam, Stück 19 vom 10. Mai 1833, S. 122). Eine Pauline von Bardeleben heiratete damals den Pessiner Gutsbesitzer von Knoblauch, und ihr zu Ehren erfolgte die neue Namensgebung.

Zum Vorwerk Paulinenaue gehörten damals ein einstöckiges Gutshaus, ein Meier- und Schäferhaus sowie zwei Tagelöhnerhäuser am sogenannten „Krähenwinkel“. Milchwirtschaft und Schafhaltung wurden also vorrangig betrieben.

Die Straße von Berge über Bienenfarm nach Brädikow verlief damals über die Grundstücke Brandenburger Allee 1 (Haus Hammler), Waldstraße 1 (Haus Kube), am „Krähenwinkel“ vorbei durch die Lutscher Heide und eine Furt (Durchfahrt) durch den Havelländischen Hauptkanal.

Seitenanfang

Urbarmachung und Besiedlung des Havelländischen Luchs

Das im Havelbogen nördlich Potsdams gelegene Havelländische Luch umfaßt eine Fläche von etwa 55 000 ha und berührt die Kreise Nauen, Neuruppin und Rathenow. Die Urbarmachung dieses Teils des Havellandes begann 1718 mit dem Bau des Havelländischen Hauptkanals, damals Großer Graben genannt.

Friedrich Wilhelm I., von 1713-1740 König von Preußen, beauftragte den Oberjägermeister von Hertefeld „… das sogenannte Freye, Havelländische-, Nauensche-, Gliener- und Bredauer Bruch in Augenschein zu nehmen, zu verbessern und wie die Gräben zu der Ableitung des Wassers am besten geführet werden könnten, genau zu untersuchen …“. Er soll diesen Auftrag recht unkompliziert, aber sehr wirkungsvoll und in kurzer Zeit durchgeführt haben. Nach der Eis- und Schneeschmelze, so wird berichtet, streute er Papierschnitzel auf dem abziehenden Wasser aus. Dort, wo die Papierschnitzel am schnellsten abflössen, mußte das größte Gefälle sein, und er markierte diese Strecke als günstigsten Verlauf für einen Entwässerungskanal. Noch im Sommer des Jahres 1718 begannen die Arbeiten am Kanal, vom sogenannten Mühlwasser auf dem Brieselang, nördlich an Paulinenaue vorbei und dann einen Knick nach Süden machend bis zum Hohennauener See. Theodor Fontane berichtet in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ über den Kanalbau.

Im Mai 1719 waren schon über tausend Arbeiter beschäftigt, und der König betrieb die Kanalisierung des Luchs mit solchem Eifer, daß ihm selbst seine vielgeliebten Soldaten nicht zu gut dünkten, um mit Hand anzulegen. Zweihundert Grenadiere, unter Leitung von zwanzig Unteroffizieren, waren hier in der glücklichen Lage, ihren Sold durch Tagelohn erhöhen zu können. Im Jahre 1720 war die Hauptarbeit bereits getan, aber noch fünf Jahre lang wurde an der völligen Trockenlegung des Luchs gearbeitet. Nebengräben wurden gezogen, Brücken und Stauschleusen angelegt, Dämme gebaut und an allen trockengelegten Stellen das Holz- und Strauchwerk ausgerodet. Die Arbeiten waren zum großen Teil unter Anleitung holländischer Werkführer und nach holländischen Plänen vor sich gegangen. Dies mochte den Wunsch in dem König anregen, mit Hilfe der einmal vorhandenen Arbeitskräfte, aus dem ehemaligen Sumpf- und Seelande überhaupt eine reiche, fruchtbare Kolonie zu machen.

Der Plan wurde ausgeführt, und es entstand am Nordrand des Havelländischen Luchs das „Amt Königshorst“, das heutige Friedenshorst, als Musterwirtschaft mit einem „Lehrinstitut zum Unterricht der märkischen Landsleute in der Milchwirtschaft“. Die Absicht bestand darin, eine Milchwirtschaft holländischer Art einzurichten. Dazu wurden aus Ostfriesland und Holland Kühe aufgekauft und der holländische „… in der Kunst der Butter- und Käsezubereitung vorzüglich geübte Meier Heinrich Bröne aus Zevenaar mit seiner Familie und allen in Holland zur Milchbehandlung gewöhnlichen Gefäßen und Geräthen … zu guten Bedingungen angeworben“. Die von ihnen aus süßer Sahne hergestellte Butter fand großen Anklang, und in Berlin galt die Königshorster Butter (Horstbutter) als die beste. In einer „Allerhöchsten Kabinets-Ordre“ vom 7. August 1737 wies daraufhin der König alle kurmärkischen Ämter an, eine Anzahl von Bauerntöchtern als Mägde in die Lehranstalt zu schicken. Nach zweijährigem Dienst mußten sich die Mägde einer Prüfung im Buttermachen unterziehen. Fiel die Prüfung erfolgreich aus, erhielten sie vom König einen Brautschatz von 100 Thalern. Die besten Mägde sollten auf neu auszubauende Vorwerke gehen, und es „… sollen Kerls von guten Leuten ausgesucht werden, welche die Mägde heyrathen … folglich es mit der Zeit dahin kommen muß, daß in dem ganzen Lande überall gute Butter gemacht werden wird.“

Theodor Fontane schreibt über die Lehranstalt in Königshorst: „Diese Einrichtung hat bis zum Tode des Königs bestanden und zu ihrer Zeit reiche Früchte getragen, die noch heutzutage nachwirkend sind. Auch Friedrich II. widmete dem Amte Königshorst eine besondere persönliche Aufmerksamkeit. Anfänglich ließ er den größten Teil der dortigen Ländereien zu Fettweiden benutzen, um die Einfuhr von ausländischem Schlachtvieh für den Berliner Markt entbehrlich zu machen; in späteren Regierungsjahren aber kehrte er ganz zu dem Benutzungsplan des Gründers von Königshorst zurück und stellte das von seinem Vater begründete Lehrinstitut als eine wie der König in einem Erlaß vom 13. Mai 1780 sich ausdrückte ,ordentliche Akademie des Buttermachens wieder her“. An der Spitze dieser „Butterakademie“ stand der Ostfriese Thomas Harms Grabenstein aus Leer mit seinen drei Töchtern als Lehrmeisterinnen. Neue Familien, vornehmlich aus Holland und den Rheinland, wurden angesiedelt. Zu ihrer ersten Unterstützung erhielten die Kolonistenfamilien 400 Thaler, 4 Zugochsen, 7 Kühe und 90 Morgen Land. Die Wohnhäuser, Ställe und Scheunen wurden auf Staatskosten errichtet. Nach zwei Freijahren mußten sie jährlich 18 Thaler Erbzins für ihre Bauernstellen entrichten und waren für zwei Tage in der Woche mit ihren Gespannen zum Hofdienst verpflichtet. Nach Büsching soll das Amt Königshorst um 1778 folgende Bewohnerzahlen gehabt haben:

Königshorst 261 Personen
Lobeofsund 64 Personen
Nordhof 76 Personen
Kuhhorst 12 Personen
Kienberg 68 Personen
Deutschhof 81 Personen
Mangelshorst 88 Personen
Hertefeld 62 Personen

 

Paulinenaue gehörte nicht zum Amt Königshorst, aber es ist doch beachtenswert, daß bereits vor nunmehr zweieinhalb Jahrhunderten nur wenige Kilometer nördlich eine Institution bestand, die, ähnlich wie das heutige Paulinenauer Akademieinstitut, die Steigerung und Förderung der Futter- und Tierproduktion zur Aufgabe hatte.

Das Gebäude der ehemaligen Butterei steht noch heute in Nordhof, einem Ortsteil von Friedenshorst im Krs. Neuruppin.

Seitenanfang

Der Eisenbahnbau

Eine Weiterentwicklung des Ortes wurde mit dem Bau der Eisenbahnstrecke Berlin-Hamburg um die Mitte des 19. Jahrhunderts eingeleitet. Am 05.10.1846 wurde die Strecke in Betrieb genommen, zunächst ein-, dann zweigleisig. Das erste Bahnhofsgebäude fand 1859 urkundliche Erwähnung. An jeder Seite des Bahnsteiges stand eine flache Wärterbude, besetzt mit einem Weichenwärter. Der zunehmende Verkehr zwang 1902 und später nochmals 1934/36 zu einem größeren Umbau. Das Bahnhofsgebäude wurde aufgestockt, und es wurden neue hohe Stellwerke errichtet, von wo aus man den Verkehr besser übersehen konnte.

Mit der Bahn sind es nach Berlin nur knapp 50 km. Die nahe Bahnverbindung in die aufblühende Hauptstadt wurde für die Entwicklung von Paulinenaue in vielerlei Hinsicht von besonderer Bedeutung. Nach der Eröffnung des Bahnhofs entstanden um 1850 auch die ersten Häuser außerhalb des Landwirtschaftsbetriebes, zunächst in der Bahnhofstraße und dann in der Ruppiner Straße.

1859 zählte Paulinenaue 118 Einwohner.

Am 12.09.1880 wurde eine Nebenstrecke von Paulinenaue nach Neuruppin, nördlich durchs Luch über Lobeofsund, Karwesee und Fehrbellin, eröffnet. Von Nauen aus konnte man mit der „Pauline“ direkt bis Neuruppin fahren. Der Zug führte nur zwei Personenwagen. Wenn er allerdings noch viele Güterwaggons hintergehängt hatte, konnte die Fahrt ab Paulinenaue recht lange dauern. Die Strecke besteht heute noch, allerdings nur bis Fehrbellin und nicht mehr für den Personen-, sondern nur noch für den Güterverkehr. Die durchgehende Bahnlinie bis Neuruppin wurde um 1970 leider durch den Autobahnbau Berlin-Rostock unterbrochen.

Von Paulinenaue aus gab es außerdem eine Kleinbahn über Brädikow, Wagenitz, Senzke und Kriele nach Rathenow. Sie wurde als Zubringer zwischen den Staatsbahnstrecken Berlin-Hamburg und Berlin-Hannover gebaut. Am 02.04.1900 wurde die den Kreis Westhavelland in einer Länge von 31 km durchziehende Strecke eröffnet. Diese Kleinbahn begann an einer Drehscheibe gegenüber dem heutigen Landwarenhaus, verlief auf der zweiten Straßenfahrbahn und überquerte kurz vor dem Haus Gnewikow den Brädikower Weg. Dort war nämlich die Güterabfertigung und Umladestation für die Haupt- und Nebenstrecken. Die Kleinbahn verlief dann neben der Berlin-Hamburger und zweigte etwa 1,5 km hinter Paulinenaue nach Süden ab, überquerte etwas weiter südlich der Straßenbrücke den Havelländischen Hauptkanal nach Brädikow und ging weiter über Senzke und Ferchesar nach Rathenow. Die Streckenführung weckt Verständnis für den Spitznamen „Krumme Pauline“. Um die Zuckerfabrik in Nauen ebenfalls an die Kleinbahn anzuschließen, wurde am 01.10.1901 eine Zweigstrecke von Senzke aus in Betrieb genommen.

Mit Wirkung vom 01.04.1924 wurde auf Beschluß des Kreistages der Personenverkehr zwischen Paulinenaue und Senzke eingestellt. Das Streckengleis Paulinenaue-Brädikow ist damals abgebaut und als Reserve eingelagert worden. Zwischen Brädikow und Senzke wurden weiterhin bis 1943 bedarfsweise Güter befördert und Rübenzüge eingesetzt. Die Kleinbahn von Nauen über Selbelang, Pessin und Senzke nach Rathenow fuhr noch bis Anfang 1961.

Durch die beiden Nebenstrecken wurde Paulinenaue Umsteigebahnhof. Auf dem Bannhofsvorplatz, über den man zum Umsteigen in die Kleinbahn mußte, standen noch bis 1946 große Lindenbäume.

Seitenanfang

Die zweite Luchmelioration

Eine stärkere Besiedlung setzte in Paulinenaue erst zu Beginn unseres Jahrhunderts ein. Sie ging einher mit der weiteren Trockenlegung und Urbarmachung des Luches, das wiederholt von Überschwemmungen heimgesucht wurde. Die zweite Luchmelioration sah eine Neugestaltung der gesamten Meliorationsanlagen vor, unter anderem die Verbreiterung und Vertiefung des Großen und Kleinen Hauptkanals in ihrem ganzen Verlauf sowie die Anlage eines neuen Netzes von Binnengräben mit Schöpfwerken. Der vom Meliorationsinspektor Ippach erarbeitete Plan wurde 1907 von der neu gegründeten „Havelländischen Luchmeliorations-Genossenschaft“ in Angriff genommen. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges drohte den Fortgang der Arbeiten zu gefährden, doch dann wurde in Bergerdamm ein großes Kriegsgefangenenlager eingerichtet. Ab März 1915 wurden an die 5000 russische Kriegsgefangene, die unter sehr unwürdigen Verhältnissen leben mußten, bei den schweren Kultivierungsarbeiten im Luch eingesetzt. Im Herbst 1924 ist der gesamte Ausbau des Hauptgrabensystems fertiggestellt worden. Die Luchböden bei Paulinenaue nördlich des Hauptkanals wurden erst nach 1920 im eigentlichen Sinne landwirtschaftlich nutzbar. Vor der Urbarmachung gab es im Luch viele Erlen- und Weidenbüsche, aber auch viel Wild. Eine wesentliche Verbesserung für die Ent- und Bewässerung brachten die Schöpfwerke und Stauwehre. In den 30er Jahren wurde die Luchmelioration durch den Reichsarbeitsdienst weitergeführt. In den Jahnbergen, heute ein Naturschutzgebiet im Luch, hatte er ein großes Barackenlager.

Auf die Besiedlung der Luchgebiete nahm die am 25. Mai 1914 in Nauen konstituierte Siedlungsgesellschaft „Landgesellschaft Havelland-Ruppin G.m.b.H.“ wesentlichen Einfluß. In § 2 der Satzung waren als Aufgaben formuliert: „… die in gemeinnütziger Weise durchzuführende Urbarmachung, kulturelle Erschließung und Besiedlung der großen, in den drei Landkreisen gelegenen Moor- und Luchgebiete, verbunden mit der Vermehrung der Bauernstellen und der Seßhaftmachung von Arbeitern in den angrenzenden Gemeinden.“ Sie arbeitete dazu eng mit der Luchmeliorations-Genossenschaft zusammen. Die Siedlungsgesellschaft begann 1914 sowohl bereits kultiviertes als auch unkultiviertes Land aufzukaufen und erwarb auch die Ländereien in und um Paulinenaue.

Mit Beginn des 1. Weltkrieges setzte eine wilde Bodenspekulation ein. Finanzkräftige Unternehmer versuchten ihr Geld so schnell wie möglich anzulegen. Bezahlte man vor dem Kriege für einen Hektar Luchboden 250-300 Mark, so stiegen die Preise bis zum Ende des Krieges auf das 10fache. Auch in der Gemarkung Paulinenaue wurden zahlreiche größere, mittlere und kleinere Landkäufe getätigt, und es entstanden neben dem eigentlichen Gutsbetrieb neue landwirtschaftliche Siedlerstellen, die z.T. bis weit ins Luch hineinreichten.

Die Luchflächen um Paulinenaue wurden aber auch von weiter entfernt liegenden Orten ausgenutzt. So besaßen bzw. erwarben entlang des Havelländischen Hauptkanals die Pessiner, Retzower, aber auch Bauern von Groß- und Klein-Behnitz Wiesen. Die Mäher und Mägde kamen früher oft für eine ganze Woche zum Heumachen ins Luch. Morgens und abends wurde gemäht, während des Tages geheut, und nachts schliefen sie in den Heuschobern. Noch heute fahren die Retzower und Pessiner ins Luch hinter Paulinenaue zum Melken oder Heumachen. Nur Heuschober findet man nicht mehr.

Seitenanfang

Ab 1924 selbständige Gemeinde

1912 ging der Name des Vorwerkes Paulinenaue auf den gesamten Nordteil (Anteile IV., V. und VI) des Gutsbezirkes Pessin über. Durch Erlaß des Preußischen Staatsministeriums vom 8. Dezember 1924 (Amtsblatt der Regierung Potsdam 1925, S. l) wurden diese Anteile in zwei selbständige Landgemeinden umgewandelt; westlich des Mangelshorster Dammes Paulinenaue und östlich Bergerdamm. Paulinenaue wurde dem Kreis Westhavelland (Rathenow) zugeordnet. Erst seit der Verwaltungsreform von 1952 gehört die Gemeinde zum Kreis Nauen.

Der erste Amtsvorsteher war Friedrich Grundmann (geb. 23.07.1872, gest. 28.04.1957). Er wohnte in der Waldstraße, führte zugleich die Buchhaltung auf dem Schurig’schen Gut und richtete damals in seinem Haus auch die erste Sparkasse des Ortes ein. Ab 1930 übernahm der ehemalige Wiesenbaumeister der Luchmeliorations-Genossenschaft Mahrenbach bis 1945 dieses Amt. Er verkaufte sein Grundstück im Luch und zog in die Brandenburger Allee 1 (Haus Hammler). Das kleine Nebengebäude auf dem Hof war das Gemeindeamt.

Die Gemarkung von Paulinenaue umfaßt 1382 ha.

Bereits vor, während und kurz nach dem 1. Weltkrieg war eine zunehmende Ansiedlung zu verzeichnen. Jedoch erst mit der Bildung der selbständigen Gemeinde setzte die eigentliche Entwicklung des Ortes ein. Die Einwohnerzahl stieg von 214 im Jahre 1895 auf 516 im Jahre 1931 und 717 bei Ausbruch des 2. Weltkrieges 1939.

Mittelpunkt der Gemeinde war und blieb der Gutsbetrieb. Neue Siedlerstellen kamen hinzu, vor allem im Luch. Die Landwirtschaft stellte den Haupterwerbszweig. Daneben entwickelte sich der Obst- und Gemüsebau, wesentlich gefördert durch die Nähe Berlins. Es entstanden mehrere Gartenbaubetriebe, und in den 20er und 30er Jahren faßten auch Handel, Handwerk und Gewerbe Fuß. Mit der 1922 gebauten neuen Schule entwickelte sich das Schulwesen weiter. Am 11. April 1929 wurde die Freiwillige Feuerwehr gegründet [Die Feuerwehr wurde am 04.03.1929 gegründet, JS.]. Kurzum, es entstand und entwickelte sich all das, was zu einer Landgemeinde gehört. Und das war, gemessen an der Einwohnerzahl, nicht wenig. Immerhin gab es damals, nur wenige Jahre nach der Gemeindegründung, 3 Lebensmittelgeschäfte, teilweise mit Industriewaren, 7 Handwerksbetriebe einschließlich Bäckerei und Schlachterei, 2 Gastwirtschaften, eine Zahnarztpraxis, die Post und eine Sparkasse.

Seitenanfang

Das Gut Paulinenaue bis 1945

Das seit 1833 zum Gutsbezirk Pessin gehörende Vorwerk Paulinenaue wurde 1914 von dem in Geldschwierigkeiten geratenen Pessiner Gutsbesitzer von Knoblauch an den Grundstücksmakler Staroßte verkauft. Dieser ließ das Gutshaus aufstocken, Ställe und Scheunen erneuern und am sogenannten „Neubau“, eine linke Nebenstraße der Ruppiner Straße, 5 Gutsarbeiterhäuser bauen. Damals gab es dort bereits die Schnitterkaserne und einen Torfschuppen, den späteren Düngerschuppen. Die Neubauten, durchweg Zweifamilienhäuser, brachten eine wesentliche Verbesserung der Wohnverhältnisse. Primitive Bedingungen hatten die Landarbeiter am „Krähenwinkel“ und vor allem in der Schnitterkaserne. Die Schnitterfamilien mußten teils zu dritt in einem Strohsackbett schlafen, und das Ein- und Ausschalten des Lichtes besorgte der Vorschnitter. In einem kleinen Nebengebäude war die Küche. Die Landarbeiterfrauen bereiteten das Mittagessen für ihre Familie vor, gaben es morgens vor Arbeitsbeginn im Topf in die Küche und konnten es zur Mittageszeit, von einer Köchin inzwischen auf einem Grudeherd abgekocht, wieder abholen. Der Arbeitstag, ausgefüllt mit schwerer Handarbeit, dauerte oft 12 Stunden und länger.

Das Gutshaus (ca. 1984)

Im Jahre 1917 verkaufte Staroßte das Gut an die zur Havelländischen Siedlungsgesellschaft gehörende Ritterschaftsbank. Die Bewirtschaftung erfolgte bis 1924 durch verschiedene Verwalter (Grenzer, v. Moltke, Wallmann). Eine Betriebs- und Flurkarte vom 31.01.1922, ausgestellt vom Wiesenbaumeister Theodor Wirth aus Bergerdamm, weist für diese Zeit folgende Bodennutzung des Gutes aus:

Ackerland 490,74 ha
Wiesen 159,35 ha
Weiden 86,95 ha
Hofraum
und Garten
37,44 ha
Holzung 33,81 ha
Torfung 42,00 ha
Gesamt 850,29 ha

 

Die reine landwirtschaftliche Nutzfläche (LN) betrug demnach rd. 737 ha. Das Paulinenauer Gut hatte durchweg geringwertige Böden. Südlich der Eisenbahnlinie bis an den Wald sind Sandböden, nördlich der Bahn geht das Land zunächst in Anmoor und hinter dem Kanal dann in Niedermoor über. Die Paulinenauer Moorböden sind flachgründige Niedermoortorfe mit 70-80 % organischer Substanz auf Talsand. Im Luch sind zumeist Wiesen und Weiden, aber damals wurde auch viel Hanf für die nahe gelegene Hanffabrik angebaut, die 1915/16 in Bergerdamm errichtet wurde. Um 1965 wurde der Anbau und die Verarbeitung von Hanf im Havelländischen Luch eingestellt. Ins Luch hinein verlief eine Feldbahn, in der Ruppiner Straße beginnend, über die Kanalbrücke bis nach Eichberge, dann rechts abbiegend nach Bärhorst, Bergerdamm-Lager, Ebereschenhof bis nach Kienberg. Die Feldbahn diente in erster Linie für den Transport des im Luch abgebauten Torfes, aber auch für den Hanftransport.

Im Jahre 1924 kaufte Dr. Werner Schurig, ein Bruder des in Zeestow bei Nauen ansässigen Gutsbesitzers Schurig, das Gut. Praktisch war es mit rd. 500 ha LN nur noch ein Restgut, denn die Siedlungsgesellschaft hatte inzwischen begonnen, Gutsländereien für kleinere und größere Siedlerstellen in Paulinenaue sowie in den Ortsteilen Eichberge und Bärhorst zu vergeben. Unter Werner Schurig wurde das Gut intensiv bewirtschaftet. Hervorzuheben sind vor allem die Einführung der Beregnung auf den besseren Sandschlägen südlich des Hofes, die Erweiterung und Intensivierung des Gemüseanbaus mit Hilfe der Gärtnerei, die Mechanisierung der Feldarbeiten nach den damals vorhandenen Möglichkeiten, der Aufbau einer Rinder- und Schweinezucht und die intensive Geflügelhaltung. 1925 wurde der Speicher gebaut, und gute Nebeneinnahmen brachte die Brennerei, deren Einrichtungen 1931 aus Marquardt, einem Gut des Berliner Hoteliers Kempinski, aufgekauft wurden. Trotz der geringwertigen Böden entstand ein wirtschaftsstarker Betrieb, der guten Gewinn einbrachte.

Als Ende April 1945 Einheiten der Roten Armee das Gut besetzten, war Schurig mit seiner Familie auf seinem Zweitgut in Schlagenthin bei Genthin. Der Paulinenauer Betrieb wurde der Sowjetischen Militäradministration (SMA) des Landes Brandenburg unterstellt und diente bis Mai 1949 als Versorgungsgut der Roten Armee. Die Verwaltung übernahmen sowjetische Wirtschaftsoffiziere, die mit ihren Stäben in das Gutshaus zogen. Neuer Wirtschaftsleiter wurde Fritz Haarstrich, der als Umsiedler nach Paulinenaue kam. Das Gut erlitt bei Kriegsende kaum Schaden, und die Wirtschaft konnte weitgehend störungsfrei weitergeführt werden. Durch die Abgabe von Bodenreformland an die Paulinenauer Neubauern verminderte sich allerdings die LN erneut auf etwa 340 Hektar.

Seitenanfang

Die zu Paulinenaue gehörenden Ortsteile und Luchsiedlungen Owinaue, Eichberge, Bärhorst und der Lindenhof

Der Ortsteil Owinaue liegt noch innerhalb des Ortes, im Waldstück hinter der Bahnlinie nach Fehrbellin. Die Gemarkung mit einer LN von damals 54 ha war begrenzt im Süden durch die Bahnlinie Berlin-Hamburg, nach Norden über den Kanal hinweg bis an den Weg zur heutigen Mülldeponie und nach Osten durch die Bahnlinie nach Neuruppin. Die Feldmark wurde unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg von Waldemar Becker aufgekauft und als Siedlung aufgebaut.

Waldemar Becker gehörte als Major der Schutztruppe in der damaligen deutschen Kolonie Südwestafrika (dem heutigen Namibia) an. Er gab der Siedlung den Namen, der soviel wie „O wie schön“ bedeutet. Überhaupt kamen nach Paulinenaue damals mehrere, insgesamt sieben aus dem Dienst entlassene Offiziere, die in Paulinenaue siedelten, wie die Majore a.d. Becker und Baumbach, oder nur einen Wohnsitz erwarben. Zu den aus Afrika zurückgekehrten Offizieren gehörte auch Hans v. Natzmann, der Wirtschafter bei Waldemar Becker war und in der „Grauen Laus“ (Mitte der 70er Jahre abgerissenes Haus an der heutigen Mülldeponie) wohnte.
Der Wirtschaftshof war auf dem Gelände, wo in den 60er Jahren der LPG-Stützpunkt war. Dort stand auch der Kuhstall. Um schneller zu seiner Arbeitsstelle zu kommen, hatte sich Natzmann einen Kahn zum Übersetzen über den Kanal zugelegt. Obgleich er dadurch die Bahnlinie umging, soll er trotzdem von der „Pauline“ überfahren worden sein.

Die Gemarkung von Owinaue besteht zum größten Teil aus Wiesen, damals Heu für Militärpferde gewonnen wurde. Das war ein gutes Geschäft, ansonsten aber waren die beiden ehemaligen Offiziere keine Landwirte, und der Besitzer kam immer wieder in Geldsorgen. Seine Frau Emmi Becker, geb. Wahl, war aber sehr reich, und sie konnte immer wieder für Nachschub sorgen. Ihre Eltern waren Industrielle, die u.a. auch ein Stahlwerk in England hatten, so daß ihnen auch die Inflation in Deutschland nichts anhaben konnte. Als Waldemar Becker 1939 starb, führte seine Frau die Wirtschaft bis zum Kriegsende weiter. 1945/46 wurde der Landwirtschaftsbetrieb von der Roten Armee verwaltet und dann für die Bodenreform zur Verfügung gestellt.

Mitten in den Luchwiesen, westlich der Gemarkung von Owinaue, lag das Grundstück des Wiesenbaumeisters Mahrenbach, der 1930 in’s Dorf zog und das Amt des Bürgermeisters übernahm. Er verkaufte das Gehöft an den Berliner Spediteur Fischer, der dort seinen Bedarf an Pferdeheu warb und seine pflasterlahmen Pferde zur Erholung hatte. Das Gehöft wurde von Wascheröl verwaltet und ging nach 1945 in seinen Besitz über. Heute besteht das Gehöft nicht mehr.

Etwa 2 km nördlich von Paulinenaue, über die Kanalbrücke hinweg ins Luch, liegt Eichberge. Den Namen gab es schon im vorigen Jahrhundert als Bezeichnung einer Wiese. 1924/25 siedelten dort 3 Bauern (Seehawer, Waldemar und Leo Mielke) sowie der Major a.d. Baumbach auf dem „Moorhof“. Die auf einem Sandhorst gelegenen Siedlerstellen waren etwa 35 ha große Betriebe mit ausschließlich Moor- und Anmoorböden. Vorher gehörten die Ländereien zum Paulinenauer Gut, und nach 1945 wurden im Zuge der Bodenreform weitere kleinere Neubauernstellen geschaffen. Der Ortsteil Eichberge war die erste Haltestelle der Eisenbahn von Paulinenaue nach Neuruppin. Auch die Feldbahn von Paulinenaue nach Kienberg passierte die Haltestelle. Somit war Eichberge auch zugleich Verladeplatz für den Transport von Torf und landwirtschaftlichen Gütern.

Von Eichberge rechts abbiegend kam man nach Bärhorst. Dieser Ortsteil entstand ähnlich wie Eichberge durch Abtrennung von den Paulinenauer Gutsländereien im Jahre 1924. Den Namen erhielt er von seinem Besitzer Fieguth. Die knapp 90 ha waren ebenfalls Luchböden. Auf einem Sandhorst stand ein Wohn- und Wirtschaftsgebäude und eine riesige Feldscheune, von wo aus die Ländereien bewirtschaftet wurden. Unmittelbar hinter Bärhorst wurde auf einer Gesamtfläche von etwa 40 ha Torf gestochen. Die Feldbahn hatte einen Abzweig direkt in den Ortsteil. 1945 wurde auch Bärhorst durch die Bodenreform aufgesiedelt.

Im nördlichen Teil der Gemarkung zwischen Eichberge und Bärhorst liegt der Sonnenhof, direkt an der Grenze zum Kreis Neuruppin. Frau Raschke unterhielt dort mit ihrer Tochter einen Weidebetrieb. Die Ländereien werden heute noch als Jungrinderweide genutzt.

Von Bärhorst südlich führte eine Straße zum Lindenhof. Er hätte auch Fliederhof heißen können, aber der Name ist sicherlich an das nahe gelegene Lindholz angelehnt. Der Hof wurde im Jahre 1917 von den Gebrüdern Carl und Arthur Knauer gegründet. Auf ihrem Grundstück richteten sie ein Trabergestüt ein, und sie erreichten beachtliche Zucht- und Rennerfolge. Während der Saison waren die zu Rennen oder zum Training eingesetzten Traber auf der Rennbahnanlage in Berlin-Mariendorf. Nur zur Erholung und zur Zucht waren die wertvollen Traberpferde auf dem Lindenhof bei Paulinenaue. Es ist schon beachtlich, daß auf den Moorkoppeln so robuste und leistungsstarke Rennpferde heranwuchsen.

Carl und Arthur Knauer blieben Junggesellen. Sie lebten nur für den Trabersport. Zum Wochenende brachte sie ihr Stallmeister Herter mit dem Kutschwagen zum Paulinenauer Bahnhof, und sie kehrten von der Rennbahn in Westberlin meist mit Siegerschleifen und Pokalen zurück. Die Glasvitrinen in den großen Wohnräumen waren voller wertvoller Pokale. Zu jedem Pokal wußten die Knauers den Stammaufbau des Siegerpferdes und den spannenden Rennverlauf noch Jahre danach interessant zu erzählen.

Oft kamen auch Gäste aus Berlin auf den Lindenhof. So u.a. der in den 30er Jahren sehr bekannte Profiboxer Max Schmeling. Auf dem „Fuchsberg“ (heute Weidezentrale eines modernen Milchviehweidekombinates des VEG Tierzucht Paulinenaue) veranstalteten die Knauers mit Schmeling Tontaubenschießen.

Carl Knauer starb 1957, und sein Bruder Arthur am 03.01.1964, kurz nach Silvester. Beide sind zusammen mit ihrer Wirtschafterin Charlotte Quaaß, der „Tante Lotte“, auf dem Paulinenauer Friedhof beigesetzt. Ganz im Sinne des berühmten Traberzüchters gestaltete sich die Beerdigung von Arthur Knauer. Eine würdige Umrahmung gaben die Gestütswärter des Hengstdepots Neustadt/Dosse mit ihren wertvollen Pferden. Andererseits hatte er sich kategorisch verbeten, daß zu seiner Beisetzung der Pastor den Friedhof betritt. Knauer hatte zwar seine Geldspende zum Paulinenauer Kirchenbau 1932 gegeben, aber es wurmte ihn doch sehr, daß ihm danach der Pastor noch eine Nachberechnung der Kirchensteuer wegen angeblich hoher Renngewinne stellte.

Der Lindenhof besteht heute nicht mehr. Es gab keine Erben. Noch heute finden jährlich auf der Westberliner Trabrennbahn Mariendorf Knauer-Gedächtnisrennen statt. Arthur Knauer war Ehrenmitglied der Mariendorfer Rennbahn. Mit seinem Namen werden weiter Geschäfte gemacht, aber sein Grab ist vergessen.

Seitenanfang

Die Brandenburger Allee und Bahnhofstraße in den 20er und 30er Jahren

Paulinenaue als Landgemeinde weicht in der Eigenart vom üblichen Charakter eines Bauerndorfes ab. Maßgebend wird das Ortsbild durch kleine Siedlerstellen in aufgelockerter Form bestimmt, dazwischen Gärten, Obst- und Gemüseplantagen. So ist es heute noch. Die großen Wohnblocks und auch die meisten neuen Einfamilienhäuser, die den Großteil der später zugezogenen Einwohner aufgenommen haben, liegen zumeist konzentriert im Ortszentrum. Die Brandenburger Allee und die Bahnhofstraße bilden die Hauptstraße des Ortes in einer Länge von etwa 2 km. Vergegenwärtigen wir uns einmal, von der F 5 kommend, die relativ junge geschichtliche Entwicklung und Besiedlung in den 20er und 30er Jahren an markanten Objekten dieser Ortsdurchfahrt.

Ortslage Paulinenaue

Wenn man am Ortseingangsschild ist, hat man schon einen Teil des Ortes passiert. Die heutige Paulinenauer Gemarkung beginnt bereits vor dem Wald. Hinter dem Schinkel’schen Grundstück, rechts im Birkenwäldchen, folgt der „Rote Husar“. Das im Wald gelegene größere Gehöft ist von der Chaussee aus nicht zu sehen. Es war früher die zu Pessin gehörende Bredow’sche Schäferei. In Pessin gab es zwei Gutsbesitzer, im Schloß den v. Knoblauch und im Gutshaus des heutigen VEG Tierzucht wohnend den v. Bredow. Das Land zwischen der Schäferei und dem Bienfarmer Weg war eine große Wiese und diente dem Schäfer Zepernick als Schafhutung. Der Name „Roter Husar“ stammt ab von den roten Husaren, die in der damaligen Kreisstadt Rathenow ihre Garnison hatten und mit Vorliebe die im Wald versteckte Schäferei als Manöverquartier nutzten.

Nach dem Verkauf der Schäferei übernahm Schurig das Land für seinen Paulinenauer Gutsbetrieb, und das Waldgrundstück erwarben ab 1930 nacheinander zwei Berliner Familien als ihren Landsitz. Zunächst wohnte dort eine Familie Wölke. Er führte ein Geschäft für medizinische Bedarfsartikel am Kurfürstendamm in Berlin, ließ sich morgens mit der Kutsche zum Bahnhof bringen und abends wieder abholen. Die Bahnverbindung nach Berlin muß damals also sehr günstig gewesen sein.

1938 verkaufte Wölke das Grundstück an Professor Dr. Dr. h.c. Carl Ramsauer. Ramsauer war Physiker und lehrte damals, nach Heidelberg und Danzig, an der Technischen Hochschule Berlin. Auf seinem Fachgebiet wurde er international bekannt durch seine Arbeiten über die Absorption von Elektronen in Gasen sowie zum Verhalten schnell bewegter Körper im Wasser und beim Aufprall auf die Wasseroberfläche. Carl Ramsauer starb am 24.12.1955 und ist, wie auch seine Frau, in Paulinenaue beerdigt.

Gegenüber dem „Roten Husar“, auf der anderen Straßenseite, ist der Paulinenauer Bauernwald, der heute von der Försterei Ribbeck aus verwaltet wird. Der Wald ist Teil der sogenannten „Pessiner Heide“ und wurde nach 1945 bei der Bodenreform an die Paulinenauer Bauern vergeben. Das von Pessin aus links vor dem Wald liegende Grundstück Arndt wurde erst 1983 der Gemeinde Paulinenaue zugeordnet. Insofern hatte das Ortseingangsschild schon seinen richtigen Standort, denn als 1924 Paulinenaue selbständige Gemeinde wurde, begann der Ort tatsächlich erst mit dem Gehöft von Paul Krys.

Nach dem 1. Weltkrieg errichtete die Siedlungsgesellschaft Havelland-Ruppin an der Brandenburger Allee, wie auch an der parallel dazu verlaufenden Waldstraße, mehrere kleine Siedlerstellen mit nur wenigen Morgen Land. Man erkennt noch heute den weitgehend einheitlichen Baustil der damaligen Siedlungshäuser. Als Nebenerwerb betrieben die Siedler einen intensiven Gartenbau mit vorwiegend Apfel-, Erdbeer- und Spargelplantagen. Ansonsten waren sie in verschiedenen Berufen und Arbeitsstellen tätig, wie z.B. Fritz Boddin, 1984 mit 94 Jahren ältester in Paulinenaue ansässiger Bürger, der bei der Post arbeitete und von 1935 bis 1945 ein Taxi führte.

Um 1930 siedelten sich in der Brandenburger Allee auch die ersten selbständigen Handwerker und Geschäftsleute an. Am 01.04.1929 gründete Johannes Schröder sein Malergeschäft und am 01.06.1931 Gotthold Nüse ein Brunnenbaugeschäft sowie eine Reparaturwerkstatt. Schräg gegenüber der heutigen Bürgermeisterei eröffnete 1932 Max Daenicke ein Lebensmittelgeschäft, in dem man auch verschiedene Industriewaren kaufen konnte. Das Grundstück des heutigen Gemeindeamtes war bis 1945 die Viehhandlung Goy. Auf dem Wirtschaftshof befindet sich heute die Annahmestelle für das reichlich in Paulinenaue anfallende Obst und Gemüse.

An der Abzweigung nach Bienenfarm endet die Brandenburger Allee und nach der Linkskurve beginnt die Bahnhofstraße. Das erste Gehöft rechts gehörte Wilhelm Buchta, der dort 1933 eine Kohlenhandlung eröffnete. Das Grundstück der heutigen Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft baute Wilhelm Schumacher auf, der 1907 mit seiner Familie nach Paulinenaue kam. Er errichtete eine Gärtnerei und gilt als der Wegbereiter des Gemüseanbaus im Ort. Nach 1945 führte sein Schwiegersohn Willi Schäplitz die Gärtnerei weiter, der auch 1960 die Initiative zur Bildung der GPG ergriff.

Gegenüber der Gärtnerei wurde 1931/32 die Kirche gebaut. In einem Zeitungsartikel anläßlich der Grundsteinlegung heißt es dazu:

„Noch als Paulinenaue ein Teil der Kirchengemeinde Selbelang war, plante man einen Kirchenbau. Doch recht in Fluß kam die Sache erst, als die selbständige Kirchengemeinde Paulinenaue am 1. April 1929 gegründet und mit dem Pfarramt Pessin verbunden wurde. Im Jahre 1929 wie im Jahre 1930 wurde dann je ein Baubeschluß gefaßt; beide aber wegen Mangel an Mitteln nicht genehmigt. Dem nunmehr genehmigten Baubeschluß liegen Pläne des Architekten Dipl.-Ing. E. Rettich aus Berlin-Kladow zu Grunde. Die Bausumme beträgt 14 000 RM, wovon 10 000 RM das Konsistorium der Mark Brandenburg als Beihilfe gibt.“

Als erstes Ehepaar wurden Else und Oskar Huth Ende 1932 in der damals noch nicht ganz fertiggestellten Kirche getraut. Das Standesamt führte Lehrer Ernst Richter in der damaligen Schule. So hatte man standesamtliche und kirchliche Trauung unmittelbar nebeneinander.

Zwischen Kirche und Schule, die heute Kinderkrippe ist, beginnt die Waldstraße, an der ähnlich wie an der Brandenburger Allee Siedlerstellen entstanden. Am 01.05.1933 eröffnete Georg Wolf die noch heute bestehende Tischlerei, bei Friedrich Grundmann war die erste Sparkasse, und das Gebäude der heutigen Waldstraße 5 war ein Heim für uneheliche Kinder reichbemittelter Leute, die nicht genannt sein wollten. Das Kinderheim leiteten Margarete von Jagow und Meta Knechtel. In den letzten 15 Jahren wurden in der Waldstraße mehrere neue Eigenheime gebaut und die meisten älteren Siedlerhäuser durch Um- und Ausbau modernisiert.

Verfolgen wir die Bahnhofstraße weiter, dann folgt nach der heutigen Kinderkrippe das wohl älteste Handwerksgeschäft Paulinenaues, die 1920 eröffnete Schuhmacherwerkstatt Geue. Sie wird noch heute von der Tochter Frau Hartung weitergeführt. Der Schuhmachermeister Bernhard Geue führte nicht nur Reparaturen durch, sondern man konnte in seiner Wohnung auch neue Schuhe und Stiefel kaufen.

Die Schulen in der Bahnhofstraße sollen in einem gesonderten Abschnitt zur Entwicklung des Schulwesens behandelt werden.

In der heutigen Sparkasse hinter der neuen zehnklassigen Oberschule war die von Bäckermeister Bernhard Lungfiel im Jahre 1927 eingerichtete Bäckerei. Sie wurde noch bis Anfang der 70er Jahre, zuletzt von Bruno Czerniak, betrieben.

Die heutige Konsumgaststätte ist schon vor der Jahrhundertwende (1886) als Gasthaus „Zu den drei Landkreisen“ gebaut worden. Mit den drei Landkreisen waren Westhavelland, Osthavelland und der Ruppiner Kreis gemeint. Tatsächlich berührten die Grenzen dieser drei Kreise die Gemarkung von Paulinenaue. In einen Anbau der Gaststätte betrieb der Besitzer Wilhelm Grabau auch noch einen „Kaufmannsladen“, den ersten im Ort, und von 1920-46 war davor eine öffentliche Tankstelle. Der Saal wurde an die Gastwirtschaft erst 1933 angebaut. Eine zweite Gastwirtschaft war im Bahnhofsgebäude, die in den 20er und 30er Jahren Theodor Bremer betrieb. Die Bahnhofsgaststätte bestand bis 1960 und hatte ebenfalls regen Zuspruch.

Im Jahre 1894 ließ Wilhelm Grabau auch das Postgebäude bauen. In der Post waren 6 Angestellte beschäftigt. Durch die beiden Nebenstrecken der Eisenbahn hatten sie auch die Post in die Orte an den Bahnlinien nach Neuruppin und Rathenow zu sortieren und weiterzuleiten. Ein Postauto, wie heute aus Nauen, fuhr erst ab 1952.

Von der Konsumgaststätte aus verläuft die Bahnhofstraße in zwei Fahrbahnen. Die linke Fahrbahn wurde erst 1923 nach dem Abriß der Kleinbahnstrecke nach Rathenow frei. Am neuen Feuerwehrdepot endet die Bahnhofstraße. Dort ist auch die Haltestelle der seit 1965 bestehenden Busverbindung nach Nauen.

Seitenanfang

Die Ruppiner Straße

Über den beschrankten Bahnübergang führt die Ruppiner Straße nach Norden geradewegs in Richtung Kanalbrücke und Luch. Sie gehört mit zu den ältesten Straßen von Paulinenaue. Bereits Ende des vorigen Jahrhunderts wurden das Eisenbahnerhaus links vor den Bahnschranken und die folgenden drei Häuser hinter der Bahn gebaut. Alt ist auch der heutige Düngerschuppen, der früher Torfschuppen war. Im Luch, bei der heutigen Mülldeponie und vor allem hinter Bärhorst, ist bereits vor dem 1. Weltkrieg viel Torf gestochen worden. Der Transport wurde mit der Feldbahn bewältigt. Die Räume im Mittelteil des Torfschuppens waren Essen- und Aufenthaltsräume für die Torfarbeiter, die sogenannte „Torfkantine“.

Interessant ist die Geschichte des nachfolgenden langgestreckten Gebäudes Ruppiner Straße 9. 1919 richtete dort Professor Goldschmidt eine Schweißerei ein, in der das noch heute angewandte Verfahren des Thermitverbundschweißens entwickelt wurde. Nach dem Tode von Goldschmidt 1923 und der Einstellung seiner Versuchsarbeiten, übernahm Ewald Werner das Gebäude, zunächst als Obstmosterei. Die Werner’s kamen 1901 aus Werder und hatten anfangs eine Plantage als Pachtland vom Gut in der heutigen Philipp-Müllerstraße rechts hinter der Bahn. Inmitten dieser Anlage wohnten sie in einem kleinen Gartenhaus unter einem großen Walnußbaum, später in einer eigenen Plantage am Weg nach Owinaue, wo ebenfalls Goldschmidt eine Gärtnerei hatte. Die „Dicke Werner’n“, wie die Paulinenauer sie nannten, knauserte beim Obst- und Gemüseverkauf mit jedem Gramm und Pfennig. Aber wie das so ist, sie wurde damit reich. Ihr Sohn Ewald war dazu ein cleverer Geschäftsmann. Als die Mosterei nicht mehr genug einbrachte, gründete er ein Transportunternehmen, kaufte abends bei seiner Rundfahrt durchs Dorf Obst und Frischgemüse auf und schaffte es nachts mit seinen LKW nach Berlin in die Markthallen. Ein sehr gutes Geschäft brachten vor allem die Erdbeeren, die von den Siedlern reichlich angebaut und zum Verkauf angeboten wurden.

Aus der ehemaligen Mosterei wurden somit Garagen und Lagerräume für Obst und Gemüse. Nach dem Kriege wurde das Grundstück verschiedenartig genutzt. Es war dort die Aufkaufstelle der VEAB für Obst und Gemüse, eine LKW-Garage war zwischenzeitlich Feuerwehrdepot und ein Großteil des ehemaligen Werkstattgebäudes wurde zu Wohnungen ausgebaut. Heute gehört das Grundstück zur Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft. Auf der rechten Straßenseite ist die Schlachterei Schröder. Sie wurde 1931 eröffnet. Vorher gab es in Paulinenaue nur eine kleine „Wurstbude“ gegenüber dem Bahnhof. Dort konnte man zweimal wöchentlich Fleisch und Wurst von einem Schlachter aus Fehrbellin kaufen. Früher war es üblich, daß der Fleischer den Viehaufkauf und die Schlachtung selbst durchführte. Dazu baute Walter Schröder ein gesondertes Schlachthaus, als Anbau hinter der Goldschmidt’schen Werkstatt gelegen. Dort wurden auch die Hausschlachtungen durchgeführt, und es war noch bis Anfang der 50er Jahre in Betrieb. Die Schlachterei wird heute vom Sohn Herbert Schröder privat weitergeführt. Sie ist von ihm weiter ausgebaut und modernisiert worden.

Im Haus vor Schlachter Schröder, Ruppiner Straße l, war ein Lebensmittelgeschäft. Es wurde 1920 eröffnet und in den ersten Jahren von den Geschwistern Bethke betrieben, bis es 1932 Paul Manthei kaufte. Frau Krutz, verwitwete Manthei, führte das Geschäft bis 1958 und übergab es dann der Konsumgenossenschaft. Mit der Errichtung eines zentralen Landwarenhauses im Dorfzentrum wurden 1976 die beiden kleineren Lebensmittelgeschäfte Ruppiner Straße und Brandenburger Allee sowie der Industriewarenladen an der Konsumgaststätte aufgelöst.

Im Gebäude des heutigen Landambulatoriums wohnte in den 20er Jahren ein Oberst a.d. Freiherr v. Diringshofen. Ähnlich wie der ehemalige Major Prentzel, der seinen Wohnsitz in der Bahnhofstraße im heutigen Schulhaus Kirfel hatte, führten die Familien der aus dem Dienst entlassenen Offiziere mit ihrer hohen Pension einen recht wohlhabenden Haushalt.

Hinter der Poliklinik, an der heutigen Jahnstraße, standen während der Nazizeit Baracken der Organisation Todt, die heute zu Wohnungen ausgebaut sind. Am Ende dieser Straße war in den 20er Jahren die Geflügelfarm Schulz. Er hatte sich 1924 das zur Goldschmidt’schen Schweißerei gehörende Wohnhaus gekauft und dort eine Brüterei eingerichtet. Mit seiner Geflügelfarm und Brüterei ging er jedoch 1931 Pleite. Bei der Versteigerung erwarb Borchmann das Wohngrundstück am „Neubau“ und das Gelände der Geflügelfarm für die Anlage einer Obstplantage. Am Ende der Ruppiner Straße führt rechts ein Feldweg zum Friedhof und zum Sportplatz am Lindholz.

Seitenanfang

Professor Goldschmidt forschte in Paulinenaue

Der Chemiker Johannes Goldschmidt ist der Erfinder der Aluminothermie. Durch eine chemische Reaktion zwischen Aluminiumpulver und Metalloxyden entsteht unter sehr hohen Temperaturen ein Schmelzvorgang. Dieses 1894 erfundene Verfahren eignet sich auch zum Schweißen von Metallen. Die Technologie für das Thermitschweißen wurde in Paulinenaue erarbeitet.

Von Berlin aus richtete Professor Goldschmidt 1918/19 in der Ruppiner Straße eine Werkstatt für die Weiterentwicklung von Schweißverfahren ein. Die Versuchswerkstatt war in dem Flachbau Ruppiner Straße 9 gegenüber der Schlachterei Schröder. Die Werkstatt bestand aus einer Schweißerei und Tischlerei. Dort waren 12-15 Mann beschäftigt, durchweg Berliner. Sie wohnten in dem angrenzenden, ebenfalls zur Werkstatt gehörenden Wohnhaus am „Neubau“, dem heutigen Haus Borchmann. Einige Familien hatten auch Wohnungen im Gebäude des heutigen Landambulatoriums. Das wichtigste Ergebnis in der kurzen Zeit ihres Wirkens in Paulinenaue war die Entwicklung einer neuen Technologie des Thermitverbundschweißens, wonach noch heute Bahnschienen zusammengeschweißt werden. Goldschmidt forschte auch in einer Gärtnerei in Paulinenaue. Sie befand sich gegenüber dem heutigen Landambulatorium, auf dem Gelände einer Plantage, die sich früher links der Ruppiner Straße bis zum Kanal hinzog. Einige Paulinenauer, wie Willi Ulrich und Martin Krüger, haben dort zeitweilig gearbeitet. Im heutigen Haus Marquardt wohnte der Gärtnermeister Kubiella, der im Auftrag von Goldschmidt in einem größeren Gewächshaus Pflanzenversuche durchführte. Untersucht wurde die Wirkung der Begasung auf das Pflanzenwachstum im Gewächshaus. Dazu wurden verschiedene chemische Substanzen verbrannt und die Abgase durch ein Rohrsystem in das Gewächshaus geleitet. Über die Versuchsergebnisse ist nichts bekannt.

Goldschmidt selbst kam nur gelegentlich nach Paulinenaue. Er leitete seine Versuchsarbeiten zumeist von Berlin aus. Im Alter von 63 Jahren ist er am 21.05.1923 verstorben und auf dem Paulinenauer Friedhof beerdigt worden. Später wurde er jedoch umgebettet. Sein Besitz in Paulinenaue wurde nach und nach aufgelöst und verkauft.

Seitenanfang

Die Kämpfe um Paulinenaue Ende April 1945

Am 27. April 1945 nachmittags gegen 16.00 Uhr besetzte eine polnische Kavallerieabteilung Paulinenaue und brachte nach fünfeinhalb Jahren Krieg auch für diese Gemeinde den ersehnten Frieden.

Der Weg jener polnischen Truppenteile, die 1945 an der Seite der Sowjetarmee im Berliner Raum kämpften, wird in dem polnischen Buch „Zwyciestwo“ (Der Sieg) von Jan Gerhard beschrieben. Die 1. polnische Armee bildete den rechten Flügel der 1. Belorussischen Front, die bei der am 16. April 1945 begonnenen „Berliner Operation“ die Hauptstadt von Norden zu umklammern hatte. Nach der Überwindung des Ruppiner Kanals bei Kremmen rückten die polnischen Streitkräfte in südwestlicher Richtung vor, wobei es harte Kämpfe um die Dörfer Linum und Dechtow gab. Der polnische Autor schreibt:

„Die Deutschen ließen die Vortrupps der angreifenden polnischen Soldaten bis auf kurze Entfernungen herankommen und eröffneten dann ein stürmisches Feuer. Angriffe und Gegenangriffe wiederholten sich unaufhörlich. Erst als Linum und Dechtow fast eingekreist waren, konnten sie im Sturmangriff erobert werden. Danach ergaben sich die Ortschaften Tarmow und Fehrbellin. Die Verfolgung wurde in Richtung Lentzke fortgesetzt. In denselben Abendstunden rückten die Soldaten der 3. Division des Oberst Zajkowski in Betzin ein“.

Paulinenaue wird in dem Buch von Jan Gerhard nicht gesondert erwähnt, aber es ist anzunehmen, daß diese polnische Einheit von Norden durchs Luch kommend am besagten 27. April in Paulinenaue einrückte. Widerstand wurde kaum geleistet, und es gab beim Einmarsch auch keine Verluste unter der Zivilbevölkerung.

Jan Gerhard berichtet jedoch über die weiteren Kämpfe um die Ortschaften Brädikow, Warsow, Vietznitz und Friesack. Starke deutsche Verbände hatten sich mit ihren Panzern und Sturmgeschützen hinter dem Kanal nach Brädikow und auf dem Höhenzug von Brädikow bis nach Friesack verschanzt. Die Kanalbrücken hatten sie gesprengt. Unterstützt von sowjetischen Einheiten mußten tagelang erbitterte Kämpfe von Paulinenaue und von der Bahnlinie nach Friesack aus gegen die sich besonders bei Brädikow und Warsow hartnäckig wehrenden deutschen Besatzungen geführt werden. Die damals im letzten Eisenbahnerhaus an der Straße nach Brädikow wohnende Wanda Kunkel half mit, den von der Kampflinie zurückkommenden Verwundeten die ersten Notverbände anzulegen. „Es war furchtbar“, sagt sie und erinnert sich an Schwerverwundete, die ins Dorf zurückgebracht wurden, wo im heutigen Haus Wienbrack ein sowjetisches Lazarett eingerichtet war.

Erst nach massivem Geschoßwerfereinsatz konnte der Widerstand gebrochen werden. Die Besatzungen von Vietznitz und Friesack ergaben sich nahezu kampflos, und die sowjetischen und polnischen Truppen kamen relativ schnell bis zur Havel voran. Weiter östlich bei Ketzin hatte sich bereits am 25. April der Einkreisungsring um Berlin geschlossen, und am gleichen Tag trafen bei Torgau an der Elbe sowjetische und amerikanische Einheiten zusammen. In den Nachtstunden zum 1. Mai hißten Michail Jegorow und Meliton Kantarija das Siegesbanner auf der Kuppel des Reichstages in Berlin.

Von Paulinenaue und Brädikow aus ging man in den ersten Maitagen daran, die Gefallenen zu sammeln, zu identifizieren und zu begraben. Nur wenige Tage vor dem Frieden wurden sie noch Opfer des Hitlerfaschismus. Wie gerne hätten auch sie ihre Angehörigen wiedergesehen und am Neubeginn teilgenommen.

Seitenanfang

Die Gemeinde in den ersten Nachkriegsjahren und die Durchführung der Bodenreform

Kurz vor dem Einmarsch polnischer und sowjetischer Militäreinheiten am 27. April 1945 waren etliche Familien in weiter westwärts liegende Orte gezogen, um die Kampfhandlungen zu meiden. Sie kamen nach und nach zurück oder auch nicht. Viele Familien kamen neu aus den Ostgebieten hinzu, die dort durch den Krieg ihre alte Heimat verloren hatten. Die Umsiedlung und Neueinbürgerung dauerte bis 1947 an. Die Wohnverhältnisse wurden immer beengter. Ganze Familien bewohnten nur ein Zimmer oder hatten sich in Stallungen und Scheunen vorübergehend eine Notunterkunft eingerichtet.

Eine erste Entlastung brachte die im September 1945 verkündete Bodenreform und die bis in das Jahr 1949 sich erstreckende Realisierung des Neubauprogramms. Der Befehl 209 der Sowjetischen Militäradministration (SMA) vom 09.09.1947 ordnete den Bau neuer Häuser und die Verteilung von Vieh für die Neubauern an. In Paulinenaue wurden als Bodenreformland etwa 150 ha LN vom Gutsbetrieb, darunter das bessere Ackerland an der Brandenburger Allee, mehrere verlassene bzw. enteignete Privatgrundstücke im Ort, Gehöfte in Eichberge und der gesamte Ortsteil Bärhorst vergeben. Es entstanden 32 Neubauernstellen mit Flächengrößen von 8-12 ha, je nach Bodenqualität, davon 24 durch Neubauten und die anderen durch Um- und Ausbau vorhandener Gehöfte. Außerdem konnten Kleinbauern, Kleingärtner, Landarbeiter oder Eisenbahner ihren Besitz durch Bodenreformland aufbessern. Das ging soweit, daß z.T. nur Kleinstflächen von l Morgen Acker oder 1 Morgen Wiese vergeben wurden. Leiter der Bodenreformkommission war Herrmann Marquardt aus der Waldstraße.

Im Ort Paulinenaue selbst entstanden Neubauernsiedlungen am Roten Husar, am Kameruner, Bienfarmer und Brädikower Weg sowie in Owinaue. Aus den 4 Gehöften in Eichberge wurden 10 Alt- und Neubauernstellen, und in Bärhorst siedelten 8 Neubauern. Der Anfang dort war besonders schwierig. Mehrere Umsiedlerfamilien wohnten zunächst unter primitiven Bedingungen in der großen Holzscheune, bis sie ihr Neubauernhaus beziehen konnten. Aus bescheidenen Anfängen heraus, mit wenig Saatgut und oft nur einer Kuh oder Färse als Anfangskapital mußte der Acker bestellt und ein größerer Viehbestand aufgebaut werden. Nach Möglichkeit half der von der Sowjetischen Militäradministration verwaltete Gutsbetrieb. Von Mai 1945 bis März 1946 wurde auch der Owinauer Landwirtschaftsbetrieb von der Roten Armee verwaltet. Viele Neusiedler haben von diesen beiden Betrieben ihr erstes Vieh und Hilfe bei der Landbestellung bekommen. Die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) half ebenfalls über erste Schwierigkeiten hinweg. Mit Beginn der Frühjahrsbestellung 1949 konnten Maschinen über die Maschinenausleihstation Friesack in Anspruch genommen werden. Einen Stützpunkt hatte die MAS in Brädikow.

Die Neubauernstellen in Bärhorst und Eichberge haben sich nur 10 bis 20 Jahre gehalten. In den ersten Nachkriegsjahren gaben sie den Umsiedlern eine neue Existenz in der Landwirtschaft, und die Bewirtschaftung des Bodens war gewährleistet. Mit der Zeit erwiesen sich jedoch die Arbeits- und Lebensbedingungen, einsam und weit draußen im Luch, als sehr nachteilig. Hinzu kam, daß die 1960 beginnende mechanisierte Großraumwirtschaft eine effektivere landwirtschaftliche Produktion mit zunehmend höherer Arbeitsproduktivität ermöglichte. Die Siedler sind nach und nach wieder weggezogen, zumeist in die Zentralgemeinde Paulinenaue. Mitte der 50er Jahre hatte Eichberge 47 Einwohner, heute wohnen dort nur noch 2 Familien mit 7 Personen auf dem Gehöft Seehawer. Bärhorst hatte 43 Einwohner, heute wohnt dort keiner mehr, und die 8 Neubauernhäuser sind wieder abgerissen worden. Eine schwierige Aufgabe hatten die Bürgermeister in den Nachkriegsjahren zu erfüllen. Abgesehen von der Einbürgerung der ständig neu zukommenden Umsiedler und der Durchführung der Bodenreform gab es die größten Probleme bei der Organisierung eines höheren Aufkommens landwirtschaftlicher und gärtnerischer Produkte zu lösen. Die vielen Einzelbauern und Gärtner waren einigermaßen gerecht mit Anbauplan, Viehhalteplan und Ablieferungssoll zu beauflagen, und über eine nicht termingerechte Planerfüllung ist so mancher gestrauchelt. Die sowjetischen Kommandanturen waren in dieser Frage unnachgiebig, denn die Sicherung der Ernährung stand obenan beim Aufbau der neuen antifaschistisch-demokratischen Gesellschaftsordnung. Von Mai 1945 bis Dezember 1946 gab es 6 verschiedene Bürgermeister in Paulinenaue. Erst durch die Wahl von Gerhard Giese am 20.12.1946 trat für eine längere Zeit von 8 Jahren in der Gemeindeverwaltung eine gewisse Stabilität ein. Er wurde 1954 als Bürgermeister nach Friesack abberufen. Ihm folgten Heinz Haedicke, Zuckert und Gerhard Buchholz bis 1958. Vom 01.10.1958 bis 03.02.1965 war Heinz Oetjen und nach ihm bis 30.04.1975 Karl Krüger Bürgermeister in Paulinenaue. Die Gemeindeverwaltung ist seit Ende 1946 in der heutigen Bürgermeisterei.

Bis 1965 stieg die Einwohnerzahl in Paulinenaue auf über l000 an. Die für die Entwicklung der Gemeinde entscheidenden Ereignisse nach der Bodenreform waren in dieser Zeit

1949 Die Rückgabe des SMA-Gutes an die Deutsche Verwaltung und die Gründung des Institutes zur Steigerung der Pflanzenerträge durch die Akademie der Wissenschaften.
1957 Die Übergabe des Institutes an die Akademie der Landwirtschaftswissenschaften als Institut für Grünland- und Moorforschung.
1960 Die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft mit der Bildung der LPG und GPG.

Seitenanfang

Wie Professor Mitscherlich nach Paulinenaue kam und das Forschungsinstitut gegründet wurde

Winter 1944/45. Der Krieg, der 1939 von Deutschland ausging, war nach großen Opfern und Zerstörungen auf deutschen Boden zurückgekehrt. Die Rote Armee durchstieß schneller als erwartet die östlichen Gebiete Pommerns und der Mark Brandenburg in Richtung Oder und Berlin.

In Kutschlau, einer Gemeinde im damaligen Kreis Züllichau-Schwiebus, rüstete man in den letzten Januartagen 1945 zum Aufbruch, um der Front zu entgehen. Dort hatte Professor Dr. Eilhard Alfred Mitscherlich 1941 nach seiner Emeritierung als Professor für Pflanzenbau an der Universität Königsberg/Ostpr. (dem heutigen Kaliningrad) von seiner Tante das Wirtschaftsrecht über einen 750 ha großen landwirtschaftlichen Gutsbetrieb erhalten.

Mitscherlichs wissenschaftliche Arbeiten zur Bodenkunde und Pflanzenernährung waren damals bereits international anerkannt und geschätzt, vor allem die mathematische Formulierung des Wirkungsgesetzes der Wachstumsfaktoren. Engen Kontakt pflegte er mit sowjetischen Agrarwissenschaftlern, vornehmlich mit der Universität Leningrad. Ein Beweis für sein hohes Ansehen in der Sowjetunion war die russische Ausgabe der 3. und 7. Auflage seines Buches „Bodenkunde für die Landwirte, Forstwirte und Gärtner“. In über 100 Stationen wurde in der Sowjetunion Mitscherlichs Gefäßmethode zur Bestimmung des Düngerbedarfs eingeführt, und 1931 übernahm er an der Universität Königsberg ein Seminar für sowjetische Studenten.

Mitscherlich war 1945 bereits 70 Jahre alt (geb. am 29.08.1874 in Berlin). Am späten Nachmittag des 29. Januar 1945 verließ er Kutschlau mit zwei Pferdegespannen. Seine Begleiter waren seine Frau und die heute noch im Paulinenauer Institut tätigen Paul Exner mit seinen Eltern, Käthe Vierjahn mit ihrer Mutter sowie Frieda Drescher mit ihren Eltern und den beiden Jungens. Zwei Tage später überquerten sie die Oder bei Fürstenberg, gerade noch rechtzeitig, denn wenig später wurde die Brücke gesprengt. Über Babelsberg, an Berlin vorbei, ging die ungewisse Fahrt bis ins Havelland nach Sieversdorf bei Neustadt/Dosse. Dort bezogen sie beim Bauern August Pein Quartier und warteten den Einmarsch der Roten Armee und die Kapitulation Hitlerdeutschlands am 8. Mai 1945 ab.

Bereits unmittelbar nach Kriegsschluß nahm Mitscherlich Verbindung zu den sowjetischen Dienststellen auf. Er wollte zunächst nach Kutschlau zurück und erhielt dazu vom sowjetischen Kommandanten ein „Dokument“, auf dem ihm und seiner Begleitung freies Geleit und Hilfeleistung bescheinigt war. Bereits Mitte Mai fuhren sie über Friesack gen Osten zurück. Ab Briesen, an der Abzweigung der Straße nach Rathenow von der F 5, war jedoch auf der Hauptstraße kein Weiterkommen. Durch die einsetzende Rückführung der sowjetischen Militäreinheiten und der nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeiter waren die Straßen überfüllt. Sie versuchten deshalb auf Nebenstraßen zu fahren und kamen dabei am 20. Mai nach Vietznitz im Krs. Nauen. Als sich Mitscherlich am Gutshof nach dem weiteren günstigsten Weg erkundigte, las der Gutsverwalter das Namensschild am Gummiwagen. Er fragte, ob er der Bodenkundler Mitscherlich sei und schlug ihm vor, vorerst in Vietznitz zu bleiben und das Freiwerden der Straßen abzuwarten. Mitscherlich ging darauf ein, und sie bezogen Quartier in einer Gutsscheune.

Das Gutshaus diente als Lazarett, und eines Sonntags fand darin eine Offizierstagung statt. In einer Pause sprach ein sowjetischer Offizier in einem sehr guten Deutsch Mitscherlich an, der auf dem Hof auf einer Bank saß. „Aber Herr Professor, wie kommen denn Sie hierher?“, und als er die russische Ausgabe des Bodenkundebuches sah, die Mitscherlich in diesen Tagen zusammen mit seinem „Dokument“ stets bei sich führte, war er sich sicher, nach 14 Jahren seinen ehemaligen Hochschullehrer aus Königsberg wiedergetroffen zu haben. Der Offizier war Teilnehmer des 1931 stattgefundenen Seminars mit sowjetischen Studenten gewesen.

Von nun an hatte Mitscherlich auch im Friesacker Raum vertrauensvolle Freunde unter den sowjetischen Offizieren, und er besuchte wöchentlich den Stadtkommandanten in Friesack. Der war sich bewußt, in dem international geschätzten deutschen Agrarwissenschaftler einen wichtigen Mitgestalter für ein in Freundschaft mit der Sowjetunion verbundenes besseres Deutschland bei sich zu haben. Damals erschien der Aufruf der KPD vom 11. Juni 1945 zur Frage, wie es weitergehen soll. Da als eine erste dringende Aufgabe die Sicherung der Ernährung zu lösen war, bat er Mitscherlich zu bleiben und mitzuhelfen, schnell wieder an die Friedenserträge heranzukommen. Ein von der Sowjetischen Militäradministration (SMA) verwaltetes Gut sollte die neue Wirkungsstätte sein. Dazu bot sich das etwa 10 km von Friesack entfernt liegende Gut in Paulinenaue an, das damals als Versorgungsgut der Roten Armee diente.

Am 27. Juli 1945, wenige Tage vor der Unterzeichnung des Potsdamer Abkommens, zog Mitscherlich mit seinem kleinen Treck nach Paulinenaue. Der Gutsverwalter im Range eines sowjetischen Leutnants vermittelte die Unterkunft für Mitscherlich im Haus des Gärtners Werner (gegenüber der heutigen Konsumgaststätte) und für die ihn begleitenden Familien in Wohnhaus auf dem Gutshof (Haus Golczyk). Sie nahmen unmittelbar nach ihrer Ankunft in den verschiedensten Arbeitsbereichen des Gutsbetriebes ihre Tätigkeit auf. Aus Kutschlau kamen später noch die Familie Fritsch sowie die Heinzes. Otto Fritsch hatte in Kutschlau die Schmiede.

Mitscherlich übte eine Beratertätigkeit bei den sowjetischen Genossen in der Gutsverwaltung aus und interessierte sich besonders für die Arbeiten in der Gärtnerei. Bald wurde man in höheren Dienststellen auf ihn aufmerksam, und man holte Mitscherlich bereits Ende August 1945 nach Berlin. Seine ersten Aktivitäten waren Landfunksendungen zu aktuellen Fragen der Steigerung der Pflanzenerträge. Auf diese Weise wurde sein reichhaltiger Wissens- und Erfahrungsschatz einem größeren Anwenderkreis nutzbar gemacht. Nach Wiedereröffnung der Berliner Universität im Januar 1946 wurde er auf den Lehrstuhl für Kulturtechnik berufen und Institutsdirektor. 1947 wählte man ihn zum Präsidenten der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft
(DLG) in der damaligen sowjetischen Besatzungszone, die allerdings 1951 aufgelöst wurde und deren Aufgaben der im gleichen Jahr gegründeten „Akademie der Landwirtschaftswissenschaften“ (AdL) übertragen wurden. Damals war Mitscherlich schon wieder in Paulinenaue, und als Wilhelm Pieck anfragen ließ, ob er die Funktion des Präsidenten der Landwirtschaftsakademie übernehmen würde, soll der damals 76jährige alte Mitscherlich gesagt haben: „Ach dafür bin ich nun doch wohl schon zu alt, laßt das doch den Stubbe machen, der Junge ist auch ganz gut“.

So wurde Professor Dr. Dr. h.c. Hans Stubbe 1951 Präsident der AdL, deren Ehrenpräsident er heute noch ist.

Für seine Lehre und Forschung in Berlin, zudem in den damals in Dahlem, also im Westsektor, gelegenen landwirtschaftlichen Instituten der Berliner Universität sah Mitscherlich jedoch für sich keine Perspektive. Er wollte seine langjährigen Forschungsergebnisse in der Praxis verwirklicht sehen, und ihn bedrückte auch die vom Westberliner Magistrat mit der Hilfe der westlichen Besatzungsmächte betriebene Politik der Spaltung Berlins. Er unterbreitete deshalb der Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er 1947 geworden war, den Vorschlag, ein neues Forschungsinstitut außerhalb Berlins direkt in einem größeren Landwirtschaftsbetrieb zu schaffen und dachte dabei an das Gut in Paulinenaue.

Als Mitscherlich im April 1949 zu Besuch in Paulinenaue war und sich auf dem Hof umsah, traf er Otto Fritsch an der Schmiede. Mitscherlich erzählte ihm, daß er sich um die Rückkehr nach Paulinenaue bemühe. Er würde das Gut übernehmen und zu einem Landwirtschaftsinstitut ausbauen. Es gäbe zwar noch einige Fragen mit der Sowjetischen Militäradministration zu klären, aber er sei zuversichtlich.

Der für die sowjetische Gutsverwaltung amtierende deutsche Wirtschaftsleiter Fritz Haarstrich hatte beide an der Schmiede beobachtet und auch erfahren, was Mitscherlich vorhabe. Daraufhin ließ er noch am gleichen Abend Helmut Fritsch in seine Wohnung kommen. Helmut war damals Gespannführer auf dem Hof. Haarstrich erkannte sofort die Situation, sah in Helmut Fritsch einen Vertrauten zum zukünftigen neuen Chef und ernannte ihn zu seinem Stellvertreter. Als die Entscheidung am nächsten Morgen bei der Arbeitseinteilung bekannt gegeben wurde, wußte keiner so recht, um was es dabei ging. Überhaupt blieb alles bis zum letzten Tag ziemlich unbekannt.

Am späten Nachmittag des 31. Mai 1949 wurde dann kurzfristig eine Belegschaftsversammlung vor der Freitreppe des Gutshauses angesetzt. Aus Potsdam war der Leiter der Sowjetischen Militäradministration im Land Brandenburg Generalmajor Wassili Scharow gekommen. Er hielt eine kurze Ansprache, bedankte sich bei den Landarbeitern und gab das Versorgungsgut der Roten Armee an die deutsche Verwaltung zurück. Das vollzog er per Handschlag an Luitpold Steidle, Stellvertretender Vorsitzender für Landwirtschaft bei der Deutschen Wirtschaftskommission. Steidle würdigte die politische Bedeutung dieses Ereignisses und gab das Gut in die Verwaltung der Akademie der Wissenschaften, ebenfalls per Handschlag an Professor Stroux, dem damaligen Präsidenten der AdW. Er berief dann Professor Mitscherlich zum Direktor des neuen Akademieinstitutes, das als „Institut zur Steigerung der Pflanzenerträge“ mit Wirkung vom 01.06.1949 die Arbeit aufnahm. Diese historische Handlung wurde für die Wochenschau gefilmt und müßte als Zeitdokument noch erhalten sein.

Seitenanfang

Das Institut unter Leitung von Professor Mitscherlich

Mit der Gründung des Instituts zur „Steigerung der Pflanzenerträge“ am 1. Juni 1949 begann für Paulinenaue ein neuer Entwicklungsabschnitt, der den Ort über die Grenzen der im gleichen Jahr gegründeten Deutschen Demokratischen Republik hinaus bekannt gemacht hat. Das Institut der Akademie der Wissenschaften sollte mithelfen, schnell wieder an die Friedenshektarerträge heranzukommen. Deshalb auch diese Namensgebung.

Professor Dr. Dr. h.c. Eilhard Alfred Mitscherlich, damals schon 74 Jahre alt, sah als Institutsdirektor seine Aufgabe vor allem darin, die Ergebnisse seines langen Forscherlebens in der Praxis weiterzuentwickeln und umfassender produktionswirksam zu machen. Er bezog dazu von Anfang an den Landwirtschaftsbetrieb als Experimentierbasis mit ein.

Das Gutshaus war in den ersten Jahren einzigstes Institutsgebäude. Außerdem wohnten dort noch Mitscherlich mit seiner Frau, die aus Berlin-Dahlem wieder nach Paulinenaue zurückgekommen waren, und einige seiner Mitarbeiter. Die übrigen Räume des Gutshauses wurden als Arbeitsräume, Labore und Bibliothek eingerichtet. Major Wulkow, der letzte Kommandant des Paulinenauer Versorgungsgutes der Roten Armee, war bereits Anfang 1949 mit seiner Familie in die Sowjetunion zurückgekehrt, und auch die noch verbliebene sowjetische Verwaltung hatte das Gutshaus frei gemacht für die neuen Aufgaben.

Erst 1954 konnte in das heutige „Alte Laborgebäude“ umgezogen werden. Von nun an hieß das Gutshaus Gästehaus. Bereits 1950/51 war die Gefäßstation aufgebaut worden. Mehr gehörte, abgesehen vom Landwirtschaftsbetrieb, nicht zum Institut. „Was ich habe, reicht mir“, soll Mitscherlich gesagt haben, als man ihm anbot, in Paulinenaue eine größere agrarwissenschaftliche Forschungsstätte aufzubauen. Er war überhaupt sehr sparsam und bescheiden. Seine engeren Mitarbeiter wissen darüber manche Anekdote zu erzählen. So hielt er z.B. Plakate für überflüssig. Er ließ sie alle zerschneiden und verwendete die Rückseite als Schreibpapier.

1950 beschäftigte das Institut 4 Wissenschaftler und 14 wissenschaftlich-technische Mitarbeiter. Mit dem Aufbau einer Feldversuchsbrigade und der Inbetriebnahme der neuen Arbeitsräume und Labore stieg aber die Anzahl der Institutsangehörigen schnell an. Die Zahl der Wissenschaftler blieb jedoch mit insgesamt 7 begrenzt.

Sehr beengt waren die Wohnverhältnisse, und die Erweiterung des Institutes konnte nur über den Wohnungsneubau erreicht werden. So entstanden Anfang der 50er Jahre zunächst drei und zwei Jahre später ein viertes Einfamilienhaus hinter dem Gutspark „Unter den Eichen“. In diese Häuser zogen Mitscherlich und drei seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter (Atanasiu, Rinno und Burkhardt) mit ihren Familien. Ebenfalls zu dieser Zeit begann in der ehemaligen Obstplantage rechts hinter der Bahn der Wohnungsbau in der heutigen Philipp-Müller-Straße. Dort entstanden von 1951-54 sieben Einfamilien- und sechs Zweifamilienhäuser sowie ein Reihenhaus mit sechs Wohnungen. Unmittelbar danach begann parallel dazu der Wohnungsbau im Gartenweg mit zunächst zwei Zweifamilienhäusern. Diese Häuser wurden vorwiegend für Instituts- bzw. Gutsarbeiter gebaut, die Landarbeiterhäuser mit Stallungen für eine individuelle Viehhaltung.

Die Forschungsarbeiten im damaligen Paulinenauer Institut konzentrierten sich vor allem auf Probleme der Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit sowie der Pflanzenernährung und Düngung. Die noch am geringsten ausgeschöpfte Ertragssteigerung durch Stickstoffdüngung veranlaßte Mitscherlich, sich in Paulinenaue besonders dem Stickstoffproblem zuzuwenden. Einbezogen wurden dabei auch die Leguminosen als Stickstoffsammler, insbesondere über den Zwischenfruchtbau. Die Humusproblematik zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit bearbeitete Walter v. d. Waydbrink, der 1952 vom Landwirtschaftsministerium aus Berlin nach Paulinenaue als wissenschaftlicher Mitarbeiter kam.

Die Feldversuchsbrigade vergrößerte sich mit zunehmender Ausdehnung der Versuche auf etwa 20 Beschäftigte, darunter mehrere Frauen aus Nachbardörfern. Die Leitung hatte Heinrich Burkhardt, und Paul Exner sowie Josef Pietschmann waren die Brigadiere.

Die Gefäßstation konnte 1951 in Betrieb genommen werden. Der gelernte Gärtner Willi Boeske übernahm mit mehreren Mitarbeitern die verantwortungsvolle Betreuung der Gefäßversuche. 1954 kam Arno Schrader hinzu. Die gesamte Gefäßstation war damals mit dichtem Maschendraht überspannt, um die Vögel von den Gefäßkulturen abzuhalten, und bei Regen wurden die Mitscherlichgefäße in eine Glashalle gefahren. Gegossen wurde nur mit destilliertem Wasser, wovon an heißen Tagen täglich etwa 500-700 Liter benötigt wurden.

Anbau- und Düngungsversuche auf den unterschiedlichen Sand-, Anmoor- und Moorböden, Bodenuntersuchungen sowie vor allem Gefäßversuche zur Ermittlung der Düngerbedürftigkeit der Böden und der Nährstoffwirkung bestimmten folglich die Arbeiten des Institutes.

Das damalige „Versuchsgut“ umfaßte 340 ha Acker- und Grünland und etwa 90 ha Wald. Etwa ein Drittel der LN waren Wiesen und Weiden, und auf dem Ackerland dominierte der Anbau von Getreide und Kartoffeln. Im Luch wurden auch Hanf, Futterrüben und Kohl angebaut. Es gab zwei größere Rhabarberfelder, und gegenüber dem Gutshof, wo heute die Neubauten und Kleingärten sind, waren die Obstplantagen.

Üblich war es noch, daß morgens zu Arbeitsbeginn die Glocke am Speicher läutete. Dort fanden sich dann die Gutsarbeiter ein, und Helmut Fritsch ging als Wirtschaftsleiter daran, die Arbeiten des Tages einzuteilen. Die Feldarbeiten mußten durchweg mit Pferdegespannen erledigt werden. Damals gab es an Traktoren nur drei Lanz-Buldog. 1952 kam ein „Pionier“ hinzu, den Siegmund Selent übernahm. Johann Weirauch, Arthur Rau und Robert Harke waren die Buldogfahrer, Herrmann Drescher fuhr den LKW.

Die Viehwirtschaft bestand aus etwa 60 Kühen, der entsprechenden Nachzucht an Kälbern und Färsen sowie aus der Schweine- und Geflügelhaltung. Zur Erweiterung der Stallkapazität wurde ein Rinderoffenstall gebaut. Nicht viel weniger Kühe wurden individuell gehalten. Mitscherlich handhabte die Gewährung von individueller Viehhaltung und Deputat sehr großzügig. Vertrauensperson für Speicher- und Deputatverwaltung war Edmund Grüning.

Die Landarbeiter hatten zumeist individuelle Hauswirtschaften. Im Sommer trieben sie ihre Kühe auf den Platz vor dem Düngerschuppen, von wo aus sie gemeinsam mit den Gutskühen zur Weide über die Kanalbrücke wanderten. Jeden Abend holten sie sich dann ihre Kuh wieder von Düngerschuppen ab.

Nach bescheidenen Anfängen mit zunächst 12-15 Kostgängern entwickelte sich ab 1951 auch das Werkküchenessen. Jedoch waren dafür im Vergleich zu heute nur primitive Bedingungen in der alten Gutsküche vorhanden. Auf einem großen Kohleherd im Keller wurde das Mittagessen gekocht, das an einer langen Tafel gemeinsam im Kulturraum eingenommen wurde. Alma Hoffmann und Käthe Vierjahn waren die ersten Köchinnen in der Werkküche.

1955 begann die praktische Ausbildung von Landwirtschaftsstudenten der Universität Berlin im Versuchsgut. Jeder Durchgang umfaßte etwa 20 Praktikanten, die im „Studentenheim“ an der Brädikower Straße ihr Domizil hatten. Einer der ersten Lehrausbilder war Fritz Berg, und von den heutigen Mitarbeitern gehörten Hans Thimm und Ingrid Marx zu den damaligen Praktikanten.

Am 28. August 1954 beging Mitscherlich seinen 80. Geburtstag in Paulinenaue. Die Glashalle in der Gefäßstation wurde dazu für eine Festsitzung hergerichtet. Die Glückwünsche der Regierung überbrachte der Stellvertreter des Ministerpräsidenten und Minister für Land- und Forstwirtschaft Paul Scholz. Mitscherlich hat nach 1945 viele Ehrungen und Auszeichnungen erfahren. Als am 25. August 1949, anläßlich der Festveranstaltung zum 200. Geburtstag Goethes in Weimar, erstmals der Nationalpreis verliehen wurde, gehörte Mitscherlich zu den fünf Erstausgezeichneten mit dem Nationalpreis 1. Klasse für Wissenschaft und Technik. Zu seinem 80. Geburtstag erhielt er in Anerkennung seiner Leistungen auf dem Gebiet der Bodenkunde und Pflanzenernährung den Vaterländischen Verdienstorden in Gold, wiederum als erster Agrarwissenschaftler.

Als er am 3. Februar 1956 in Paulinenaue verstarb, hinterließ er ein Lebenswerk aus mehr als 50 Jahren agrarwissenschaftlicher Forschung und Lehre. Daß er sich trotz seines hohen Alters unmittelbar nach Kriegsende so engagiert nochmals in den Dienst der Sicherung der Ernährung stellte und damit eine große Not überwinden half, ehrt ihn besonders. Groß war deshalb auch die Anteilnahme am Begräbnis auf dem Paulinenauer Friedhof.

Seitenanfang

Das Institut unter Leitung von Professor Petersen

Am 1. Juli 1957 wurde das Paulinenauer Institut von der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften (AdL) übernommen und Professor Dr. Dr. h.c. Asmus Petersen zum neuen Direktor berufen. Die in Institut für Grünland- und Moorforschung umbenannte Forschungsstätte erhielt als Aufgabenstellung die Durchsetzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts für die Steigerung der Futter- und Tierproduktion vom Grünland. Ein solches Institut gab es bisher nicht, obwohl das Grünland in der DDR über 20 Prozent der LN einnimmt. Mit seiner Lage im ausgedehnten Grünlandgebiet des Havelländischen Luchs hat Paulinenaue für diese neue Forschungsrichtung denkbar günstige Voraussetzungen, auch mit der Kombination von Grünland- und Moorforschung. Das Institut gliederte sich in die Abteilungen

  • Landwirtschaftsbetrieb
  • Grünlandforschung
  • Moorforschung
  • Chemie mit Zentrallabor und Gefäßstation
  • Ökonomik
  • Biologie und Standortkunde und die
  • Arbeitsgruppe Mechanisation

Asmus Petersen war vor seiner Berufung nach Paulinenaue Professor an der Universität Rostock. Dort leitete er das Institut für Landwirtschaftliche Betriebslehre sowie das Thünen-Archiv und vertrat das Fachgebiet Futterbau in Lehre und Forschung. Seine Vorlesungen zur Grünlandwirtschaft konnte er von Paulinenaue aus an der Humboldt-Universität in Berlin fortsetzen. Die Nachfolge Mitscherlichs in Paulinenaue übernehmen zu können, betrachtete er als eine ehrenvolle Aufgabe. Mit ihm und Hans Stubbe war Asmus Petersen als dritter Agrarwissenschaftler ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften, und sie waren auch Mitbegründer der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften. Um der Verehrung Mitscherlichs gegenüber Ausdruck zu verleihen, brachte er sich eines Tages für sein Dienstzimmer die in Bronze gegossene Büste Mitscherlichs aus der Akademie mit. Diese Episode verdient festgehalten zu werden.
Petersen hatte für seinen Dienstwagen eine Durchfahrtgenehmigung durch Westberlin. Auf der Rückfahrt fragte der Westberliner Grenzbeamte, ob er zollpflichtige Ware mit sich führe. Josef Dembski, Petersens Fahrer, antwortete wie üblich mit Nein. „Dann öffnen Sie mal den Kofferraum“ sagte der Zöllner. Mißtrauisch geworden und auch aus etwas Angst, wegen Buntmetallschmuggel belangt zu werden, stieg Petersen aus, zeigte dem Zöllner die Büste und redete auf ihn ein, daß sie Professor Mitscherlich darstelle und welch‘ ein großer Wissenschaftler dieser gewesen sei, bis ihn der Zöllner unterbrach: „Nu red‘ nich solange drumherum, hau bloß ab mit deinem Lenin und werd‘ selig damit.“ So hatte Petersen seine Mitscherlichbüste und eine gute Empfehlung dazu.

Mit Petersen kamen mehrere seiner Assistenten und Schüler aus Rostock nach Paulinenaue. Zu ihnen gehörte Helmut Thöns, der zu Petersens Zeit Leiter des Landwirtschaftsbetriebes war. Petersen bezog noch mehr als Mitscherlich den Landwirtschaftsbetrieb in die Forschung mit ein und betrachtete ihn deshalb als eine Abteilung des Institutes. Dazu aber später.

Verwaltungsleiter und Hauptbuchhalter in einer Person war Albert Schäfer. 1959 kam Erich Globig als Kaderleiter hinzu. Beide sind verdiente Parteiveteranen. Albert Schäfer leitete von 1946-48 im Kreis Kyritz die Durchführung der Bodenreform, die dort von Wilhelm Pieck verkündet worden war. Von 1949-53 war er Mitarbeiter im Zentralkomitee der SED, davon 3 Jahre als Leiter der Abt. Landwirtschaft. Danach übte er verantwortliche Funktionen in der Landwirtschaft des Bezirkes Rostock aus, bis er 1957 mit Petersen nach Paulinenaue kam.

Erich Globig ist bereits seit 1919 Mitglied der KPD und war Teilnehmer am Gründungsparteitag. 1933 wurde er von den Nazis inhaftiert und war Häftling im KZ Sonnenburg. 1934 konnte er in die Sowjetunion emigrieren und war Absolvent der Internationalen Leninschule. Nach seiner Rückkehr aus der Emigration übernahm er politische Funktionen in der Landesleitung der SED für das Land Brandenburg in Potsdam und ab 1953 im Kreis Nauen.

Die Abteilung Grünlandforschung wurde von Wolfgang Kreil geleitet, der von der Berliner Universität nach Paulinenaue kam. Ihm zur Seite standen die wissenschaftichen Mitarbeiter Herbert Kaltofen, Georg Weiland und Günther Wacker, der in den Jahren bis 1963 Sekretär der SED-Grundorganisation war und 1960 Mitglied der SED-Bezirksleitung Potsdam wurde. Herbert Kaltofen gehörte zu den Wissenschaftlern, die von Petersen mit in das neue Institut übernommen wurden. Die Grünländer hatten ihren Sitz in einem schnell mit institutseigenen Handwerkern umgebauten ehemaligen Hühnerstall, und die Grünlandbrigade unter Paul Exner richtete sich auf der noch heute hinter dem Kanal bestehenden Moorversuchsfläche ein. Den Hauptteil des Versuchsprogramms nahmen Düngungsversuche sowie Forschungen zur Weidewirtschaft und Heuproduktion ein. Originell waren die „Rucksackbullen“ zum Abweiden der Stickstoffsteigerungsversuche. Quecken und Ampfer (Rumex) wurden als Intensivierungsunkräuter interessant, und damals entstanden auch die ersten Außenstellen für Grünlandwirtschaft im Erzgebirge und in Mecklenburg.

Leiter der Abteilung Moorforschung war Eberhard Wojahn, der aus dem damaligen Institut für Acker- und Pflanzenbau Müncheberg kam. Er hatte dort die Moorabteilung mit den Versuchsstationen Rotes Luch, Rhinluch, Friedländer Große Wiese, Lewitz und Spreewald aufgebaut, die 1957 dem Paulinenauer Institut angegliedert wurden. Schwerpunkte ihrer Forschungsarbeiten waren bodenverbessernde Maßnahmen, wie die Sanddeckkultur, sowie Versuche zur Acker-Grünland-Wechselnutzung. Die „Mooren“ lernte man am besten während der 14tägigen Institutskolloquien im Februar kennen. Dann mußten alle wissenschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Mitarbeiter in Paulinenaue sein. Kritisch abgerechnet und gewertet wurden die erreichten Forschungsergebnisse des vergangenen Jahres. Nach den oft heißen Debatten traf man sich abends in der Bahnhofsgaststätte zu einer Auswertung und zum Mutmachen für den nächsten Tag. Nach dem Weggang von Eberhard Wojahn übernahm Walter v. d. Waydbrink die Moorabteilung.

Den größten Teil des Laborgebäudes, das damals Institutsgebäude war, nahm die Abteilung Chemie ein. Sie wurde von Eberhard Hey geleitet. Später kamen Otto und Brigitte Knabe hinzu. Otto Knabe erforschte die Grenzwerte für Mikronährstoffe auf Niedermoor, und Brigitte leitete das Zentrallabor. Arno Schrader und Willi Boeske waren weiterhin die leitenden Mitarbeiter in der Gefäßstation. Die Gefäßversuche wurden auf die Belange der Gräserforschung umprofiliert, und zusätzlich betrieben sie einen Gräsergarten. In der Glashalle an der Gefäßstation fanden übrigens auch die Feierstunden zum 1. Mai statt. Von dort ging es dann geschlossen direkt zur Maidemonstration durchs Dorf.

Ganz oben im Laborgebäude kultivierte, wie schon zu Mitscherlichs Zeiten, unter einem Glasdach Max Wallow die Alge P (P für Paulinenaue), und nicht nur er glaubte, auf diese Weise eine Labormethode zur Futterproduktion finden zu können. In den Räumen daneben war die Bibliothek, die von Inge Drasché, der ehemaligen Chefsekretärin von Mitscherlich, geleitet wurde, und unten in den Kellerräumen hatte Georg Drasché sein Fotolabor.

Mit der Ökonomik befaßten sich Fritz Berg, Herbert Rücker und Hans Bennewiz. Fritz Berg, bereits 1955 nach Paulinenaue gekommen, kannte sich gut aus, fand bald Vertrauen bei Asmus Petersen und wurde sein persönlicher Referent. Da Petersen meist zu Hause arbeitete, war Fritz Berg erster Anlaufpunkt im Institut. Zusammen mit der Chefsekretärin Resi Kunkel wurden Post und andere Dienstangelegenheiten so aufbereitet, daß der tägliche Rapport beim Direktor nicht unnötig lange dauern mußte.

Asmus Petersen drängte es immer nach draußen, in den Landwirtschaftsbetrieb oder in die nähere Umgebung des Havellandes. Er kaufte sich 1958 einen Moskwitsch, mit dem ihn Fritz Berg zunehmend häufiger „rumfahren“ mußte. Sie durchstreiften das Havelland von der Havelquelle in Ankershagen bei Waren bis zur Mündung in die Elbe bei Quitzöbel und legten im Ergebnis ihrer Studien eine Arbeit zur Neuordnung des Grünlandes im Havelländischen Luch vor.

Die Abteilung Biologie und Standortkunde ging aus den Studien an Grünlandpflanzenbeständen und der Wurzelforschung von Edith und Martin Wetzel hervor. Helmut Hänsel präparierte mit Nadelbrett und Nadelkasten die besten Wurzelbilder von Gräsern unterschiedlicher Grünlandstandorte. 1960 übernahm Wilhelm Lampeter, von der Universität Leipzig gekommen, die Leitung der Abteilung. Harry Walkowiak und Gustav Kunkel richteten weit draußen im Luch, auf dem „Rundsiloschlag“, ein Versuchsfeld zur Prüfung von Futtergräsern und Herbiziden ein. Diese Arbeiten wurden ab 1962 unter Leitung von Günther Wacker weitergeführt. Die Standortkunde übernahm Anton Scholz, der als Meliorationsfachmann 1960 aus Rostock nach Paulinenaue kam. Er widmete sich den Fragen der Ent- und Bewässerung.

Die Arbeitsgruppe Mechanisation vertraten Horst Möller und Helmut Fritsch. Ihre erste größere Amtshandlung war die Vorführung und Prüfung von Maschinen und Geräten für die Grünlandpflege. Durchgesetzt hat sich nicht der auf Traktorenzug umgebaute Uhlig’sche Wiesenhobel oder Möllers Breitverteiler, sondern das einfachste Gerät, eine vorn gezahnte Eisenreifenschleppe. Schon damals galt aber der Verbesserung von Futtererntemaschinen die besondere Aufmerksamkeit. Der Bezirk baute die ersten Schlegelernter nach, und die Pick-up-Presse verdrängte den „Schubstangenlader“. In dieser Zeit entstand das neue Werkstattgebäude für Institut und LVG. Zuvor war das heutige kleine Laborgebäude Instituts- Werkstatt für den wissenschaftlichen Gerätebau. Soweit eine kurze Vorstellung der Institutskollektive mit ihren leitenden Mitarbeitern.

Das Herzstück des Institutes war jedoch der Landwirtschaftsbetrieb. Als Lehr- und Versuchsgut (LVG) war es selbst Forschungsobjekt und hatte die Aufgabe, die in der Forschung gewonnenen Erkenntnisse großflächig anzuwenden und zu demonstrieren. Das LVG hatte eine LN von 330 ha, davon 218 ha Ackerland und 112 ha Grünland. 40 % der LN waren Niedermoor und 60 % Talsand- und Anmoorböden. In nur wenigen Jahren entwickelte sich ein auf die Futter­pro­duktion und Milchviehhaltung spezialisierter leistungsstarker Beispielsbetrieb mit einer Milchleistung je Kuh von 5150 kg und einer Marktproduktion von über 2500 kg je ha LN, was einer Steigerung um das 5fache gegenüber 1957 entsprach. Mit diesen Leistungen wurde die Basis für die Entwicklung des Rinderzuchtzentrums im Paulinenauer Territorium geschaffen. Der „Pieschel-Stall“ und der „Jennrich-Stall“ wetteiferten im Leistungsvergleich um höchste Milchleistungen. Sie wurden dabei tatkräftig unterstützt von Georg Weiland und dem Zootechniker des LVG Reinhold Trenkel.

Grundlage für diese Leistungssteigerung bildete die Intensivierung der Futterwirtschaft. Zunächst ging es um die bessere Regulierung des Grundwassers. Eingerichtet wurde ein Netz von Grundwasserstandsmeßrohren, und besonderer Wert wurde auf die Funktionstüchtigkeit des Schöpfwerkes und des Nadelstaus an der Kanalbrücke für eine zweiseitige Wasserregulierung mit Einstaubewässerung gelegt. Aus diesen und anderen Studien heraus erarbeitete Petersen mit einem Kollektiv seiner Mitarbeiter die Grundsätze für eine Meliorationsgrundlagenerhebung.

Auf dem Grünland wurde zum Saatgrasbau und zur Acker-Grünland-Wechselnutzung übergegangen. Damit wurde der Zuchtfortschritt genutzt. Entwickelt wurde eine verbesserte Technologie des Grünlandumbruchs, und der Ansaat mit leistungsstärkeren Saatmischungen. Bearbeitet wurden auch Probleme des Ackerfutterbaus, wie insbesondere zum Zwischenfruchtbau für die Verlängerung der Grünfutterperiode. Ein maximaler Frischfuttereinsatz war schon damals aktuell.

In enger Gemeinschaftsarbeit aller Abteilungen des Institutes und unter Einbeziehung angrenzender Fachgebiete wurde das noch heute im Grundprinzip gültige und angewendete System der Weidekombinate erarbeitet. Der „Fuchsberg“ war für zwei größere Weidenutzungseinheiten Standort für die erste Weidezentrale in Paulinenaue. Alles wurde bis ins Detail diskutiert und durchgeprobt. Die Forschung zur Entwicklung einer intensiven Weidewirtschaft für die neuen sozialistischen Großbetriebe ist ein typisches Beispiel dafür, wie Petersen es verstand, ein ganzes Institut und darüber hinaus alle in der von ihm geleiteten Forschungsgemeinschaft Grünland mitarbeitenden Fachkräfte auf einen Schwerpunkt zu konzentrieren und in kurzer Zeit mit hohem volkswirtschaftlichen Nutzen zu lösen. 1965 erhielt dafür, nach einer breiten Einführung in die Produktion, ein Kollektiv des Paulinenauer Instituts mit Fritz Berg, Wolfgang Kreil, Helmut Thöns, Günther Wacker, Georg Weiland und Eberhard Wojahn den Nationalpreis II. Klasse.

Die Aufgaben des Institutes sah Asmus Petersen also weitgefaßt „vom Fließen des Wassers bis zum Fließen der Milch“, wie er es formulierte, und durchgesetzt hat er von Anfang an den Grundsatz „Forschen mit der Praxis, in der Praxis und für die Praxis“. Das fand besonders darin seinen Ausdruck, daß Asmus Petersen den Landwirtschaftsbetrieb des Institutes als sein wichtigstes Forschungsobjekt betrachtete, sich regelmäßig mit erfahrenen Praktikern beriet und in vielfältiger Weise die Ergebnisse der Forschung unmittelbar produktionswirksam gemacht wurden. Engen Kontakt hielt er zu den Partei- und Staatsorganen. Häufig besuchte der damalige I. Sekretär der SED-Bezirksleitung Potsdam Kurt Seibt Paulinenaue. Dann verweilte man nicht im Institut, sondern durchstreifte die Feldmark und beriet an den Demonstrationsobjekten des Lehr- und Versuchsgutes die Aufgaben zur Steigerung der Futter- und Milchproduktion in den umfangreichen Moorgebieten des Bezirkes Potsdam. Damals entstand das Jugendobjekt „Milchader Berlins“ im Havel- und Rhinluch. Stellvertretend für viele Praktiker sei Rudolf Drescher, der damalige LPG-Vorsitzende aus Dreetz, genannt, aus dessen Verbindung sich eine bis heute andauernde enge Zusammenarbeit mit der Kooperation Dreetz entwickelt hat.

An jedem Sonnabend fand nachmittags mit Petersen eine Rundfahrt durch das Lehr- und Versuchsgut statt. Der LVG-Direktor Helmut Thöns spannte dazu die Pferdekutsche an, und es war jedem freigestellt mitzufahren. Die Plätze waren immer besetzt.

Für eine umfassende Überleitung der Forschungsergebnisse in die Produktion wurden solche effektiven Formen entwickelt, wie

  • die Durchführung regelmäßiger Grünlandtagungen mit der Herausgabe von Flugblättern vor Beginn wichtiger Arbeitsabschnitte in der Grünlandwirtschaft.
    Petersen legte Wert darauf, daß die „Ratschläge für die Praxis“ in exakt 10 Punkten kurz und präzise formuliert wurden, damit sie gelesen werden.
  • die Organisierung von Weidewettbewerben mit Hilfe des Paulinenauer Schlüssels zur Weideprämierung,
  • die Durchführung von Heu- und Silageschauen auf Kreisebene, wozu ein neuer Schlüssel zur Bestimmung der Heugüte erarbeitet wurde
  • und nicht zuletzt die Nutzung des Lehr- und Versuchsgutes als Konsultationsstützpunkt und Demonstrationsobjekt für eine hohe Futter- und Tierproduktion.

Überhand nahmen zeitweise die Besuchergruppen. In der Hochsaison Mai/Juni verging kaum ein Tag ohne Besichtigung. Kennzeichnend für einen Vergleich zu den heutigen knapp einstündigen Institutsbesichtigungen ist die Frage, die Harry Walkowiak immer zu Beginn einer Exkursion an die Besuchergruppe stellte: „Wollt ihr die große Tour oder die kleine? Die große bezieht den Wald mit ein, dauert aber etwa 7 Stunden“. Damit machte er sich den Nachmittag frei für seine Forschungsarbeiten. Aber die Frage war gar nicht so abwegig, denn die Exkursionen wurden bis ins Luch zu Fuß durchgeführt, und auch der Wald des LVG war in die Versuche mit einbezogen, wie zur Unterdrückung des Sandrohrs durch Tiefkultur bei Neuaufforstungen.

Einher mit der Entwicklung des Institutes ging auch der Wohnungsbau. Im Gartenweg entstand das Mehrfamilienhaus, am Lindenweg der 8 WE-Wohnblock, vorrangig für das LVG, und modernisiert wurden die Wohnungen am „Krähenwinkel“. Im Institut wurde mit der Fertigstellung des Forschungspavillons Platz für die Abteilungen Ökonomik und Biologie geschaffen, und mit dem neuen Mechanisationsgebäude im LVG entstand eine wichtige Basis für die zunehmende Mechanisierung in der Landwirtschaft.

Vieles von dem, was unter Asmus Petersen begonnen wurde, konnte erst später vollendet werden. Dazu gehören auch seine Fachbücher. Trotz der vielfältigen Aufgaben fand er in Paulinenaue die Zeit und innere Ruhe, zusammen mit seiner Frau Waltraut Petersen das Gräserbuch, das Kleebuch und das Sauergrasbuch zu überarbeiten. Dankenswerter Weise hat Waltraut Petersen die Vollendung und Herausgabe dieser vielgefragten Bücher übernommen.

Mitten aus seiner Arbeit heraus erlag er in den ersten Morgenstunden des 6. Januar 1962 einem Herzversagen. Er konnte nur viereinhalb Jahre in Paulinenaue tätig sein, aber was er in dieser kurzen Zeit geschaffen und vorgedacht hat, wirkt auf vielfältige Weise bis heute nach. Auf dem Friedhof in Paulinenaue hat er, ebenso wie Eilhard A. Mitscherlich, seine letzte Ruhestätte gefunden.

Seitenanfang

Die Entwicklung zum Institut für Futterproduktion

Im Jahre 1962 übernahm Professor Dr. Eberhard Wojahn die Nachfolge als Institutsdirektor. Er leitete das Institut zunächst bis 1968 und dann wieder ab 1978. Während seiner Tätigkeit als Vizepräsident der AdL in Berlin nahmen Professor Dr. Wolfgang Kreil 1968-71, Professor Dr. Helmut Thöns 1972-74 und während dessen Tätigkeit als Generalsekretär des XIII. Internationalen Graslandkongresses Professor Dr. Günther Wacker von 1975-77 die Aufgaben als Institutsdirektor wahr. Bei der Leitung des Institutes arbeitet der Direktor eng mit der Betriebsparteiorganisation der SED und der Betriebsgewerkschaftsleitung zusammen. Ihren Anteil an der Entwicklung des Institutes haben somit auch Dr. Gerhard Weise als Parteisekretär und Dr. Hans Thimm als BGL-Vorsitzender, die seit nunmehr 15 Jahren diese ehrenamtliche Funktion ausüben. Bereits über ein Vierteljahrhundert leitet Resi Kunkel mit Umsicht das Büro des Direktors.

In der Forschung ging es in den ersten Jahren vor allem darum, die unter Asmus Petersen begonnenen Arbeiten erfolgreich weiterzuführen. Ab Ende der sechziger Jahre erfuhr dann das Institut eine entscheidende Erweiterung in der Aufgabenstellung und Forschungskapazität. 1967 kam der Ackerfutterbau als neues Forschungsgebiet hinzu, und stark erweitert wurden die technologischen Forschungen zur Futterernte und Futterkonservierung. 1972 wurden außerdem Aufgaben der Futtergräserzüchtung übernommen.

Das Institut entwickelte sich zur zentralen Forschungseinrichtung der Republik für den Gesamtzweig Futterproduktion und wurde 1972 in „Institut für Futterproduktion“ umbenannt. Damit trägt das Paulinenauer Institut eine hohe Verantwortung, denn immerhin sind in der DDR 35 % der LN Hauptfutterflächen, die ausschließlich der Produktion von Futter dienen, und insgesamt werden 65 % aller von der LN erzeugten Pflanzenprodukte als Futtermittel für die Tierproduktion eingesetzt.

Die personelle Forschungskapazität des Institutes an Hochschulabsolventen entwickelte sich von 20 im Jahre 1962 auf 45 1968 und 90 1984. Die Gesamtzahl der Mitarbeiter (ohne LVG) stieg von 85 im Jahre 1962 auf 320 im Jahre 1984. Im Gefolge der gewachsenen Anforderungen erfolgte ab 1968 die Umstellung auf die Bereichsstruktur.

Der Bereich Züchtungsforschung entwickelte sich unter Leitung von Prof. Dr. G. Wacker aus der ehemaligen Abteilung Biologie. Die Arbeiten zur Etablierung Standort- und nutzungsgerechter Graslandpflanzenbestände hatten 1968 einen ersten Abschluß gefunden. Sie leiteten mit dem Anbau gestaffelt nutzungsreif werdender Saatgraslandbestände neue Wege zur Leistungssteigerung in der Graslandwirtschaft ein. Der Saatgrasbau trat mehr und mehr an die Stelle des Dauergrünlandes, womit auch der Futtergräserzüchtung neue Impulse gegeben wurden.

Auf dem Gebiet der Unkrautbekämpfung kamen im Ergebnis der mit dem Synthesewerk Schwarzheide durchgeführten Prüfungen die für das Grasland wirk­sameren Herbizide auf Propionsäurebasis zur Zulassung, und mit dem Abschluß der Forschungen zur chemischen Grabenentkrautung wurde ein wichtiger Beitrag zur Instandhaltung wasserwirtschaftlicher Anlagen geleistet.

Neu begonnen wurden daraufhin Grundlagenforschungen zur Ertrags- und Qualitätsbildung bei Futtergräsern sowie Aufgaben der Züchtungsforschung. 1966 begann die Mitarbeit in der Züchtergemeinschaft Futtergräser. Die zunehmende Bedeutung der Züchtung als Intensivierungsfaktor und der Beschluß des Präsidiums der AdL zur Verlagerung der Gräserzüchtung aus Gülzow führten zu der Entscheidung, direkte Züchtungsaufgaben in Paulinenaue zu übernehmen.

Das Kollektiv der Abt. Ertragsbiologie entwickelte unter Leitung von Dr. J. Bühring neue Selektionsmethoden und Verfahren der Generationsbeschleunigung für die Züchtung von Futtergräsern. Sie kommen auch in Paulinenaue zur Anwendung und verkürzen die Zuchtdauer. Mit dem Bau des Klimahauses und der neuen Gewächshäuser wurden dazu die Voraussetzungen geschaffen.

In der neu gebildeten Abt. Züchtung begannen 1972 durch Dr. K. Netzband erste Kreuzungen von Schwingelgräsern mit Weidelgras zur Züchtung neuartiger Bastardfuttergräser. Da es solche Gräser in der Natur nicht gibt, wurden neue Namen wie „Wiesenschweidel“ und „Rohrschweidel“ erfunden. Der Wiesenschweidel, eine Kreuzung von Wiesenschwingel mit Welschem Weidelgras, wird bereits mit Erfolg in der Praxis angebaut. Eine Steigerung der Graslanderträge auf den unsicheren Moorstandorten wird vor allem von den Paulinenauer Neuzüchtungen des Rohrschwingels und vom Rohrschweidel (Rohrschwingel x Weidelgras) erwartet. Für die neuartigen Futtergräser wurden zugleich Anbauempfehlungen erarbeitet.

Im Bereich Futterbau ist seit 1968 die vorwiegend pflanzenbaulich orientierte Forschung zusammengefaßt. Einbezogen sind auch die Außenstellen in Thüringen und im Erzgebirge. In Paulinenaue wurde für die beiden Abteilungen Grünland und Ackerfutter eine gemeinsame Feldversuchsabteilung gebildet. Bereichsleiter ist Prof. Dr. W. Kreil, und zu seinen leitenden Mitarbeitern gehören Prof. Dr. H. Simon, Dr. G. Watzke, Dr. R. Schuppenies, Dr. A. Scholz sowie Dr. W. v. d. Waydbrink bis zu seiner Pensionierung 1983. Im Ergebnis ihrer Forschungsarbeiten wurden vornehmlich Empfehlungen, Richtwerte und Normative für die Produktion von Futter auf den wichtigsten Graslandstandorten der DDR, sowie im Ackerfutterbau erarbeitet. Weiterentwickelt wurden dabei insbesondere Verfahren der Graslandansaat sowie des Silomais- und Zwischenfruchtanbaus. Die langjährigen Düngungsversuche brachten Ergebnisse zur optimalen Stickstoffdüngung des Graslandes in Abhängigkeit von den Standortbedingungen.

Selbst konzipiert und mit betriebseigenen Handwerkern aufgebaut wurde Mitte der 60er Jahre eine Lysimeterstation. Sie ermöglicht Untersuchungen zum Wasserbedarf der wichtigsten Futterpflanzen. 1972 wurde die von Dr. Anton Scholz geleitete Abt. Moormelioration dem Bereich Futterbau zugeordnet. Die ursprünglich in der Abt. Moorforschung zusammengefaßten Moorversuchsstationen waren bereits Mitte der 60er Jahre nach und nach abgegeben worden, nachdem die wichtigsten Arbeiten, vornehmlich zur Moorsanddeckkultur, im wesentlichen abgeschlossen waren. Eine neue Moorversuchsstation ist jedoch Ende der 70er Jahre wieder in der Friedländer Großen Wiese, in Heinrichswalde, aufgebaut worden. Auf dem Gebiet der Moormelioration wurden neue Dränverfahren für Niedermoorstandorte, wie in neuerer Zeit die Maulwurffräsdränung, entwickelt.

Bis 1978 gehörte auch eine Arbeitsgruppe Rinderhaltung zum Bereich Futterbau. Dr. Georg Weiland und seine Mitarbeiter arbeiteten zumeist in LPG und VEG, wie u.a. in Neustadt/Dosse und Hertefeld, an der Einführung und Vervollkommnung moderner Milchvieh- und Jungviehweidekombinate.

Der Bereich Frischfutter- und Silageproduktion ist erst 1978 gebildet worden. Als Leiter wurde Prof. Dr. H. Thöns nach Beendigung seiner Tätigkeit als Generalsekretär des XIII. Internationalen Graslandkongresses berufen. Er ist zugleich Stellvertreter des Institutsdirektors. Zum Bereich gehören die Abt. Technologie der Frischfutter- und Silageproduktion sowie die Abt. Weidewirtschaft und Frischfuttereinsatz. Die Abteilungen werden von Dr. K. Bachmann bzw. Dr. G. Weiland geleitet.

Die technologische Abteilung ist aus der bereits 1957 gegründeten kleinen Arbeitsgruppe Mechanisation hervorgegangen. Schon seit Mitte der sechziger Jahre besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Landmaschinenkombinat Fortschritt Neustadt/Sachsen, die bis heute anhält. Ende der 60er Jahre begann die Einführung des Maschinensystems Schwadmäher E 301 und Feldhäcksler E 280 für die Futterernte. Das darauf basierende Verfahren der Welksilageproduktion brachte eine Steigerung der Arbeitsproduktivität um das zwei- bis dreifache. An der Weiterentwicklung des Verfahrens wird gearbeitet, ebenso zur verlustärmeren Maisernte und Konservierung.

Im Jahre 1979 wurde in der DDR ein umfassendes Silobauprogramm beschlossen und in wenigen Jahren realisiert. Gemeinsam mit dem VEB Landbauprojektierung Potsdam wurden Silovarianten mit Bewirtschaftungsrichtlinien erarbeitet und übergeben. Einbezogen in die Forschungen zur Silageproduktion ist auch die Erschließung der Futterreserve Stroh, wozu Verfahren zur Mischsilierung mit Rübenblatt und zur Feuchtstrohsilierung mit Harnstoff erarbeitet wurden.

Die Abteilung Weidewirtschaft und Frischfuttereinsatz ging aus der Arbeitsgruppe Rinderhaltung hervor, die bis 1978 dem Bereich Futterbau zugeordnet war. Nach Arbeiten zur Weidehaltung in verschiedenen LPG und VEG entwickelte sich eine engere Gemeinschaftsarbeit mit der 1974 in Betrieb genommenen 2000er Milchviehanlage Paulinenaue, insbesondere zum maximalen Frischfuttereinsatz sowie zur Weidehaltung von Tieren aus industriemäßig produzierenden Großanlagen. Ein Demonstrationsobjekt ist das 1982 errichtete Milchviehweidekombinat „Hohe Horst“ zwischen Paulinenaue und Berge, wo etwa 600 Kühe von einer Melkzentrale aus geweidet werden.

Der Bereich Trockenfutterproduktion entstand ebenfalls erst 1978. Von 1968-78 gab es einen Bereich Ökonomik und Technologie. Mit der Erweiterung der technologischen Forschung wurde dieser Bereich aufgabenspezifischer nach den Sachgebieten Frischfutter- und Silageproduktion sowie Trockenfutterproduktion aufgegliedert. Der von Prof. Dr. F. Berg geleitete Bereich hat zwei Abteilungen, zum einen für die unter Leitung von Dr. H. Thimm betriebenen Forschungen zur Heuproduktion und zum anderen eine Forschungsabteilung für die Produktion von Trockenfutter durch technische Trocknung sowie von Futtermitteln aus Getreidestroh, die von Dr. S. Prüfer geleitet wird. Die wichtigsten Experimentierbasen sind das Trockenwerk Selbelang mit der Strohpelletieranlage und die Kooperation Dreetz, Krs. Kyritz.

Das Mehrfruchttrockenwerk unter Leitung von Josef Pohl konnte im Juli 1972 in Betrieb genommen werden und ist seitdem Schrittmacher in der rationellen Energieanwendung und bei der Durchsetzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts auf dem Gebiet der Futteraufbereitung und Heißlufttrocknung. Damals begannen auch die Forschungen zum Strohaufschluß mit Natronlauge, um den Futterwert des Getreidestrohs als Futtermittel zu erhöhen. Die Trockenwerke waren bis dahin nur Saisonbetriebe. Durch die Einbeziehung der Produktion von Strohpellets in den Wintermonaten werden die teuren Produktionsmittel nunmehr ganzjährig rund um die Uhr ausgelastet. Konzipiert wurde auch eine gesonderte Strohpelletieranlage, die als Versuchsanlage des Institutes gemeinsam mit dem Landmaschinenkombinat Fortschritt neben dem Trockenwerk an der F 5 zwischen Selbelang und Pessin aufgebaut wurde. Die Anlage kann stündlich 3-4 t Stroh-Konzentrat-Pellets mit unterschiedlichen Anteilen an Strohmehl, Getreide, Zuckerschnitzel, Mineralstoffen und Harnstoff rezepturgetreu produzieren. Sehr schnell wurde das Verfahren der Strohpelletierung produktionswirksam, und bereits 1976 wurden etwa ein Drittel des Getreidestrohs in der DDR zu Strohpellets verarbeitet. 1977 erhielt ein Kollektiv, dem auch Fritz Berg und Siegfried Prüfer angehörten, den Nationalpreis II. Klasse für ihren Anteil an der Entwicklung und Einführung neuer Verfahren zur Nutzung von Stroh für die Fütterung. Weitere Möglichkeiten der besseren Aufbereitung und Verwertung von Stroh für Futterzwecke wurden mit Praxisbetrieben, wie u.a. in der LPG Dreetz, entwickelt, und an weiteren Grundlagen des Strohaufschlusses wird gearbeitet.

An den Verfahren der Heuproduktion wurde bereits in den 60er Jahren im Institut intensiv gearbeitet. Auf Drängen der Tierernährer wurden sie Ende der siebziger Jahre wieder aufgenommen, insbesondere zur Entwicklung neuer Heubearbeitungsmaschinen und zur Belüftungstrocknung.

Der Bereich Qualitätsforschung ist aus der vormaligen Abt. Chemie hervorgegangen. Zentrallabor und Gefäßstation gehören nach wie vor dazu, und in jüngster Zeit ist eine Abteilung Forschungstechnologie zur Rationalisierung der Forschungsprozesse hinzugekommen. Mit modernen Analysengeräten werden die wichtigsten qualitätsbestimmenden Inhaltsstoffe der Futterpflanzen bestimmt. Einbezogen in die Qualitätsbestimmungen sind auch Verdauungsversuche mit Schafen sowie mikrobiologische Untersuchungsmethoden. Der Bereich wird von Prof. Dr. O. Knabe geleitet, und seine Abteilungsleiter sind Dr. G. Weise und Dr. A. Spittel. Alle Forschungsabteilungen des Institutes arbeiten mit dem Bereich eng zusammen, und eine Gemeinschaftsarbeit besteht zur Zentralstelle für Futtermittelprüfung Halle-Lettin. Erarbeitet wurden rationellere Labormethoden sowie Richtlinien und Standards für die Mengen- und Qualitätserfassung von Futtermitteln für die Praxis.

Zum Bereich Wissenschaftsorganisation, langjährig von Dr. H. Rücker geleitet, gehört die Planung und Abrechnung der Forschungs- und Überleitungsaufgaben, die Rechenstation sowie die Information/Dokumentation. Eine eigene Rechenstation hat das Institut seit April 1970. Der z.Z. installierte Rechner KRS 4201 leistet etwa 100 mal soviel wie seinerzeit der erste Rechner. Die Anlage wird nicht nur für die Aufbereitung von Untersuchungsdaten, sondern zunehmend auch für das Arbeiten mit Optimierungs- und Simulationsmodellen genutzt. Herbert Arnold ist von Anfang an Leiter der Station.

In der Abt. Information/Dokumentation, die von Dr. Johanna Pätzig geleitet wird, stehen den Institutsmitarbeitern ca. 14 000 Fachbücher und 200 Fachzeitschriften zur Verfügung. Der Informationsspeicher enthält z.Z. über 75 000 Dokumentennachweise, die für Literaturstudien schnell über die EDV zugänglich sind. Andererseits erschienen von Wissenschaftlern des Institutes seit 1949 etwa 1200 Artikel in Fachzeitschriften (ohne Tages- und Wochenpresse) sowie 6 Fachbücher.

Alle Forschungsbereiche pflegen eine enge Zusammenarbeit mit der Praxis, und einen bedeutenden Umfang der Institutsarbeit nimmt die Überleitungs- und Beratungstätigkeit ein. Eine besondere Bedeutung kommt dabei den Anwenderseminaren in den Konsultationsbetrieben für Futterwirtschaft zu. Auch das VEG Pflanzenproduktion und das Trockenwerk Selbelang gehören zu diesen Konsultationsbetrieben, und die Direktoren bzw. Leiter der im Territorium von Paulinenaue beheimateten Landwirtschaftsbetriebe, allen voran Klaus Bockholdt, Werner Schneeweiß und Josef Pohl, sind die engsten Mitstreiter bei der Verbreitung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts auf dem Gebiet der Futterproduktion.

In einem Ökonomischen Bereich zusammengefaßt sind die insgesamt rund 80 Mitarbeiter in den Handwerkerbrigaden, in den verschiedenen Versorgungseinrichtungen, die Kraftfahrer, Raumpflegerinnen, Gärtner und andere Beschäftigte in der Verwaltung. Keine leichte Aufgabe haben der ökonomische Leiter Dr. Erhard Geithner und seine Abteilungsleiter Günter Schaller, Heide Hesse und Rolf Kerkow, um allen Anforderungen der wachsenden Aufgaben gerecht zu werden. Über die Einhaltung der Planziffern, ordnungsgemäßen Buchführung und Finanzierung des gesamten Unternehmens wacht die Hauptbuchhalterin Anita Marquardt.

Mit der Entwicklung des Institutes erweiterten und verbesserten sich auch die Arbeits- und Lebensbedingungen. Zum Institut gehörend entstanden nach 1962 das zentrale Heizhaus (1963), das neue Institutsgebäude (1968), das Klimahaus (1971), 2 Forschungsgewächshäuser (1976), das Ledigenwohnheim (1976) und das Sozialgebäude (1977). Der Wohnungsbau vollzog sich zumeist auf Gemeindebasis zusammen mit anderen Betrieben des Ortes. So enstanden 1964 der 18er Wohnblock und 1968 der 32er Wohnblock im Zentrum des Ortes gegenüber dem Bahnhof, und zur Jahreswende 1983/84 wurde der 40er Wohnblock Lindenweg mit 12 WE für das Institut bezugsfertig. Darüber hinaus wurden mit den betriebseigenen Handwerkern mehrere Ein- und Zweifamilienhäuser gebaut, und einen beachtlichen Umfang nahm der private Eigenheimbau ein. Gegenwärtig verfügt das Institut über rund 120 Wohnungen, davon 80 fernbeheizt.

Zum 35. Jahrestag der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik konnte auch das Institut Paulinenaue auf 35 Jahre erfolgreiches Schaffen zum Nutzen der Republik zurückblicken. Für die Leistungen zur Durchsetzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts auf dem Gebiet der Futterproduktion wurde das Institut zum 7. Oktober 1984 mit dem Orden „Banner der Arbeit“ Stufe I ausgezeichnet.

Seitenanfang

Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft

Mit der durchgängigen sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft in der DDR im Frühjahr 1960 standen auch die Einzelbauern in Paulinenaue vor der Entscheidung, zur genossenschaftlichen Zusammenarbeit überzugehen. Nur sehr zögernd kamen die Bereitschaftserklärungen, und es war viel Überzeugungsarbeit zu leisten, bis es im März 1960 zur Bildung von 3 LPG Typ I in den Ortsteilen Paulinenaue, Eichberge und Bärhorst kam.

Bereits einen Monat später, am 11.04.1960, erfolgte der Zusammenschluß zur LPG „Einheit“ Typ III. Dieser Schritt war notwendig, weil ein größerer Anteil der Betriebe entweder keine oder nur ältere Mitglieder stellte, aber das Land mußte bestellt und das Vieh versorgt werden. 3 Einzelbauern erklärten sich mit dem Übergang zum Typ III nicht einverstanden. Sie blieben eine LPG Typ I mit 5 Mitgliedern, die sich später der Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft anschlossen.

Für den Zusammenschluß zu einer LPG Typ III als Voraussetzung für die Nutzung des gesamten Bodens und Betreuung der genossenschaftlich zu haltenden Tierbestände hat sich besonders Albert Schäfer zusammen mit Kurt Dera eingesetzt. Albert Schäfer war Verwaltungsleiter im Institut und erklärte sich bereit, den Vorsitz der LPG Typ III zu übernehmen. Er blieb bis 1962 Vorsitzender, danach war es für ein Jahr Gerhard Giese und von 1964-66 der als Zootechniker in die LPG gekommene Hartmut Jeltsch. Das LPG-Büro befand sich in der Bürgermeisterei.

Schwierige Aufgaben standen an, die nur mit staatlicher Unterstützung zu lösen waren. Bei der LPG-Gründung gab es mehr als hundert zumeist kleinere Flurstöcke, die weit voneinander entfernt lagen. Sie wurden durch eine Flurneuordnung in 20 Ackerschläge und 16 Weide- bzw. Wiesenflächen zusammengefaßt. Für die Ackerflächen wurden neue Fruchtfolgen eingerichtet und auf dem Grünland größere zusammenhängende Umtriebsweiden geschaffen. Wissenschaftler des Institutes gaben dabei Unterstützung. Nach der Flurneuordnung bewirtschaftete die LPG 355 ha LN mit einem hohen Grünlandanteil von 60 %. Der Arbeitskräftebesatz war mit durchschnittlich 30 Mitgliedern bzw. Lohnbeschäftigten gering.

Ein LPG-Stützpunkt wurde in Owinaue eingerichtet. Dort waren die Werkstätten sowie eine Maschinen- und Düngerhalle. Die MTS Friesack übergab an die LPG 3 Traktoren, Ackergeräte und einen Dreschkasten. In den ersten Jahren wurde das Getreide noch mit dem Mähbinder gemäht und mit dem Dreschkasten gedroschen, der wegen der großen Entfernung mal in Paulinenaue, Eichberge oder in Bärhorst stand. Später kaufte sich die LPG einen Mähdrescher. Besonders schwierig war die Ernte des langen Hanfes im Luch mit einem Getreidemähbinder.

Einen bedeutenden Umfang nahm die Futterproduktion ein, schon wegen des hohen Grünlandanteils. Dazu wurden Futtererntemaschinen für die Heu- und Silageproduktion angeschafft. Von den Wiesen wurde fast ausschließlich Heu gewonnen, Silage durchweg nur vom Mais und von den Zwischenfrüchten. Feldbaubrigadier war Kurt Dera.

Die Viehhaltung entwickelte sich in Abhängigkeit von den Stallbauten. Bedingt durch den hohen Grünlandanteil spezialisierte sich die LPG auf die Rinderhaltung. Schweine wurden nicht gehalten, aber 2000 Hühner in einem neu gebauten Hühnerstall in Owinaue. In Eichberge wurde 1962 ein Kuhstall mit 200 Plätzen fertiggestellt, und ein altes Stallgebäude war zu einem Kälberstall umgebaut. Ein neuer Jungrinderstall entstand auf dem Sonnenhof bei Bärhorst. Die Verantwortlichen in der Tierproduktion waren Adelbert Jennrich, der vom Lehr- und Versuchsgut des Institutes in die LPG delegiert wurde, für den Kuhstall, Ernst Hanisch für die Jungrinder und Mastbullen auf dem Sonnenhof, Paul Mielke für den Kälberstall und Ella Degen für den Hühnerstall. Nach seinem Fachschulabschluß übernahm Joachim Köhler die Funktion des Zootechnikers.

Im Frühjahr 1967 erfolgte der Zusammenschluß mit der LPG „Rotes Banner“ Retzow. Die fortschreitende Konzentration und Spezialisierung der landwirtschaftlichen Produktion in den 70er Jahren brachte weitere Veränderungen. Die Feldwirtschaft wird von der LPG Pflanzenproduktion Pessin betrieben, und die Retzower Tierproduktion dehnte vor allem ihre Weidewirtschaft aus. Die Retzower hatten von früher her schon Weiden bei Bärhorst, die Ende der 60er Jahre durch Weideansaaten auf dem Bärhorster Ackerland erweitert wurden. Geblieben ist in der Gemarkung Bärhorst nur der Sonnenhof als Weidezentrale, Häuser stehen dort nicht mehr. In Eichberge existiert noch der Kuhstall mit Bergeraum und Silos, die allerdings 1980 der 2000er Milchviehanlage Paulinenaue zugeordnet worden sind.

Seitenanfang

Die Gärtnerische Produktionsgenossenschaft

Im Frühjahr 1960 schlossen sich 6 Gärtner zu einer Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft zusammen. Sie gaben der GPG den Namen „Blühende Aue“ und wählten Willi Schäplitz zu ihrem Vorsitzenden. Die von ihm bewirtschaftete Gärtnerei in der Bahnhofstraße wurde Hauptbetrieb und Sitz der Verwaltung. Dort hat die GPG ein Gewächshaus, mehrere Frühbeetkästen und erweiterte die Kapazität zum Anbau von Frühgemüse durch neue Foliengewächshäuser. Wirtschaftsgebäude erhielt sie außerdem durch die ehemalige Mosterei des Gärtners Ewald Werner in der Ruppiner Straße. Auf diesem Grundstück richteten sich die Genossenschaftsgärtner auch eine gemeinsame Viehhaltung mit 12-14 Kühen ein, die jedoch später aufgegeben wurde.

Noch im Gründungsjahr und in den Jahren danach schlossen sich weitere Paulinenauer als Mitglieder oder Lohnbeschäftigte der GPG an. Die Genossenschaft vergrößerte sich ständig. Die Anzahl der Beschäftigten stieg von 10 Männern und 2 Frauen im Gründungsjahr 1960 auf 26 im Jahre 1984. An Land bewirtschaftete die GPG anfangs 25 ha, 1984 waren es 45 ha. Dominierend ist der Gemüseanbau mit Blumenkohl als Hauptkultur. Nach wie vor nehmen auch die Erdbeeren einen erheblichen Umfang ein, und bei Kern- und Beerenobst überwiegen Sauerkirschen und Johannisbeeren. In den Spitzenzeiten, insbesondere bei der Erdbeer-, Johannisbeer- und Sauerkirschenernte, nimmt die Genossenschaft Saisonhilfskräfte in Anspruch.

Das Obst und Gemüse wird zum überwiegenden Teil über die Paulinenauer Erfassungs- und Aufkaufstelle verkauft. Ein Teil geht aber auch über die betriebseigene Verkaufsstelle direkt an den Verbraucher. Blumen, Grabschmuck, Gemüsejungpflanzen, Obstsäfte und andere Waren werden ebenfalls im betriebseigenen Laden verkauft.

Seit 01.01.1977 ist die Genossenschaft mit der GPG Nauen zusammengeschlossen. Die Leitung des Betriebsteiles Paulinenaue übernahm Heinrich Goßmann.

Seitenanfang

Die Kleingärtner, Kleintierzüchter und andere Interessengemeinschaften

Einen nicht geringen Umfang nimmt in Paulinenaue die Feierabend- und Wochenendtätigkeit als Kleingärtner und Kleintierzüchter ein. Außerdem gibt es einen Anglerverband, einige erfolgreiche Sporttaubenzüchter, und die nähere Umgebung von Paulinenaue lädt dazu ein, einer Jagdgemeinschaft beizutreten oder in der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz des Kulturbundes mitzuarbeiten.

Die Kleingärtner leisten einen wertvollen Beitrag zur Eigenversorgung mit Obst und Gemüse. Über ihren Bedarf im eigenen Haushalt hinaus liefern sie jährlich über 500 dt Obst und 4000 dt Gemüse an die Paulinenauer Erfassungs- und Aufkaufstelle oder die Konsumverkaufsstelle. Außerdem geht ein nicht geringer Teil direkt von zu Hause aus an andere Verbraucher, wie insbesondere bei Spargel.

Eine lange Tradition hat der Anbau von Erdbeeren und Spargel. Die meisten Haushalte haben ihre eigenen Erdbeer- und Spargelreihen. Immerhin kamen z.B. 1983 von den Kleinproduzenten aber auch noch 220 dt Erdbeeren über die Erfassungsstelle zum Verkauf. In den letzten Jahren hat besonders der Anbau von Schwarzen Johannisbeeren zugenommen, ein Aufkauf von 70 dt dieser vitaminreichen Beerenfrucht im Jahre 1983 ist schon was. Obstschauen regen zu noch besseren Ernteergebnissen und Qualitätserzeugnissen an, und einen nicht geringen Anteil an den hohen Aufkaufmengen hat die gute Arbeit der Erfassungs- und Aufkaufstelle für Obst und Gemüse unter Leitung von Otto Sommerkorn auf dem Hof der Bürgermeisterei in der Brandenburger Allee.

Die Kleintierzüchter arbeiten in der Sparte D 719 des Verbandes der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter (VKSK) zusammen. Außerdem gibt es viele nicht organisierte Kleintierhalter. Die Kleintierzüchtersparte wurde am 30.12.1963 gegründet und hatte 1984 23 Mitglieder. Zu den Gründern gehören Willi Ulrich, Hans Erdmann, Anton Tolksdorf und der damalige Bürgermeister Heinz Oetjen. Die jährlichen Leistungsschauen im Saal der Konsumgaststätte geben einen Einblick in die Zuchtergebnisse bei Gänsen, Enten, Hühnern einschließlich Perl- und Zwerghühnern, Kaninchen und Tauben. Die Sparte arbeitet sehr aktiv, und einige Mitglieder haben mit ihren wertvollen Rassetieren sogar auf Republikschauen wertvolle Preise und Anerkennungen erworben. Auf dem Gelände des ehemaligen Ammoniaktanklagers richteten sie sich ein Spartenheim ein, das am 1. Mai 1984 eröffnet wurde. Dem Zug der Zeit folgend hat dort auch der Datschenbau von Spartenmitgliedern begonnen, allerdings mit Kleintierhaltung. Zusammen mit den anderen Kleintierhaltern des Ortes werden jährlich etwa 320 TStck. Eier, 200 dt Weißfleisch und 16 dt Bienenhonig zur Ablieferung gebracht.

Erhard Hesse hat den Flugtaubensport in Paulinenaue eingeführt und belegte nach wenigen Jahren bereits erste Plätze in der Kreismeisterschaft. Drei weitere Interessenten konnte er bisher für dieses Hobby gewinnen.

Die 125 Mitglieder des Anglerverbandes sind in zwei Betriebsgruppen organisiert; die meisten davon in der Betriebsgruppe des Institutes, die von Lothar Seyfarth geleitet wird. Eine zweite Betriebsgruppe hat der Bahnhof. Leider sind die Bedingungen für den Anglersport durch die Verschmutzung des Havelländischen Hauptkanals von Jahr zu Jahr schlechter geworden. Die Mitglieder harren aber aus und hoffen auf eine Abhilfe.

Bessere Bedingungen haben dagegen die Naturschützer und die zumeist in der Jagdgemeinschaft Friesack mitwirkenden Paulinenauer Waidgenossen. Von allen Seiten ist Paulinenaue von Wald oder kleineren Holzungen umgeben. Dazu gehören zwei Naturschutzgebiete, nach Osten das Lindholz und nach Norden die Jahnberge. Das Lindholz umfaßt etwa 102 ha und ist ein Lindenwald, gemischt mit Eichen, Hainbuchen und Nadelgehölzen auf grundwassernahem Talsand. Von der „Jägerwiese“ aus führt ein Lehrpfad durch diesen abwechslungsreichen Mischwald.

Die Jahnberge liegen mitten im Luch, etwa 1 km hinter dem Ortsteil Eichberge. Sie sind in erster Linie wegen der ursprünglichen Steppenvegetation Naturschutzgebiet. Diese seltene Vegetation ist allerdings bereits stark zurückgegangen, aber immerhin ermittelten die Naturschützer 1983 noch 32 typische Vertreter der Steppenflora, darunter auf den angrenzenden „Kaninchenbergen“ auch das bei uns seltene Federgras mit seiner langen federartigen Granne.

Abwechslung und Entspannung bietet auch der nach Südwesten bis Pessin reichende Paulinenauer Wald. Größere geschlossene Buchen-, Eichen- und verschiedenartigste Nadelholzbestände wechseln einander ab. Im Frühjahr und Sommer erfreuen ausgedehnte Maiglöckchenbestände den Spaziergänger oder er nimmt eine Tüte Blaubeeren mit nach Hause. Im Winter ziehen die Eltern mit ihren Kindern zum Rodeln auf die „Eierberge“. Diese Bezeichnung erinnert noch an einen alten Brauch zu Ostern, bei dem die Jugend zum Eiertrudeln in die Buchenberge zog. Auf dem Wege dorthin wohnte bis Anfang der 50er Jahre der legendäre „Waldbär“. August Kaster hatte Kräfte wie ein Bär und konnte für drei arbeiten. In der Lebensweise und Aufmachung konnte er jedoch so manchem das Fürchten lehren. Er fühlte sich von der Gemeinde als ein Ausgestoßener. Aber das schweift von den Interessengemeinschaften doch schon zu weit ab, oder auch nicht?

Seitenanfang

Vom Paulinenauer Turn- und Sportverein bis zur BSG Wissenschaft

Am 25. November 1923 wurde im damaligen Gasthaus „Zu den drei Landkreisen“ der Paulinenauer Turn- und Sportverein (PTSV) gegründet. Die Anregung dazu kam von den Arbeitern der Goldschmidt’schen Werkstatt, durchweg Berliner, die in ihrer Freizeit viel Sport trieben. Zwei von ihnen, Edmund Engelbrecht und Erich Horst gehörten folglich zu den Gründern, und auf der Gründungsversammlung wurde Edmund Engelbrecht zum Vereinsvorsitzenden gewählt. Der PTSV zählte damals etwa 20 Mitglieder. Von den Paulinenauern waren in den 20er Jahren und Anfang der 30er Jahre vor allem Martin Krüger, Oskar Huth, Heinrich Kunkel, Ewald Dazinnes und Willi Bewer aktive und erfolgreiche Sportler.

Zunächst wurden die drei Sportarten Fußball, Leichtathletik und Faustball bevorzugt betrieben. Der erste Übungsplatz befand sich dort, wo heute die 4 Einfamilienhäuser Petersen bis Waydbrink in der Straße „Unter den Eichen“ stehen. 1930 begann dann unter Leitung des neuen Vereinsvorsitzenden Johannes Schröder, dem „Maler-Hannes“, der Bau des Sportplatzes am Lindholz. Viel Aufwand erforderte die Einebnung des Platzes mit Spaten und Schaufel.

Pferdefuhrwerke wurden organisiert, um die Senken mit Sand auffüllen zu können. Damals entstand auch bereits ein erstes Sportlerheim.

Ab 1926 beteiligte sich der PTSV an den Fußballpunktspielen, wurde 1934 Kreismeister und errang vor allem im Juniorenbereich bemerkenswerte Erfolge. Als Schiedsrichter fungierten Karl Krys und Helmut Wolf, beide auch noch nach dem Kriege. Nach der Verkündung der Wehrpflicht im Jahre 1935 und mit Beginn des Krieges zerfiel der Verein. Erst wieder nach dem Krieg, im Jahre 1946, sammelten die Sportfreunde Gerhard Giese, Martin Krüger, und Helmut Quandt die sportlich interessierten Bürger um sich und bildeten die Betriebssportgemeinschaft „Traktor“. Ihr Vorsitzender war bis 1954 Gerhard Giese. In dieser Zeit spielte man in Paulinenaue vor allem Fußball und Frauenhandball, zunächst im Dorfzentrum auf einem Platz an der Ecke Bahnhofstraße-Lindenweg, wo heute die 8 WE stehen. Unter Leitung von Erwin Wienbrack wurde Anfang der 50er Jahre außerdem Pferdesport betrieben. Gemeinsam mit Sportfreunden aus den Nachbarorten fanden Reit- und Fahrturniere statt, zumeist auf der idyllisch gelegenen „Jägerwiese“.

Damals besannen sich die Mitglieder der BSG auch wieder auf ihren Sportplatz am Lindholz. In vielen freiwilligen Arbeitseinsätzen gingen sie daran, den Platz zu vergrößern und in seiner heutigen Anlage herzurichten. Am 1. Mai 1953 wurde der Platz eingeweiht. Professor Mitscherlich führte den Anstoß aus und gab den Fußball frei für das Eröffnungsspiel zwischen einer Jugendmannschaft aus Paulinenaue und Rathenow.

Im Jahre 1956 erfolgte die Umbenennung in BSG „Wissenschaft“, und es begann mit dem Institut als Trägerbetrieb eine neue Etappe in der Entwicklung. Weitere Sportarten, wie Schach und Tennis, und dann vor allem Volleyball und Frauengymnastik kamen hinzu. Zunehmend ging es auch um die Nachwuchsförderung. In enger Zusammenarbeit mit der Schule wurden über den eigentlichen Sportunterricht hinaus interessierte Kinder in gesonderten Trainingsgruppen an den regelmäßigen Sportbetrieb in den Sektionen herangeführt. Dafür engagierten sich erfahrene Sportler der BSG und vor allem der Sportlehrer Gerhard Hellwig. Viele Medaillen von Kinder- und Jugendspartakiaden auf Kreis- und Bezirksebene holten sich die Paulinenauer Schülerinnen und Schüler. Klaus Köhler kam 1976 zu Weltmeisterehren im Rudern als Mitglied des Juniorenachters vom SC Dynamo Berlin. Eine enge Verbindung wurde zum TSC Berlin hergestellt; insbesondere für die Nachwuchsgewinnung im Volleyball.

Die Sektion Volleyball wurde 1965 gegründet, und die Paulinenauer Mannschaft war stets ein starker Gegner in den Punktspielen. Die gute Nachwuchsarbeit im Fußball zahlte sich ebenfalls aus. Mehrere Paulinenauer Schüler spielten erfolgreich in der Schülerauswahl des Kreises. Am regelmäßigen Punktspielbetrieb beteiligen sich zwei Männer- und zwei Kinderfußballmannschaften. Die 1. Fußballmannschaft spielte in der Saison 1982/83 in der Bezirksklasse. In Vorbereitung auf diese Saison wurde das Sportlerheim am Sportplatz erweitert.

Zu einer guten Tradition geworden sind der Herbstwaldlauf durch die Pessiner Heide, ein internationales Volleyballturnier, das Fußballpokalturnier zu Pfingsten und das Dorfsportfest.

Die BSG Wissenschaft wurde von 1956 bis 1967 zunächst von Heinz Grundmann, danach von Helmut Quandt und nochmals von Gerhard Giese geleitet. Über 12 Jahre, von 1968 bis 1980 setzte sich Dr. Klaus Müller als Vorsitzender mit großer Aktivität für die Entwicklung des Sports in der BSG ein und nach ihm ab 1980 Dr. Wolfgang Seyfarth. 1984 erreichte die Betriebssportgemeinschaft die stattliche Mitgliederzahl von 360. Bezieht man die ebenfalls im DTSB organisierten Angler mit ein, ist mehr als jeder dritte Paulinenauer Bürger Mitglied des Deutschen Turn- und Sportbundes. Für die guten Leistungen wurde der Ortsverband vom Bundes- und Bezirksvorstand wiederholt ausgezeichnet.

Viele freiwillige Aufbaustunden wurden für die Errichtung, Rekonstruktion und Erhaltung der Sportanlagen geleistet. Absoluter Höhepunkt war der Aufbau der Sporthalle mit den Außenanlagen als Initiativbau 1980/81. Am 23.01.1982 erfolgte nach zweijähriger Bauzeit die Übergabe an die zukünftigen Nutzer, an die Schule und die Sportgemeinschaft. Am Bau leisteten nahezu 450 Einwohner einschließlich der Schüler etwa 7800 freiwillige Aufbaustunden, und die Betriebe des Territoriums beteiligten sich mit finanziellen Mitteln. Die neue Sportanlage ist ständig ausgebucht und wird den Sportbetrieb in Paulinenaue noch weiter voranbringen.

Seitenanfang

Vom Lehr- und Versuchsgut des Institutes zu spezialisierten VEG der Pflanzen- und Tierproduktion

Der damals mit etwa 330 ha LN relativ kleine Landwirtschaftsbetrieb des Institutes wurde 1963 mit dem VEG Selbelang zum Lehr- und Versuchsgut Paulinenaue/ Selbelang der AdL vereinigt. Der Betrieb bewirtschaftete rund 1600 ha LN, davon ca. 600 ha (37 %) Grünland. Betriebsleiter blieb Helmut Thöns, bis er im Januar 1972 zum Direktor des Institutes für Grünland- und Moorforschung berufen wurde. 1972 leitete Adolf Rafeld aus Selbelang das LVG. Die positive Entwicklung des Betriebes in dieser Zeit kommt besonders in den erzielten Milchleistungen zum Ausdruck. Bei einem Kuhbestand von 520-580 Kühen stieg sie von 3340 kg je Kuh im Jahre 1963 auf 5250 kg im Jahr 1972 bei 4 % Fett.

Der Entwicklung der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse auf dem Lande Rechnung tragend, kam es mit Jahresbeginn 1973 zur Bildung einer Kooperativen Abteilung Pflanzenproduktion (KAP). Auf Beschluß der Leitungen des LVG Paulinenaue/Selbelang, des VEG Berge sowie der Vollversammlungen der LPG Berge, Ribbeck, Brädikow, Warsow und Jahnberge gingen diese Betriebe zur gemeinsamen Nutzung ihres gesamten Bodenfonds über. Die Leitung der KAP übernahm Günter Watzke, der aus dem Paulinenauer Institut in die Leitungsfunktion delegiert wurde. 1975 schloß sich auch noch das VEG Hertefeld der KAP an.

Die KAP war jedoch in der Landwirtschaft der DDR nur eine Übergangsform. Am 1. Januar 1978 erlangte die Kooperative Abteilung als VEG Pflanzenproduktion Selbelang die juristische Selbständigkeit. Das VEG (P) bewirtschaftet eine LN von 9280 ha. Davon sind 6100 ha Ackerland (65,7 %) und 3180 ha Grünland (34,3 %). Etwa die Hälfte der LN sind Luchböden (Anmoor und Moor). Das Ackerland in Paulinenaue wird vom Territorialbereich Brädikow aus bewirtschaftet, das Grünland von einem nach Produkt und Technologie organisierten Bereich Futterproduktion. Direktor des VEG (P) Selbelang ist mit Beginn des Jahres 1980 Klaus Bockholdt, Leiter des Territorialbereiches Brädikow Detlef Wacker und des Bereiches Futterproduktion Horst Baumgart.

Mit der Herausbildung der KAP begann auch in der Tierproduktion eine Konzentration und Spezialisierung. Ende 1972 beschlossen das LVG Paulinenaue/ Selbelang sowie die LPG Brädikow, Warsow und Jahnberge eine 2000er Milchviehanlage als zwischenbetriebliche Einrichtung (ZBE) zu bauen, die zum 7. Oktober 1974 die Produktion aufnahm. Unmittelbar danach begann der Aufbau einer 4600er Jungrinderaufzuchtanlage und einer 3200er Kälberaufzuchtanlage in Hertefeld. Außerdem erfolgten Zusammenschlüsse von LPG und VEG der Tierproduktion. Aus vordem 9 selbständigen LPG und VEG Tierproduktion wurden 4 größere Tierproduktionsbetriebe. Sie arbeiten mit dem VEG Pflanzenproduktion in einer Kooperation zusammen, die von einem Kooperationsrat geleitet wird. Zur Kooperation Selbelang gehören als selbständige Landwirtschaftsbetriebe die

  • VEG Pflanzenproduktion Selbelang
  • VEG Tierzucht Paulinenaue
  • VEG Tierzucht Hertefeld
  • ZBE Industrielle Milchproduktion Paulinenaue
  • LPG Tierproduktion Ribbeck
  • LPG Tierproduktion Brädikow

Das VEG Tierzucht Paulinenaue ist aus dem LVG Paulinenaue/Selbelang hervorgegangen. Am 02.04.1973 wurde Dr. Harry Rackwitz zum Direktor des LVG berufen. Es erhielt ab 01.01.1976 den Status eines VEG Tierzucht, hat seinen Sitz in Selbelang und die 3 Betriebsteile Selbelang, Paulinenaue und Pessin. Der Betriebsteil Pessin war vordem ein selbständiges VEG (T) Pessin. Leiter des Betriebsteiles Paulinenaue ist Ulrich Paelchen. Die Tierbestände der VEG Tierzucht Paulinenaue und Hertefeld gehören zum Rinderzuchtzentrum des Bezirkes Potsdam. Mit der Errichtung der neuen industriemäßig betriebenen Tierproduktionsanlagen hat sich der Produktionsumfang im Paulinenauer Territorium stark erweitert. Die Tierproduktionsbetriebe der Kooperation Selbelang bringen z.B. etwa ein Drittel des Milchaufkommens im Kreis Nauen. Vom VEG Pflanzenproduktion mit Futter zu versorgen sind insgesamt rund 11 500 Großvieheinheiten (GV), darunter 9500 GV Rinder mit zum größten Teil sehr hohen Leistungen. Die durchschnittliche Milchleistung pro Kuh aller im Territorium gehaltenen Milchkühe beträgt rund 4500 kg bei 4 % Fett.

Entsprechend der Tierbestandsentwicklung in der Kooperation hat sich die Futterproduktion zur Hauptproduktionsrichtung entwickelt. Das VEG (P) Selbelang ist zentraler Konsultationsstützpunkt der Republik für die Silageproduktion. Jährlich werden in Zusammenarbeit mit dem Paulinenauer Institut Anwenderseminare zur Vermittlung der neuesten Ergebnisse und Erkenntnisse auf diesem Gebiet durchgeführt.

Die Kooperation Selbelang wird bei der Lösung der anspruchsvollen Aufgabe unterstützt durch die ZBE Trockenwerk Selbelang, vornehmlich bei der Produktion von Trockengrünfutter und Strohpellets im Mehrfruchttrockenwerk bzw. in der Strohpelletieranlage. Weitere Dienstleistungsbetriebe sind das Agrochemische Zentrum (ACZ) Friesack für die Düngung und den Pflanzenschutz, die Nauener Meliorationsgenossenschaft für die Instandsetzung der Meliorationsanlagen sowie der Kreisbetrieb für Landtechnik (KfL) als Reparaturbasis für den hohen Bestand an modernen Maschinen, Traktoren und LKW.

Seitenanfang

Die 2000er Milchviehanlage

Das Lehr- und Versuchsgut Paulinenaue/Selbelang und die benachbarten LPG Brädikow, Warsow und Jahnberge beschlossen im November 1972, eine Milchviehanlage mit 2000 Kuhplätzen als Zwischenbetriebliche Einrichtung (ZBE) in ihrem Wirtschaftsgebiet zu bauen. Das umfangreiche Niedermoorgrünland war im Ertrag bedeutend verbessert worden, und das anfallende Futter konnte nur durch die Aufstockung des Rinderbestandes effektiv verwertet werden. Zum anderen gaben die von erfahrenen Melkerkollektiven des LVG erzielten hohen Milchleistungen sowie die Unterstützung durch das Institut für Futterproduktion Veranlassung, die erste Anlage solcher Art im Bezirk Potsdam in Paulinenaue zu errichten.

Im Vorfeld dieser Entscheidung gab es jedoch vieles zu klären. Muß es gleich eine so große Anlage sein? Soll sie mit Weidehaltung oder ohne betrieben werden und wo soll sie stehen? Georg Weiland plädierte von Anfang an für Weidehaltung und schlug die Jahnberge als möglichen Standort vor. Das löste heftige Proteste der Naturschützer aus.

Die Sandhorste der Jahnberge sind Naturschutzgebiet, und wo will man mit der zumindest im Winter anfallenden Gülle mitten in Luch hin. Der Vorschlag wurde also verworfen, und im übrigen merkten die Paulinenauer bald, daß die Sache viel höher angebunden war. Nach etlichen Standortberatungen mit vielen Institutionen, die dabei ein Wort mitzureden haben, einigte man sich schließlich auf den jetzigen Standort am Waldrand an der Brädikower Straße etwa l km von Paulinenaue entfernt. Bautyp und Technologie wurden wesentlich dadurch mitbestimmt, daß die Anlage als Beispielsobjekt des RGW zu projektieren war. Nachdem auch die Fragen der Beteiligung der Betriebe an der Finanzierung und Bewirtschaftung geklärt und durch die Vollversammlungen sanktioniert waren, konnte die Aufbauleitung der ZBE Industrielle Milchproduktion Paulinenaue, so heißt sie richtig, gebildet werden und ihre Arbeit Ende 1972 aufnehmen. Aufbauleiter wurde Rüdiger Hörold, der mit seinem Stab Quartier in einer Baracke am Baugelände bezog.

Die Arbeiten begannen mit der Rodung von etwa 2 ha Eichenwald, dem Abtrag des Mutterbodens und der Wiederauffüllung mit Sand. Motorsägen, Planierraupen, Dumper und Kräne beherrschten also zunächst das Geschehen. Mit „gleitender Projektierung“ verlief der Aufbau. Auf einer Grundfläche von etwa 12000 m² wurde das Produktionsgebäude als Kompaktbau errichtet. Hinzu kamen der Futterlagerbereich mit 7 Hochsilos HS 25 und 2 Horizontalsilos, der Güllelagerbereich, ein Sozialgebäude, Heizhaus und Werkstatt sowie die Wasserversorgungsanlage.

Zum 7. Oktober 1974 wurde die moderne Milchviehanlage der Bestimmung übergeben. Die Belegung mit tragenden Färsen war noch nicht abgeschlossen, als bemerkt wurde, daß die Verkalbeseuche Brucellose mit eingeschleppt war. Alle bis dahin eingestellten Tiere mußten wieder umgesetzt werden, es begann eine umfassende Desinfektionsaktion, und die Belegung mußte neu beginnen.

Nachdem Rüdiger Hörold als Aufbauleiter einer noch größeren 4000er Milchviehanlage nach Blankenfelde, Krs. Zossen, berufen wurde, übernahm Werner Schneeweiß 1976 die Leitung der Paulinenauer Anlage. Der Betrieb hat etwa 130 Beschäftigte und bildet Lehrlinge zu Facharbeitern für die Tierproduktion aus, die in Groß-Kreutz ihre Berufsschule haben. Für die zumeist jungen Mitarbeiter wurden im Gründungsjahr 1974 32 Wohnungseinheiten im Wohnblock Bahnhofstraße und ein Einfamilienhaus für den Betriebsleiter geschaffen. Im Juni 1978 wurden weitere 6 Einzelhäuser unter den Eichen an Mitarbeiter der MVA übergeben. Außerdem beteiligten sich Betriebsangehörige am privaten Eigenheimbau. Die Lehrlinge waren zunächst im Studentenheim des Institutes untergebracht, bis im Jahre 1977 durch Umbau einer alten Baustelleneinrichtung draußen an der Anlage ein Lehrlingswohnheim eingerichtet wurde. Darin befindet sich auch ein größerer Kulturraum mit Kantine für Versammlungen und Brigadefeiern. Mit der Freigabe des 40er Wohnblocks am Lindenweg zur Jahreswende 1983/84 erhielt die MVA weitere 10 WE für junge Familien.

Die 2000er Milchviehanlage ist Kooperationspartner der Pflanzen- und Tierproduktionsbetriebe des Territoriums. Die Futterversorgung erfolgt durch das VEG Pflanzenproduktion bzw. das Trockenwerk Selbelang. Die Nachzucht an Färsen kommt größtenteils aus der 4600er Jungrinderaufzuchtanlage im VEG Tierzucht Hertefeld. Dorthin, in die 3200er Kälberaufzuchtanlage, werden auch die zuchttauglichen weiblichen Kälber gegeben. Die männlichen und zuchtuntauglichen weiblichen Kälber gehen bereits wenige Tage nach der Geburt in die Kälbermastanlage der LPG (T) Pessin. Als Vor- bzw. Nach­nutzungs­einheiten werden zusätzlich kleinere Stallungen in Eichberge und Warsow genutzt.

Ab 1982 ist die Paulinenauer ZBE Konsultationsbetrieb für die Weidehaltung von Milchviehgroßanlagen. Im Frühjahr bei Weideaustrieb werden die Kühe mit Transportfahrzeugen in ihre modern eingerichteten Weidekombinate gefahren. Das größte Weidekombinat „Hohe Horst“ mit rund 600 Kühen liegt etwa 10 km von der Anlage entfernt. Mit der Weidehaltung wurden bedeutende Fortschritte, vor allem in der Senkung des Produktionsaufwandes und Gewährleistung einer hohen Futterökonomie, erreicht. Dafür sprechen allein die Kosteneinsparungen von rund 375,- M je Kuh während einer Weidesaison. 1984, im 10. Jahr des Bestehens der MVA, konnte mit rund 8000 t Milch das bisher höchste Produktionsergebnis erreicht werden.

Seitenanfang

Die Entwicklung der Gemeinde in der Wahlperiode 1974-79 mit der Dorfverschönerung in Vorbereitung des Weltgraslandkongresses

Einen weiteren bedeutenden Aufschwung hat die Gemeinde in den Jahren nach 1974 unter Leitung ihres Bürgermeisters Gerhard Hellmuth genommen, der am 22.05.1975 von Karl Krüger das Amt übernahm. Aus dem Zeitraum von 1974-79 sind besonders hervorzuheben

die Inbetriebnahme der 2000er Milchviehanlage zum 7. Oktober 1974 und die Übergabe des 32er Wohnblocks an die Mitarbeiter der ZBE Industriemäßige Milchproduktion
die Eröffnung einer neuen zehnklassigen Oberschule am 29. März 1976
der Umbau eines Bauarbeiterwohnheimes zu einem neuen Landwarenhaus und die Übergabe an die Konsumgenossenschaft am 30. April 1976
die Inbetriebnahme des Mehrzweckgebäudes mit Ledigenwohnheim im März 1976 und Sozialgebäude im Mai 1977
die Eröffnung der neuen Sparkasse in der Bahnhofstraße 1978 nach dem Umbau der Bäckerei.

Wesentliche Impulse für eine umfassende Dorfverschönerung gingen von der Vorbereitung und Durchführung des XIII. Internationalen Graslandkongresses aus.

Die Plenar- und Sektionstagungen fanden im Mai 1977 zwar in Leipzig statt, wo 1927 erstmals eine internationale Graslandtagung abgehalten wurde, aber Paulinenaue war in die Vor- und Nachexkursionen einbezogen. In und um Paulinenaue konnten sich die Exkursionsteilnehmer im Institut, VEG Tierzucht, VEG Pflanzenproduktion (damals noch KAP) sowie im Trockenwerk Selbelang und auf dem Beregnungsversuchsfeld in Berge über den Stand der Graslandintensivierung und Futterwirtschaft bei uns informieren.

Bereits unmittelbar nach der Konstituierung des zentralen Organisationskomitees in Berlin begannen auch die Vorbereitungen in Paulinenaue. Die Initiativen zur Verschönerung des Dorfbildes wurden mit einer Einwohnerversammlung und einer Ortsbegehung eingeleitet. Für notwendig erachtete Maßnahmen wurden mit den Betrieben und Grundstückseigentümern abgesprochen und eingeleitet. Großzügige Unterstützung gewährten die Partei- und Staatsorgane des Kreises und des Bezirkes, insbesondere bei der kurzfristigen Fertigstellung von Neubauten und Modernisierungen im Institut und beim Ausbau der Zufahrtstraßen zu den einzelnen Besichtigungsobjekten. Die Chaussee von der F5 wurde verbreitert und erhielt eine neue Straßendecke von Pessin bis zur Paulinenauer Poliklinik. Etwa 1,4 km Betonplattenstraßen wurden im Ort angelegt, und eines nachts waren die Asphaltdecken im Institutsgelände und am Feuerwehrdepot geschaffen.

Besondere Verdienste um die Dorfverschönerung erwarben sich der Bürgermeister Gerhard Hellmuth sowie Erhard Geithner als Beauftragter des Institutes. Von bleibendem Wert sind die neuen befestigten Gehwege. Insgesamt wurden 1850 Meter Gehwegplatten verlegt, u.a. von der Bienfarmer Straße bis zur Konsumgaststätte, vom neuen Landwarenhaus bis zur Poliklinik, von der Bushaltestelle Brädikower Weg an den Wohnblocks vorbei bis zur neuen Schule sowie am Lindenweg von der Bahnhofstraße bis zum Mehrzweckgebäude. Zumeist mußten dazu vorhandene Straßengräben vorher verrohrt und aufgefüllt werden. Der Platz vor den 18 WE im Zentrum des Ortes wurde nach einem Projekt des Gartenbauingenieurs Tolks aus Potsdam gestaltet. Alle Betriebe und gesellschaftlichen Organisationen beteiligten sich an diesem Aufbauwerk, durchweg außerhalb der Arbeitszeit.

Viele persönliche Initiativen beim Fassadenputz, Hausanstrich oder beim Anlegen neuer Vorgärten und Blumenrabatten ergaben schließlich ein schöneres Dorfbild, das bis heute noch wirkt.

Seitenanfang

Die Entwicklung des Schulwesens und der Kindertagesstätten

Wie überall in der Republik wurden auch in Paulinenaue vorbildliche Bedingungen für das Schulwesen geschaffen. Die derzeitig etwa 220 Schülerinnen und Schüler werden von 15 qualifizierten Lehrerinnen und Lehrern in einer modern eingerichteten zehnklassigen polytechnischen Oberschule vielseitig ausgebildet. Die neue Sporthalle bietet beste Voraussetzungen für den Schulsport, und auch über die Unterrichtszeit hinaus gewährleisten ein Schulhort und Schülerclub eine gewissenhafte Betreuung bzw. eine abwechslungsreiche Zirkelarbeit und Freizeitgestaltung. Im Sozialgebäude des Institutes nehmen die Schulkinder am Werkküchenessen teil, und alle Schulklassen haben Patenschaftsverträge mit Arbeitskollektiven aus Betrieben des Ortes, die sie mit Unterstützung der Elternaktivs intensiv nutzen.

Wie war es früher?

Im Jahre 1904 stellte die Eisenbahnverwaltung nach längerem Drängen der Eltern einen Schulraum in einem Eisenbahnerhaus, dem heutigen Haus Gebauer, Bahnhofstraße 24, zur Verfügung. Vorher mußten die Kinder der Eisenbahner nach Selbelang und die der Gutsarbeiter nach Pessin, dem Stammsitz des Gutsbesitzers, zur Schule gehen. Mit Beginn der Schulzeit in Paulinenaue wurden alle 8 Altersstufen, vom 6. bis 14. Lebensjahr, in einem Klassenraum umschichtig unterrichtet. Dabei soll der einzige Lehrer, der von Beruf Schneider war, noch nebenbei Fahrkarten verkauft haben. Erst 1910 kam mit Ernst Richter ein ausgebildeter und hauptamtlich tätiger Lehrer nach Paulinenaue.

1922 wurde das Schulgebäude Bahnhofstraße/Ecke Waldstraße mit 2 Klassenräumen und 2 Lehrerwohnungen gebaut. Das Gebäude ist heute die Kinderkrippe. Die beiden Lehrer Richter und Schmidt unterrichteten je 4 Altersgruppen in einem Klassenraum und das bei einer nicht geringen Schülerzahl, die sich bereits bis Ende der 30er Jahre auf etwas über 100 Schülerinnen und Schüler erhöhte. Schulspeisung, Schulhort usw. gab es vor 1945 nicht.

Nach Kriegsende begann im Oktober 1945 wieder der Unterricht. Schwer war auch in der Volksbildung der Neubeginn. Lehrer Richter durfte im Schuldienst bleiben, und zu seiner Unterstützung kamen die ersten kurzfristig ausgebildeten Neulehrer. Mit der 1946 verkündeten demokratischen Schulreform stand u.a. die Aufgabe, die ein- und zweiklassigen Dorfschulen abzuschaffen. Ein zweites Schulgebäude, das heutige Schulhaus Kirfel, kam in unmittelbarer Nähe hinzu. Dort waren zuerst 2, dann 4 Klassenräume, zusammen mit der „alten“ Schule gab es also 6 davon. Die Klassen 7 und 8 wurden für mehrere Jahre in Nauen unterrichtet, bis mit Beginn des Schuljahres 1967/68 eine neu gebaute Baracke, der heutige Schülerclub, mit 2 Klassen in Betrieb genommen werden konnte. Inzwischen war aber die 10-Klassenschule eingeführt worden. Jetzt mußte die 9. und 10. Klasse nach Nauen und später nach Retzow zum Schulunterricht fahren, bis das ewige Hin und Her mit dem Neubau einer 10-klassigen POS ein Ende nahm.

Am 29. März 1976 wurde die neue 10-klassige polytechnische Oberschule (POS) eröffnet. Die zentral beheizten Schulräume sind mit technischen Hilfsmitteln ausgerüstet, die einen Unterricht in Fachkabinetten ermöglichen. Erster Direktor der 10-klassigen POS war G. Hellwig, nach ihm K. Kirfel und dann Annegret Prüfer.

Mit Begeisterung nahmen die Schülerinnen und Schüler auch die neue Sporthalle am 23. Januar 1982 und die danach fertiggestellten Außensportanlagen in Besitz. Vorher mußte der Schulsport in den Wintermonaten im Saal der Konsumgaststätte durchgeführt werden, und die Schulspeisung erfolgte im Warteraum des Bahnhofs.

Eine ähnlich gute Entwicklung hat die vorschulische Kinderbetreuung in Kinderkrippe und Kindergarten genommen. Sie nahm erst nach 1945 ihren Anfang und begann mit der Einrichtung von Erntekindergärten z.Z. der Getreideernte. Die ersten Kindergarteneinrichtungen entstanden in Paulinenaue Anfang der 50er Jahre im heutigen Haus Wienbrack bzw. in der Bürgermeisterei. Eine neue Baracke in der Waldstraße hinter der „alten“ Schule, heute Dienstleistungsannahme, diente in der Folgezeit als Kindergarten. Für die Kleinsten waren im „Studentenheim“ zwei Räume als Kinderkrippe eingerichtet.

Mit dem Wachsen des Institutes mußten jedoch erweiterte Möglichkeiten geschaffen werden, um mehr Müttern die Möglichkeit zu geben, einer Arbeit nachzugehen. Dazu wurde durch das Institut am Lindenweg ein Kindergarten mit Kinderkrippe errichtet Diese Kindertagesstätte wurde im November 1968 in Betrieb genommen und wird seitdem von Trautchen Exner mit ihrem Kollektiv geleitet. Wenig später wurde die Einrichtung noch erweitert und konnte 30 Krippenkinder und 45 Kindergartenkinder aufnehmen. Die neue Kindereinrichtung nahm auch Krippenkinder von Müttern auf, die nicht im Institut arbeiteten. Demgegenüber blieb die Baracke hinter der „alten“ Schule als Gemeindekindergarten unter Leitung von Renate Grimm erhalten.

Eine erneute Erweiterung und Verbesserung erfuhr die Kinderbetreuung mit dem Ausbau der „alten“ Schule zur ausschließlichen Kinderkrippe für alle Betriebe des Ortes. Den Ausbau übernahm die Milchviehanlage. Zum 1. Februar 1980 konnte die Kinderkrippe „Paulinchen“ der Bestimmung übergeben werden. Sie kann 45 Krippenkinder aufnehmen, und die Krippenerzieherinnen haben optimale Arbeitsbedingungen.

Mit der Entlastung der Kindertagesstätte Lindenweg durch die Krippenkinder wurde der Gemeindekindergarten aufgelöst und die dort betreuten Kinder in die Einrichtung am Lindenweg umgesetzt. Ab 1980 gibt es also in Paulinenaue für alle Betriebe des Ortes eine gemeinsame Kinderkrippe (Bahnhofstraße) und einen gemeinsamen Kindergarten (Lindenweg).

Seitenanfang

Das Landambulatorium

Das Gebäude des Landambulatoriums ist nach dem 1. Weltkrieg von der Siedlungsgesellschaft gebaut worden. Bis 1930 war ein Oberst a. D. von Diringshofen der Besitzer, dann erwarb Gustav Kintscher das Grundstück, das am „Kintscher Weg“ viel Gartenland hatte.

Mit der Einrichtung einer Zahnarztpraxis im Jahre 1927 begann die Entwicklung zum Ambulatorium. Zunächst hatte dort eine Zahnärztin aus Friesack zweimal wöchentlich Sprechstunden. Die Praxis wurde dann von Frau Förster übernommen und bis Mitte der 60er Jahre weitergeführt. Als sie aus Altersgründen ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte, begann alles wieder von vorne. Von Friesack aus wurden wie zuvor zweimal wöchentlich Zahnarztsprechstunden abgehalten, bis das Zahnarztehepaar Heinrich 1978 von Friesack nach Paulinenaue zog und die Praxis übernahm.

Die allgemein-medizinische Betreuung der Paulinenauer Bürger erfolgte bis 1959 von der Retzower Arztpraxis aus. Von dort wurden Krankenbesuche und auch Sprechstunden in Paulinenaue durchgeführt. Es gab im Ort aber eine Schwesternstation, die bereits 1942 von Minna Brosow in der Ruppiner Straße 5 eingerichtet wurde. Eine eigene Arztpraxis bekam Paulinenaue erst ab 1960 durch Frau Dr. Hey. Sie war mit ihrem Mann, der im Institut arbeitete, nach Paulinenaue gekommen. Die nachfolgenden Ärztinnen Frau Dr. Netzband und Frau Leipnitz kamen ebenfalls mit ihren Ehepartnern, die eine Wissenschaftlertätigkeit am Institut aufnahmen.

Mit den wachsenden Aufgaben der ärztlichen Betreuung im gesamten Gemeindeverband wurde 1979 die Poliklinik zu einem geräumigeren und modern eingerichteten Ambulatorium ausgebaut, die Zahnarztpraxis sogar mit einem zahntechnischen Labor. Mit Ausnahme der Hausmeisterwohnung wurden die beiden anderen Wohnungen aufgelöst und in den Ausbau mit einbezogen.

1980 kam das Arztehepaar Schultz nach Paulinenaue. Frau Dr. Schultz-Habermann übernahm die ärztliche Betreuung in der Gemeinde und ihr Mann in den zum Gemeindeverband gehörenden Orten. Von Anfang an, seit nunmehr einem Vierteljahrhundert, ist die Schwester Margret ununterbrochen als Sprechstundenhilfe im Paulinenauer Landambulatorium tätig.

Der Zahnarzt Siegfried Heinrich praktiziert außer in Paulinenaue auch von der Station in Pessin aus, und seine Frau ist Jugendzahnärztin im Kreis Nauen.

Seitenanfang

Das Mehrzweckgebäude mit Ledigenwohnheim

Das zum Institut gehörende Mehrzweckgebäude, von den Paulinenauern kurz MZG genannt, besteht aus einem Sozialgebäude und einem 3stöckigen Ledigenwohnheim. Die Bezeichnung Ledigenwohnheim ist etwas irreführend, denn in der gesamten unteren Etage ist der Forschungsbereich Futterbau untergebracht, und in einem Teil der 2. Etage hat die Hauptbuchhaltung des Instituts ihre Arbeitsräume. Der größte Teil der 2. Etage und die 3. Etage ist jedoch als Wohnraum für Ledige und junge Familien vergeben. Außerdem wurden Gästezimmer eingerichtet.

Das Sozialgebäude ist ein Flachbau mit Küche, Kantine, Saal und 2 Klubräumen. Die moderne Großküche wird von allen Betrieben des Ortes für das Werkküchenessen und von der Schule für die Schulspeisung genutzt. Täglich werden etwa 450 Mittagessen ausgegeben, zu einem billigen Preis von 0,70 bzw. 1,20 M für das Werkküchenessen nach Wahl. Eine geschmackvolle Ausgestaltung des Saales und der beiden Klubräume übernahm Professor Nerlich aus Potsdam. Der große Saal kann durch eine Schiebewand getrennt werden, und drei seitliche Saalausgänge führen auf eine Terrasse mit anschließender Grünanlage.

Die Fertigstellung des Mehrzweckgebäudes erfolgte in zwei Etappen. Das Ledigenwohnheim wurde im März 1976 bezogen. Demgegenüber konnte die Inbetriebnahme des Sozialgebäudes erst im Mai 1977, kurz vor Beginn des XIII. Internationalen Graslandkongresses, vorgenommen werden. Durch viele Eigeninitiativen wurden solche Einrichtungen wie Parkettfußböden oder Holztäfelung realisiert, die dem großen Saal erst ein geschmackvolles Gepräge geben.

Mit dem Empfang der ersten Exkursionsdelegation zum Weltgraslandkongreß am 14. Mai 1977 in Paulinenaue wurde das Sozialgebäude der Bestimmung übergeben. Zum Empfang spielte eine Blaskapelle des Kraftfuttermischwerkes Ketzin, und bei der Verabschiedung der Gäste stellte sich erstmals in Paulinenaue die Jagdhornbläsergruppe Friesack vor, in der viele Kinder aus Paulinenaue mitspielen. Erst nach Abschluß der Exkursionen zum Graslandkongreß wurde mit einem großen, noch vielen in Erinnerung gebliebenen Sommernachtsball von den Belegschaftsangehörigen die Eröffnung des Sozialgebäudes gefeiert. Heute werden der Saal und die beiden Klubräume sehr vielseitig genutzt. Der vordere Saalteil ist zugleich Speisesaal, und im hinteren Saalteil werden vorwiegend Belegschaftsversammlungen und Fachtagungen durchgeführt. Es vergeht kaum ein Abend oder ein Wochenende ohne Veranstaltung, seien es Versammlungen des Institutes, der Gemeindevertretung, der politischen Organisationen des Ortes, Brigadefeiern, Familienfeiern oder Tanzveranstaltungen. Geeignet ist der Saal auch für Großveranstaltungen. So werden im Paulinenauer Sozialgebäude regelmäßig die Kreisdelegiertenkonferenzen der SED mit über 400 Teilnehmern durchgeführt. Viele Großbetriebe, LPG und VEG veranstalten in Paulinenaue ihre Jahreshauptversammlungen oder Betriebsfeste. Die Anreise erfolgt nicht selten sogar mit Sonderzügen. So haben viele Bürger des Kreises bzw. des Bezirkes erst durch das Sozialgebäude persönlich ihre Bekanntschaft mit Paulinenaue gemacht.

Seitenanfang

Unter den Eichen und der Eigenheimbau

Entschließt man sich zu einem Spaziergang in den herrlichen Mischwald von Paulinenaue, trifft man vom Lindenweg kommend auf die neue Plattenstraße „Unter den Eichen“. Sie ist kennzeichnend für den Aufschwung des privaten und betrieblichen Eigenheimbaus, insbesondere in den Jahren nach 1970.

Rechts in die Straße einbiegend, liegen gegenüber dem Park die vier Einfamilienhäuser, die bereits Anfang der 50er Jahre für das neu gegründete Institut gebaut worden sind. Das erste Haus davon bewohnte Professor Mitscherlich und nach ihm wohnte dort Professor Petersen. Am Ende des Parks bauten die Handwerker des Instituts 1981/82 ein betriebseigenes Einfamilienhaus und dahinter folgt dann der frühere „Krähenwinkel“. Die dort befindlichen Landarbeiterwohnungen gehören zu den ältesten in Paulinenaue. Als sie 1960 umgebaut und modernisiert wurden, bestanden sie bereits über 100 Jahre. Elf Gutsarbeiterfamilien wohnten dort recht primitiv in einem langgestreckten, aus mehreren Häusern zusammengesetzten Bau. Die vom Einsturz bedrohten Wohnungen wurden völlig neu wieder aufgebaut. Massive Stallungen mit Kellern wurden errichtet, Wasserleitung und Kanalisation gelegt, und jede der jetzt 9 Wohnungen erhielt ein Bad.

Auf der anderen Straßenseite, wo früher stroh- und erdbedeckte Kellerbunker standen, sind in den 70er Jahren nach und nach von Mitarbeitern des Institutes und des VEG Pflanzenproduktion private Eigenheime im unterschiedlichen Bautyp gebaut worden. Außerdem errichtete das Institut ein Einfamilienhaus als Arztwohnung.

Links, vom Lindenweg in die neue Straße einbiegend, führt der Weg an fünf Bungalow-Häusern zur rechten Seite und den drei institutseigenen Zweifamilienhäusern zur anderen Seite in eine Siedlung, die mit dem Aufbau der 2000er Milchviehanlage entstanden ist. Im Juni 1978 konnten dort 10 Einfamilienhäuser des Typs HB4 von Mitarbeitern der Milchviehanlage und des Instituts bezogen werden. Ein Haus wurde für die Zahnarztpraxis bereitgestellt. Später sind noch drei private Eigenheime hinzugekommen. Ein mit Gehwegplatten ausgelegter Fußgängerweg stellt eine Verbindung zur Waldstraße her.

Alle 38 Häuser der neuen Straße sind an das zentrale Heiznetz angeschlossen. Gepflegte Vorgärten und zumeist weißer Hausanstrich tragen ebenfalls zu einer angenehmen Wohnkultur bei.

Seitenanfang

Die Entwicklung der Gemeinde in der Wahlperiode 1979-84

Paulinenaue gehört zu den wenigen Landgemeinden des Kreises Nauen, die ständig weiter anwachsen. Auch in der Wahlperiode 1979-84 hat sich die positive Entwicklung fortgesetzt. Die Einwohnerzahl stieg von 1190 im Jahre 1979 auf über 1300 Ende 1984.

Die 1979 neugewählte Volksvertretung umfaßte 25 Abgeordnete und 8 Nachfolgekandidaten. Dem Rat der Gemeinde gehörten 9 Abgeordnete an, und in den 8 ständigen Kommissionen arbeiten insgesamt 62 Bürger mit. Bürgermeister blieb weiterhin Gerhard Hellmuth, der auch 1984 wiedergewählt wurde. Seit Februar 1980 ist Paulinenaue Mitglied und Leitgemeinde eines Gemeindeverbandes. Ihr Sekretär ist Rudi Borchmann. Im Ergebnis der Zusammenarbeit konnten Haushalts- und staatliche Förderungsmittel effektiver eingesetzt werden. Aus dem Zeitraum 1979-84 sind folgende Leistungen zur Weiterentwicklung der Paulinenauer Gemeinde besonders hervorzuheben:

  • der Ausbau und die Modernisierung des Landambulatoriums im Jahre 1979
  • der Umbau der alten Schule zur Kinderkrippe und die Eröffnung zum 01.02.1980
  • die Errichtung der Sporthalle als Initiativbau der Paulinenauer Betriebe und Bürger mit ihren ca. 7800 freiwilligen Aufbaustunden und die Eröffnung der Halle am 23.01.1982
  • die Fertigstellung und Übergabe eines neuen 40er Wohnblocks zum Jahreswechsel 1983/84
  • die Einrichtung eines Spartenheimes des VKSK und die Eröffnung zum 1. Mai 1984
  • die Erweiterung der Bibliothek des Gemeindeverbandes und die Eröffnung der neuen Zentralbibliothek zum 7. Oktober 1984

Weitergeführt wurde der individuelle und betriebliche Eigenheimbau, die Modernisierung von Wohnungen und die Dorfverschönerung. Gegenüber den in den 20er und 30er Jahren vorherrschenden Siedlungshäusern in der Brandenburger Allee, der Bahnhofstraße und Waldstraße sowie schon vorher in der Ruppiner Straße, geben die modernen Wohnblocks im Zentrum der Gemeinde und die schmucken Eigenheimbauten in den Nebenstraßen dem Ort ein neues Gepräge. In den Jahren von 1970-84 entstanden 45 neue Ein- und 4 Zweifamilienhäuser, davon fast die Hälfte in den letzten 5 Jahren von 1979-84. Kennzeichnend für den zunehmenden Wohlstand ist auch, daß etwa zwei Drittel der Eigenheime im privaten Wohnungsbau entstanden.

Auf der gemeinsamen Festveranstaltung der Ortsparteileitung der SED und des Rates der Gemeinde anläßlich des 60. Jahrestages der Gründung der selbständigen Gemeinde Paulinenaue, konnte eine eindrucksvolle Bilanz in der Entwicklung des jungen Ortes, insbesondere in den 35 Jahren seit Bestehen der Deutschen Demokratischen Republik, gezogen werden. Die erfolgreiche Agrarpolitik in der DDR hat auch in der Entwicklung der Landgemeinde Paulinenaue, des Forschungsinstitutes und der sozialistischen Landwirtschaftsbetriebe in eindrucksvoller Weise ihren Niederschlag gefunden.

Die Entwicklung bleibt jedoch mit dem 60. Jahrestag der Gemeinde am 8. Dezember 1984 nicht stehen. Bereits für 1985 deutet sich mit dem Bau eines neuen Laborgebäudes im Institut, verschiedener Erweiterungsbauten im Ort oder mit der Fertigstellung begonnener und Inangriffnahme neuer Wohnungsbauten die Weiterentwicklung der Arbeits- und Lebensbedingungen an. Die Ortschronisten werden die zukünftige Entwicklung nicht nur aufmerksam registrieren, sondern auch weiterhin aktiv mitgestalten.

Seitenanfang

Jahreszahlen zur Entwicklung der Gemeinde

1390 Erste urkundliche Erwähnung der Länderei des heutigen Paulinenaue. Ein v. Bredow verkauft die „Heideberge“ an das Domkapitel zu Brandenburg.
1571 Lindholz derer von Bardeleben zu Selbelang, auch als „Bardelebensehe Meierei“ bezeichnet, woraus sich später das Gut Paulinenaue entwickelte.
1718/20 Bau des Havelländischen Hauptkanals
1833 Namensgebung Paulinenaue am 30.04. nach einer Pauline v. Knoblauch, geb. Bardeleben. Die „Bardelebensche Meierei“ geht durch Heirat in den Besitz des Pessiner Gutsbesitzers v. Knoblauch.
1846 Die Bahnstrecke Berlin-Hamburg wird am 05.10. eröffnet. Paulinenaue erhält einen Bahnhof und die ersten Eisenbahnerhäuser.
1859 Paulinenaue hat 118 Einwohner.
1880 Die
Bahnstrecke Paulinenaue-Neuruppin wird am 12.09. in Betrieb genommen.
1886 Das Gasthaus „Zu den drei Landkreisen“ wird eröffnet.
1894 Im Postgebäude wird eine Poststelle eingerichtet.
1900 Als zweite Nebenstrecke entsteht eine Kleinbahn von Paulinenaue nach Rathenow über Senzke.
1904 In einem Eisenbahnerhaus beginnt der Schulunterricht im eigenen Ort.
1907/24 Zweite Luchmelioration durch die Havelländische Luchmeliorations-Genossenschaft, wobei ab 1915 ca. 5000 russische Kriegsgefangene aus dem Lager Bergerdamm zum Einsatz kommen.
1914 In Nauen konstituiert sich die Siedlungsgesellschaft Havelland-Ruppin, die danach den größten Teil der Paulinenauer Ländereien erwirbt und etwa 30 kleinere und größere Siedlerstellen errichtet.
1917 Die Gebrüder Knauer errichten das Gestüt Lindenhof.
1919 Professor Goldschmidt eröffnet in der Ruppiner Straße eine Versuchswerkstatt, in der das Thermitverbundschweißen entwickelt wurde.
1919/20 Waldemar Becker gründet die Siedlung Owinaue.
1922 In der neugebauten zweiklassigen Schule Bahnhofstraße/Ecke Waldstraße beginnt der Unterricht.
1923 Abriß der Kleinbahnstrecke von Paulinenaue bis Senzke. Der Paulinenauer Turn- und Sportverein wird am 25.11. gegründet.
1924 In Eichberge und Bärhorst entstehen Siedlerstellen. Werner Schurig erwirbt das Restgut Paulinenaue. Paulinenaue wird am 08.12. selbständige Gemeinde mit
einer Gemarkung von 1382 ha und dem Kreis Westhavelland zugeordnet.
1929 Die Freiwillige Feuerwehr wird am 11.04. gegründet [Die Feuerwehr wurde am 04.03.1929 gegründet, JS.].
1932 Paulinenaue erhält eine Kirche.
1939 Bei Ausbruch des Krieges hat Paulinenaue 717 Einwohner.
1945 Sowjetische und polnische Truppen besetzen am 27.04. Paulinenaue. Das Gut kommt in die Verwaltung der Sowjetischen Militäradministration (SMA).
1945/49 Durch die Bodenreform entstehen 32 neue Siedlerstellen.
1949 Gründung des Instituts zur Steigerung der Pflanzenerträge der Akademie der Wissenschaften am 01.06. Professor Mitscherlich wird zum Institutsdirektor berufen. Das Gut wird von der SMA als Institutsbetrieb übergeben.
1952 Die Gemeinde Paulinenaue wird mit der Verwaltungsreform dem Kreis Nauen zugeordnet.
1951/54 Unter den Eichen, Philipp-Müllerstraße und Gartenweg entstehen als neue Straßen mit 20 Ein- und Mehrfamilienhäusern.
1957 Das Institut wird am 01.07. von der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften übernommen und zum Institut für Grünland- und Moorforschung unter Leitung von Professor Petersen.
1960 Gründung der LPG und GPG
1961 Beginn des Wohnungsbaus im Dorfzentrum mit einem 8 WE-Wohnblock, 18er Wohnblock 1964 und 32er Wohnblock
1962 Ein Gemeindekindergarten entsteht an der Waldstraße.
1963 Zusammenschluß des Lehr- und Versuchsgutes mit dem VEG Selbelang
Inbetriebnahme des zentralen Heizhauses
1965 Die Gemeinde ist auf über 1000 Einwohner angewachsen.
1967 Anschluß der LPG Paulinenaue an die LPG Retzow
1968 Eröffnung der Kindertagesstätte Lindenweg Bildung einer Kampfgruppeneinheit in Paulinenaue
1972 Das in der Aufgabenstellung erweiterte Institut wird in Institut für Futterproduktion umbenannt.
1973 Bildung der KAP Selbelang
1974 Inbetriebnahme der 2000er Milchviehanlage zum 07.10. und Übergabe eines 32er Wohnblocks an die MVA
1976 Eröffnung der neuen zehnklassigen Oberschule an 29.03.
Eröffnung des Landwarenhauses am 30.04.
Das Lehr- und Versuchsgut Paulinenaue/­Selbelang wird VEG Tierzucht.
1977 Inbetriebnahme des Sozialgebäudes
Anschluß der GPG Paulinenaue an die GPG Nauen
1978 Die KAP wird VEG Pflanzenproduktion Selbelang.
Eröffnung der neuen Sparkasse
1978/79 Unter den Eichen entstehen 20 betriebliche und private Eigenheime.
1979 Ausbau und Modernisierung des Landambulatoriums
1980 Paulinenaue wird Leitgemeinde des Gemeindeverbandes.
Eröffnung der Kinderkrippe „Paulinchen“ am 01.02.
1982 Eröffnung der Sporthalle am 23.01.
1983 Bau und Fertigstellung des 40er Wohnblocks Lindenweg
Gründung einer Ortsparteileitung der SED aus Vertretern aller 5 Grundorganisationen der Gemeinde
1984 Eröffnung eines Spartenheimes des VKSK am 01.05.
Eröffnung der neuen Zentralbibliothek am 07.10.
Paulinenaue erreicht eine Einwohnerzahl von 1300.

Seitenanfang