Alltagsgeschichte erforschen: Ein Spaziergang über den Paulinenauer „Neubau“ im Jahr 2015
Ortsbegehungen und Exkursionen mit historischem Bezug gehören zum festen Programm des 2006 gegründeten Paulinenauer Kulturvereins. Sie werden gern besucht, verstehen sich aber auch als Beiträge zur Erforschung der Dorfgeschichte. Auf Spaziergängen und Fahrradtouren werden Quellen vergangenen Lebens gesammelt, aufbewahrt und aufbereitet. In diesem Sinne sind auch die Aufzeichnungen zu betrachten, die nun für das Vereinsarchiv transkribiert und bebildert wurden. Sie entstanden vor elf Jahren, als am 19. April 2015 der in Friesack lebende Altpaulinenauer Karl Weirauch (1925–2024) etwa 30 Interessierte durch jenen Teil des Dorfes führte, in dem er in den 1920er und 30er Jahren als Sohn einer Landarbeiterfamilie aufgewachsen war.

Karl Weirauch 2015 vor seinem Elternhaus in Paulinenaue. Das Bild in seiner Hand zeigt ihn als Schulkind am selben Ort. Foto: J. Scholz, 2015.
Die Entstehung des „Neubaus“
Der Straßenzug, der bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts „Neubau“ genannt wurde, verdankt sein Entstehen dem Wirken des Chemikers und Paulinenauer Gutsbesitzers Professor Johannes Goldschmidt (1861–1923), der unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg in Paulinenaue eine Werkstatt mit angeschlossener Wohnsiedlung für seine Mitarbeiter errichten ließ. Auch wenn das große Schweißereigebäude heute nicht mehr steht (es wurde im März 2007 abgerissen) und trotz der Überformungen, die ein Jahrhundert hinterlassen hat, ist die planvolle Anlage der Häuser und Gehöfte noch immer gut zu erkennen. Hans Goldschmidt hatte 1920 auch das zuvor durch einen Makler renovierte Paulinenauer Gut erworben. Neben der Eisenbahn und den sich mit ihr ansiedelnden Gärtnereien war das moderne Gut in der Zwischenkriegszeit ein wichtiger Faktor der Dorfentwicklung. Nach Goldschmidts plötzlichem Tod wurde es 1924 von Dr. Werner Schurig übernommen, der es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bewirtschaftete.
Der Gutsausbau im Ersten Weltkrieg war Bestandteil einer größeren Luchmelioration. Auf die Moorflächen des Havelländischen und des Rhinluches, die nun zum zweiten Mal nach 200 Jahren trockengelegt wurden, waren Maßnahmen zur Binnenkolonisierung gerichtet, die damals einen wichtigen Zweig des Landesausbaus bedeuteten. Paulinenaue war eines der, wenn nicht das Zentrum dieser Entwicklungen.
Im Gebiet nördlich der Bahnlinie Berlin–Hamburg, das sich zu den Luchgebieten nach Norden hin öffnet, entwickelte sich in den frühen 1920er Jahren das Dorf besonders schnell. Außer Goldschmidt und später Schurig investierten mehrere pensionierte, aus den aufgegebenen Kolonien zurückgekehrte Militärs in die luchnahen Gebiete Paulinenaues. Hier leitete Major Max Prentzel (1882–1962) die „Havelländischen Torfwerke Paulinenaue“, in denen auch Karl Weirauchs Vater Johann (1896–1981) anfangs beschäftigt war. Der aus Deutsch-Südwestafrika heimgekehrte Major Waldemar Becker (1873–1939) gründete hinter der Bahnlinie nach Neuruppin eine Ansiedlung, der er den Phantasienamen „Owinaua“ gab. Der Name sollte, wie er verbreiten ließ, in afrikanischer Sprache „Oh wie schön“ bedeuten.
Markante Gebäude „hinter der Bahn“, fotografiert von Joachim Scholz
- Ruppiner Straße 3, die Wiege des Paulinenauer Gesundheitswesens, 2025
- Schnitterkaserne in der Philipp-Müller-Straße, 1999
- 52°40’41.6″N 12°42’43.1″E
- Ehemalige Villa Becker in Owinaua, 1993
Das prägnante Gebäude in der Ruppiner Straße 3, in dem heute die Arztpraxis untergebracht ist, soll ebenfalls von einem Weltkriegsveteranen, Oberst a. D. von Diringshofen, errichtet worden sein. Der nachfolgende Besitzer, Gustav Kintscher, betrieb darin eine Pension. Er war es auch, der 1927 das Deutsche Rote Kreuz in Paulinenaue gründete und im Haus eine Zahnstation einrichtete. Das war der Anfang der Entwicklung des Gesundheitswesens in unserem Ort. Schließlich ist die Paulinenauer Schnitterkaserne, obwohl aus einfachem Baumaterial errichtet, ein dominierendes Gebäude, das mit einer interessanten Architektur unter Schnitterkasernen deutschlandweit wohl seinesgleichen sucht.
Über die konkreten Motive und Ausführungen der privaten Bautätigkeit in Paulinenaue gibt es nur wenige gesicherte Informationen. Einige Quellen zeigen, dass in zeitgenössischen Konzepten nach zukunftsverheißenden Angeboten gesucht wurde. So ist etwa eine Postkarte des neu angelegten Wohnviertels mit „Gartenstadt Neu-Paulinenaue“ betitelt.
Nicht nur Weltkriegsveteranen zog es damals nach Paulinenaue. In rechts und links der Ruppiner Straße neu errichteten Gebäuden siedelten sich verschiedene Gewerbe und Wirtschaftsbetriebe an. Die Paulinenauer Obstbaupionierin Anna Werner (1876–1945), die „dicke Werner’n“, gründete 1901 gemeinsam mit ihrem Mann Gustav eine Gärtnerei mit Glashäusern. Ihr Sohn Ewald führte nach Hans Goldschmidts Tod die Schweißerei als Mosterei weiter. Die Schwestern Elisabeth und Charlotte Bethke öffneten schräg gegenüber ein Ladengeschäft und gleich nebenan betrieb Schlachtermeister Walter Schröder (1903–1990) seit 1931 eine Fleischerei.

Das Ladengeschäft in der Ruppiner Str. 3, ca. 1923 auf einer Postkarte wurde von Charlotte (1884–1966) und Elisabeth Bethke (1880–1959) geführt. Schwester Lina Bethke (1889–1975) arbeitete bei der Post.
Entlang der Phillipp-Müller-Straße
Unser Spaziergang entlang der Philipp-Müller-Straße beleuchtete in erster Linie die Situation in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Karl Weirauch beschrieb den Ort seiner Kindheit auf eine Weise, die preisgab, wie seine Wahrnehmung auf die überschaubare Nachbarschaft bezogen war, in die er 70 Jahre zuvor hineingewachsen war. Die Häuser und ihre Bewohner, deren Berufe und Geschichten aus ihrem Leben sind es, über die er vor allem Auskunft gab. Allein die Menge der aufgezählten Namen, aus denen sich der auf wenige Häuser begrenzte „Neubau“ zusammensetzte, ist erstaunlich. Erzählt werden Familienverhältnisse und Einzelschicksale, auch die Differenzierungen der Bewohner in sozialer und und in zeitlicher Hinsicht werden geschildert. In der heutigen Philipp-Müller-Straße lebten auf der einen Seite die Gutsarbeiter und ihnen gegenüber in der Schnitterkaserne und im Mittelteil des 100 Meter langen Düngerschuppens (abgerissen im Jahr 2000) die zumeist polnischen Saisonarbeiter sowie einige Dauerbewohner. Paulinenaue besaß, so erfahren wir, sogar ein Gefängnis in der alten Schweißerei. An den Stellen, wo Karl über die NS- und Kriegszeit berichtete, bilden die Insassen des Kriegsgefangenenlagers und die Geschichte der Ausgrenzung des Juden Erich Loewenthal eigene Abschnitte seiner Erzählung. Von den Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten, die es nachweislich in Paulinenaue gegeben hat, erfahren wir indes nichts. Der Spaziergang gab schließlich auch Gelegenheit zu Gesprächen, zu Nachfragen und Weiterführungen, unter denen der Bericht von Erika Wengzinski (1939–2022) über ihr Leben in der ehemaligen Schweißerei/Mosterei heraussticht. In ihrer Erzählung sind es die von Armut und Enge, aber auch von familiärem und nachbarschaftlichem Zusammenhalt gekennzeichneten Verhältnisse, über die Erika in der Rückschau selbst ins Staunen geriet.

Übersichtskarte des „Neubaus“. Gezeichnet nach der Grundbuchkarte von 1928, beschriftet nach den Erinnerungen von Karl Weirauch
Die damals in Bild und Ton dokumentierte Führung ist eine aufschlussreiche ortsgeschichtliche Quelle. Sie begann in der Philipp-Müller-Straße 15 (Haus Borchmann), setzte sich bis zum Ende der Straße (Grundstück Gartenweg 6, damals Scholz/Paelchen) fort und endete auf dem Grundstück von Familie Henning, wo noch zum Kaffee auf den Hof geladen wurde. Trotz unterschiedlicher Erfahrungen fand man sich im Gespräch über das Dorf, in dem man lebte, zu dem alle Beteiligten durch die Zeiten hindurch in Verbindung standen, zusammen und lernte etwas über seine Vergangenheit. So entstand eine inhaltlich dichte, weitgehend unverbindliche Erzählung, auf die sich alle einigen konnten. Man kann ahnen, dass die Wirklichkeit an vielen Stellen konfliktreicher und leidvoller war, als sie so erzählt wurde. Deshalb ist, will man sich ihr annähern, die Ergänzung durch weitere Quellen nötig. Wo es möglich und sinnvoll war, sind Karls Angaben geprüft, durch weitere Angaben ergänzt, kommentiert und bebildert worden. Zusätzlich entstand ein Namens- und Ortsregister, das auch als Baustein für die Aufarbeitung weiterer Quellen aus der Paulinenauer Ortsgeschichte dienen kann. Das Konvolut wird im Archiv des Kulturvereins aufbewahrt und kann bei Interesse eingesehen werden.
Quellen und Literatur
Quellen: Postkarte „Ansicht der Gartenstadt Neu-Paulinenaue“ und Postkarte mit 3 Motiven aus Paulinenaue, 1920er Jahre. Sammlung Joachim Scholz; Übersichtskarte des Areals „Neubau“. Gez. von Joachim Scholz nach der Grundbuchkarte von 1928, Beschriftungen nach den Erinnerungen von Karl Weirauch an die Situation ca. 1937; Karl Weirauch: Verzeichnis der Bewohner des Paulinenauer „Neubaus“ (ca. 1937/38), angefertigt 2013; Aufzeichnungen zum Spaziergang über den Neubau mit Karl Weirauch am 19.04.2015.
Literatur: Siemon, Hans: Die Kultivierung und Besiedlung des Havelländischen und Rhinluches, Berlin 1925. – Scholz, Joachim: Segen oder Fluch? Der menschliche Eingriff ins Havelländische Luch seit dem 18. Jahrhundert, in: Overhoff, Jürgen; Scholz, Joachim (Hg.): Aufklärung und Anthropozän. Neue Verhältnisbestimmungen von Mensch und Natur im Zeichen der anthropologischen Wende, Bremen, S. 155–171. – Wacker, Günther: Paulinenaue. Eine Ortschronik aus dem Havelland, Paulinenaue 1984.





