Die Paulinenauer Traberzüchter Arthur und Carl Knauer

von Gerd von Ende

„Es war eine wilde Urgegend, wie die Hand der Natur sie gebildet hatte, ein Seitenstück zu den Urwäldern Südamerikas, nur kleiner und nicht Wald, sondern Luch. Es zeigte damals in großer Ausdehnung, was kleinere Bruchflächen der Mark noch jetzt zeigen. Weit und breit bedeckte ein Rasen aus zusammengefilzter Wurzeldecke von bräunlich-grüner Farbe die wassergleiche Ebene, deren kurze Grashalme besonders den Riedgräsern angehörten. In jedem Frühjahr quoll der Boden durch das hervordringende Grundwasser auf, die Rasendecke hob sich in die Höhe …“ – So charakterisierte Karl Friedrich Klöden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Brandenburger Gegenden wie das Havelländische Luch. Hier zwischen Nauen und Friesack etablierte sich, thronend auf einer Talsandinsel zwischen Gräben, Wald, Gras und Torf, das kleine Örtchen Paulinenaue (heute Landkreis Havelland, Amt Friesack). Nur die ältesten der gerade mal 1.300 Einwohner können sich noch an Arthur Knauer erinnern, der – zusammen mit seinem jüngeren Bruder Carl – in der grünen Einsamkeit des Luchs 1916 das Gestüt Lindenhof gegründet hatte. Allseits anerkannt als Nestor deutscher Traberzucht, verstarb der gelernte Kunstmaler 1964, also vor 45 Jahren. Grund genug, sich 45 Jahre später wieder einmal des berühmten Stuten-Derby-Namensgebers zu erinnern.

Arthur Knauer liebte es, in einem hochrädrigen Land-Dogcart durch das Havelland zu kutschieren. Foto: Archiv Gerd von Ende.

Glückliche Erwerbung der Siema

„Paulinenaue wächst sich immer mehr zum Mittelpunkt für das Luch aus, nachdem dort … umfangreiche Bauten zu landwirtschaftlichen Zwecken entstanden sind, Arbeiterwohnungen, Maschinen- und Düngerschuppen jenseits der Bahn. Der Wiesen- und Weidebetrieb im Luch wird immer großartiger. Wer dasselbe lange nicht gesehen hat, muss staunen, wie lebendig es geworden ist: ebene Koppeln, wo sonst Segge und Gestrüpp stand, feste Wege, wo sonst der Fuß versank“, überlieferte im 1. Weltkrieg der Retzower Pfarrer Koch in der Zeitschrift „Heimatglocken“. Abschließend fasste der Geistliche zusammen: „Ja, das Luch bekommt Leben und erschließt sich für Ansiedelungen.“ Neuankömmlinge, die vor allem auf Gartenbau setzten, sorgten dafür, dass Paulinenaue ringsum bald das „Erdbeerdorf“ genannt wurde. Für mehr Ausstrahlung sorgten natürlich Arthur und Carl Knauer mit ihrem 1916 gegründeten Trabergestüt Lindenhof, damals am Nordrand des Lindholzes zwischen dem Großen Graben und Eisenbahngleisen zu entdecken.

Beflügelt von unglaublichem Idealismus nahmen die zwei Brüder auf rund 300 Morgen (ältestes deutsches Feldmaß, in Preußen 25,53 Ar; 1 Ar = 100 Quadratmeter) öden Bruch- und Unlandes ihr Lebenswerk in Angriff. Nirgendwo blühte ein Baum; kein Strauch gedieh auf dem schlecht entwässerten Moorboden. Es war ein hartes Stück Arbeit, ja ureigenste Kolonisten-Tätigkeit, die es ohne Anschluss für Strom und Gas zu bewältigen galt. Der nächste Bahnhof lag drei Kilometer entfernt. Doch die Knauers konnten grundverschiedene Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen in die Waagschale werfen. Während sich der kräftiger gebaute Carl – ein gelernter Landwirt und Viehzüchter – im Zwei-Mann-Staat als Macher und „Innenminister“ engagierte, übernahm der ältere Arthur das „Außenreferat“. Geboren am 25. Juli 1874 als Sohn eines Porzellanmalers in Altwasser (Kreis Waldenburg), hatte es den Schlesier an die Akademische Hochschule für Bildende Kunst nach Berlin verschlagen. In Weißensee und Westend entdeckte der junge Maler zudem sein Faible für die Gespanne, wovon Skizzen, Zeichnungen und Gemälde künden. Auch verdingte sich Arthur bei den Traberleuten als Funktionär und begann zu züchten.

Rennbahn Weißensee, gemalt von Arthur Knauer

Ansicht der Rennbahn Weißensee, gemalt von Arthur Knauer. Bild: Internationales Traber-Album 1895.

Auf den weiten Lindholzer Flächen und Koppeln, von denen die größte 150 Morgen maß, tummelte sich eine Braune, an die sich Arthur Knauer gern erinnerte: „Voller Stolz nannte ich bald eine Traberstute mein eigen. Es war 1908, als ich mit der damals vierjährigen Stute Siema die ersten Gehversuche in der Traberzucht unternahm. Diese in Bayern gezogene Stute hatte keine Rennleistung. Sie stammte von dem Amerikaner Dr. Sphinx aus der Elsa v. Ely See aus einer Halbblutstute. … Ich kann behaupten, dass Siema dennoch für mich eine sehr glückliche Erwerbung war.“ Nach dem 1909 geborenen Hengst Sneigas brachte Siema weitere hoffnungsvolle Fohlen, unter ihnen Simpel (1:27,5), Simplex (1:29,2) oder Sphinx I (1.29,3). Aufmerksamkeit in Fachkreisen erheischten die Knauers allerdings erst mit dem Erwerb des Deckhengst-Veteranen Franko (US-Walnut Hall Farm; 1899 v. Moko a. d. Franlet) aus dem gerade aufgelösten Deutschen Traber-Hauptgestüt zu Ihringen in Baden. Kaum zufällig bemerkte da 1924 das „Handbuch der Traberzucht in Deutschland“: Zu „den allerneuesten Trabergestüten größeren Stils gehört das … sachkundigst angelegte Gestüt Lindenhof bei Paulinenaue in der Mark, wo der brave alte Franko seine Tage beschließen sollte.“

Als Vater der Importbewegung geachtet

Am 15. November 1918 wehte die Fahne der Revolution über der Mariendorfer Piste. Ihr Rot signalisierte den längst notwendigen Umbruch im deutschen Trabrennsport. Männer fanden an die Zügel, welche – laut Bruno Hettwer – von jeher seine wirklichen Träger gewesen waren. Auf Initiative von Bruno Cassirer und Bruno Burchardt, mittlerweile Vorsitzende von Mariendorf beziehungsweise Westend, bildete sich eine Oberste Behörde für Traber-Zucht und -Rennen (OBT). Ein Deutscher Traberzüchter-Verein (1920) fand sich zusammen. Die Staatliche Traberzuchtkommission wurde neu gegründet, jetzt über Mittel aus einem Staatlichen Traberzuchtfond verfügend. In illustrer Züchterrunde unter dem Vorsitz von Oberlandstallmeister Groscurth herrschte Einstimmigkeit darüber, dass eine dringend notwendige Leistungssteigerung der einheimischen Pferde eines bedeutenden Imports zur Hebung des Blutstandes bedurfte. Also ermächtigten die Herren Richter, von Schlüter, Dr. de Chapeaurouge sowie von Schorlemmer, auf Vorschlag von Bruno Cassirer übrigens, den Paulinenauer Arthur Knauer, sich als Vertrauensmann der Kommission in den USA nach „Traberdamen“ umzusehen. Im Herbst 1924 brach der Havelländer zu großer Fahrt auf, um das möglichst Beste über den Teich zu holen.

Siema mit Nachwuchs, 1927

Die alte „Dame“ Siema mit Nachwuchs auf der Weide. Foto: Deutsches Traber-Jahrbuch 1927.

Zunächst besuchte Arthur Knauer namhafte Rennbahnen, beobachtete das Grand-Circuit-Meeting zu Lexington (Kentucky) oder auch Halbmeilenbahn-Rennen von Cleveland (Ohio). Besonders beeindruckt gab er sich von Zuchtstätten, wie der Walnut Hall Farm, der Calumet Farm, der Castleton Farm oder der Laurel Hall Farm. In ersterer stand neben Cracks wie Guy Axworthy und Peter Volo sogar noch der alte Moko. Der Vater des Lindenhofer Beschälers Franko sollte auf der Farm sogar das stattliche Alter von 33 Jahren erreichen. Alles in allem kaufte der Brandenburger in staatlicher Mission rund zwei Dutzend Stuten ein, unter ihnen Schmuckstücke wie Rona Worthy, Alma Todd, Lady B. Watts, Nell Cord und Jeanette the Great. Seine Einschätzung lautete: „Durch die Unterstützung, die uns damals der staatliche Zuchtfond gewährte, hatten wir die Möglichkeit, aus der Fülle des drüben befindlichen Zuchtmaterials das für uns passende für verhältnismäßig wenig Geld herauszukaufen, vor allem Stuten, welche auch den Ansprüchen, die man hierzulande mit zwingender Notwendigkeit stellte, genügten.“ Zwischen 1920 und 1924 – 1923 ruhte die Einfuhr wegen der Inflation – fanden 46 erstklassig gezogene Stuten sowie die Hengste Brussiloff und Dos Palos in deutsche Ställe. Angesichts dieser Entwicklung zog Walter Buchholz 1927 ein positives Fazit: „Man darf mit Fug und Recht sagen, dass die Importationen den Grundstock für den heutigen Stand der deutschen Traberzucht bildeten. Es soll bei dieser Gelegenheit die aufopfernde und selbstlose Tätigkeit des Herrn Artur Knauer, der unter Assistenz des Herrn Alkemade die Einkäufe in Amerika ausführte, nicht vergessen, vielmehr dankbar anerkannt werden.“

Dem damaligen Trend folgend, erwarb der Paulinenauer ebenfalls US-Mutterstuten für ureigenste Zwecke. Derer gedachte der „Vater der Importbewegung“ 1953: „Unser Streben, ausgesprochene Traber-Familien zu züchten, um dadurch eine konstante Qualität unserer Nachzucht zu erhalten, begann sich erst zu verwirklichen, nachdem ich von meinem Aufenthalt in Amerika aus einer großen Zahl eingeführter Muterstuten drei davon für eigene Zwecke behielt: Alta Donovan (2:06 1/4), Addie (3jähr. 2:12 1/4) und Harvester Abbess (2:11). Diese drei Stuten und die einige Jahre zuvor im Gestüt eingestellte Inländerin Clara Bingen (1:26,8) bildeten die Stammstuten, auf die unsere gesamte Zucht aufgebaut wurde, von der man wohl sagen kann, dass sie hervorragende Resultate zeitigte.“

Arthur Knauer mit Mutterstute Addie

Arthur Knauer stellte die Mutterstute Addie vor. Foto: Deutsches Traber-Jahrbuch 1927.

Starken, gesunden Bäumen gleich

„Die Bedeutung Addies und auch die Alta Donovans und Clara Bingens lässt sich vergleichen mit starken, gesunden Bäumen, die im Laufe der Jahre immer schönere und kräftigere Äste und Zweige ausschlagen,“ brachte Arthur Knauer einmal zu Papier. Erstere hatte in seinen Augen allerdings weitaus mehr für ihre Geburtsstätte geleistet, als Worte ausdrücken können. Diese Tochter des Zwei-Minuten-Pacers Adioo Guy (a. d. Mildred Mc Kerron 2:16 1/2) verabschiedete sich als 1:22,7-Traberin mit sieben Lenzen vom Rennsport und bekam als ersten Partner den berühmten Damsbrücker Colonel Bosworth zugesprochen, den Besitzer Bruno Cassirer – wie Walter Dear und Guy Bacon – großzügig für „fremde“ Stuten freigab. Der Berliner Verleger und Kunstmäzen griff den Knauers als langjähriger Freund auch hin und wieder in finanziellen Dingen unter die Arme. Eng verbunden waren die Brüder ebenfalls mit Oberstleutnant a. D. Curt Panse, der an der Hoppegartner Holländer-Mühle ein eigenes Gestüt unterhielt. Der gestandene Vollblut-Mann züchtete nebenbei Traber, so beispielsweise mit der 1924 wohl auf Knauers Vermittlung erworbenen Jeanette the Great. In der Deckabteilung standen ebenfalls Paulinenauer Stuten, so beispielsweise 1920 die Franko-Tochter Sennerin (a. d. Siema). Natürlich war der Kavallerist, oft besucht von den Knauers, gerade in Sachen Addie stets im Bilde.

Diese im Alter von 24 Jahren eingegangene Stute hatte neben drei Söhnen vier Töchter, von denen lediglich Annette als Siebentage-Fohlen für einen Rekordpreis an das Gestüt Solln (München) gegangen war. Dieser Verkauf kam einer kleinen Sensation gleich, denn die Knauers gaben erfahrungsgemäß nur sehr wenige ihrer Pferde in fremde Hände. Besonders allergisch reagierten sie, wenn von „Gnadenbrot“ die Rede war. Dazu Arthur: „Allein dieser Begriff konnte uns in Rage bringen, denn wir fassten es nicht als einen Gnadenakt auf, ein Pferd bis ans Ende seiner Tage zu pflegen, sondern einzig und allein als die Abtragung einer Dankesschuld, zu der wir uns zutiefst verpflichtet fühlen.“ Nach dem Erstling Adio brachte die Matrone 1929 die unvergessene Adria zur Welt, von der Arthur Knauer große Stücke hielt: „Addie ist wirklich eine Stammmutter von hohen Graden gewesen, eine Familien-Gründerin, wie sie leider in der Geschichte der Zucht nur zu selten vorkommt. Die direkte Mutterlinie Addie-Adra-Adriatica-Alberta kann ohne Zweifel als eine Kostbarkeit bezeichnet werden und es liegt gewiss eine Tragik darin, dass die anderen Zweige dieser Linie, die von Addie über Alix und Antje ausgingen (es war auch von diesen weiblicher Nachwuchs vorhanden), dem rigorosen Zeitgeschehen zum Opfer fielen. Was von allem diesem Blut übrig blieb, konnte später nie mehr zum einstigen Leistungsstand zurückführen.“

Addie v. Adioo Guy – Mildred Mc Kerron

1928 Adio (F.-H. v. Colonel Bosworth) 1:22,7
1929 Adria (F.-St. v. Guy Bacon) 1:22,6
1931 Alix (br. St. v. Albrecht Dürer) 1:25,3
1932 Annette (br. St. v. Colonel Bosworth) 1:22,4
1934 Antje (F.-St. v. Peter Pluto) 1:28,5 (3j.)
1935 Apis (br. H. v. Walter Dear) 1:21,7
1937 Admiral (br. H. v. Peter Ford) 1:22,9

 

Gottlieb Jauß sen. und die Derby-Siegerin Adria

Gottlieb Jauß sen. und die Derby-Siegerin Adria. Foto: Archiv von Ende.

Im Gegensatz zu Addie konnte Alta Donovan – stammend aus der Familie der berühmten US-Amerikanerin Lady Bunker – nichts für die Begründung einer weiblichen Linie tun. Trotzdem fiel ihre kleine Schar von Nachkommen erlesen aus. Die vier ältesten Hengste wurden später zu Paschadiensten herangezogen, wobei ausgerechnet der veranlagte Albrecht Dürer nie aus der Rolle eines echten Sorgenkindes herausfand. Schon dreijährig litt der Brussiloff-Spross an einer Blutfleckenkrankheit, weshalb sein früher Wechsel ins Gestüt unabdingbar wurde. Zu den besten „Dürer“-Nachkommen gehörten Kampfflieger (1:20,1), Edeltraut (1:22,9), Joker (1:24,3) sowie Jule (1:24,6). Wegen eines unheilbaren Beinleidens musste der Deckhengst mit 15 Lenzen „erlöst“ werden.

Alta Donovan v. Justice Brooke – Belle Bunker

1926 Albrecht Dürer (dbr. H. v. Brussiloff) 1:25,6 (2j.)
1929 Albrecht der Bär (hbr. H. v. Brussiloff) 1:21,4
1932 Alter Dessauer (F.-H. v. Colonel Bosworth) 1:25,8
1933 Alt-Deutscher (br. H. v. Peter Pluto) 1:22,8
1935 Antje (F.-St. v. Peter Pluto) 1:28,5 (3j.)
1935 Andrea Doria (br. H. v. Adio) 1:25,3
1937 August der Starke (br. H. v. Colonel Bosworth) 1:24,8

 

Als inländische Perle glänzte besonders Clara Bingen, die das Licht der Welt auf dem Traditionsgestüt Germania bei Zossen erblickt hatte. Von ihren zwölf Sprösslingen – Sohn Coeur Bube avancierte zum Beschäler, Tochter Clara Bingen gebar 1944 den schnellen Carolus – vermochten zehn die 1:30-Marke zu unterbieten. Nach einem schweren Gestütsunfall wurde Clara Bingen 1940 im Alter von 25 Jahren getötet.

Knauers Adriatica

Carl (links) und Arthur Knauer betrachteten Adriatica auf dem Gestüt. Foto: Archiv Gerd von Ende.

Selbst wenn Simpel 1921 für die Knauers den Jugend-Preis geholt hatte, waren die Paulinenauer den Erfolgsbeweis ihrer züchterischen Linie noch schuldig geblieben. Das änderte sich, als Gottlieb Jauß sen. das Havelländer Lot unter seine Fittiche nahm. Der Gründer und Gestütsherr von Solln (München) war an die Spree übergesiedelt, als sich sein Sohn „Gottl“ anschickte, in die Spitzengruppe der Sulky-Profis vorzustoßen. Zu seinen ersten Patronen zählte Arthur Knauer, für den er dann Albrecht Dürer im Blauen Band 1929 auf den Ehrenrang zu Signal finishte. In selbigem Jahr war übrigens Adria zur Welt gekommen, die sich auf den Luchwiesen prächtig entwickelte und 1932 neben den Stallnachbarn Albrecht der Bär und Coeur Bube auf den Derby-Spuren „Dürers“ wandelte. Tatsächlich hielt die Fuchsstute in der „zweiten Stallfarbe“ alle Gegner in Schach und triumphierte in 1:26,2/3200 m Start-Ziel. Endlich zahlte sich das Traberengagement der Brüder zumindest ansatzweise aus. Dazu der STARTER: „Die Knauer’s fanden in den Trainern Gottlieb Jauß sen. und jun. damals nicht nur die besten Vertreter ihrer Besitzer-Belange, sondern auch ‚Bankiers‘, die ’still‘ hielten, wenn der Paulinenauer Rennstall immer größer, der Schuld-Saldo für Futter und Betreuung der Pferde immer höher wurden.“ Das änderte sich erst 1935, weil die Rennpreise kräftig stiegen. Als endlich „reiner Tisch“ mit dem Jauß-Quartier gemacht worden war, verblüffte ein Trainerwechsel nicht nur die Fachwelt. Die 15-köpfige Knauer-Streitmacht kam zu Otto Dieffenbacher, den dann 1939 der aufstrebende Johannes Frömming ablöste. Mit der Adria-Tochter Adriatica galt es schon 1940 im Goldpokal, sprich dem Deutschen Traber-Derby. Dank der Innenspur behauptete sich das Gespann in einem 3.000 Meter langen Kopf-an-Kopf-Duell gegen die von Charlie Mills offensiv vorgetragene Jenny. Aber 200 Meter vor der Linie gab Adriatica Fersengeld und triumphierte in 1:26,5 locker mit zwei Längen Vorsprung. Laut „Sankt Georg“ erhielten die Knauer-Brüder eine ganz besondere Trophäe: „Für den ersten ‚Goldpokal der Dreijährigen‘ wurde aus nahe liegenden Gründen kein Pokal aus Gold vergeben, als Ehrenpreis winkte aber eine nicht minder wertvolle Quadriga aus Silber auf einem Ebenholzsockel, die lange Jahre vor dem Kriege als Ehrenpreis für die Distanzfahrt Berlin-Wien gegeben worden war und somit neben ihrem künstlerischen und materiellen Wert auch eine gewisse historische Bedeutung besitzt.“

Knauers Lindenhof

Blick auf Knauers Lindenhof in Paulinenaue 1954. Foto: Archiv Gerd von Ende.

Bis 1944 erblickten im Knauer-Gestüt 45 Pferde das Licht der Welt, die 1:30 und schneller zu traben vermochten. Allein 21 Siege in Zuchtrennen durften gefeiert werden, darunter großartige Doppel im Deutschen Traber-Derby, im Jugend-Preis und im Großen Preis von Berlin. Starke bodenständige Stutenlinien galten als sicheres Fundament der landesweit bekannten Paulinenauer Zucht. Zumindest von Hause aus, nicht aber unter den Bedingungen eines Weltenbrandes, der alles in den Abgrund reißen sollte.

Alberta beschenkte ihren Retter

Als die Situation 1944 weiter eskalierte, fanden bis zum 15. Januar des Folgejahres lediglich noch interne Mariendorfer Rennen statt. Allein am 17. Februar warf die Royal Air Force 3.300 Tonnen Bomben über Berlin ab, der 2. Weltkrieg kehrte an seinen Ausgangspunkt zurück. Im April überrollte die Rote Armee das Havelland. In Paulinenaue zogen Kosaken ein, die den Abtransport aller Pferde organisierten. Hartnäckig auf eine spätere Rückführung hoffend, hefteten die Knauers ihren Schützlingen Kärtchen ans Halfter, darauf waren Name, Alter und Abstammung vermerkt. Tage nach dem Abmarsch erschien ein Kosakenoffizier auf dem Lindenhof, an den sich Arthur Knauer nur zu gut erinnerte. „Er begann ein Gespräch mit der Feststellung, dass jetzt wohl unsere Lebensarbeit zerstört worden sei. Als ich das bestätigte, brachte er ein aufrichtig gemeintes Bedauern zum Ausdruck. Er habe nach Order gehandelt und könne sich Befehlen nicht widersetzen. Bei aller Schwere unseres Verlustes bat er zu bedenken, dass eben durch diesen Krieg in Russland fast alle Gestüte zerstört worden seien und wenn uns nun persönlich ein Gleiches beschieden sei, wäre letztlich der Krieg mit allen seinen Konsequenzen Schuld daran.“

Knauer Porträt

Arthur Knauer nach dem Krieg. Foto: 100 Jahre deutscher Trabrennsport 1974.

Weiter überlieferte Arthur Knauer: „Wir erlebten den Abtransport unseres lebenden Besitzes und standen eines Tages ohne Pferd, ohne Kuh und ohne Schwein auf unserem Hof. Das alles war für uns sehr niederschmetternd, aber dennoch will ich nicht versäumen, zum Ausdruck zu bringen, dass sich die unser Gebiet besetzenden Soldaten kolossal anständig bewegt hatten. Solange die kämpfende Truppe da war, hatten wir für unsere persönliche Sicherheit nichts zu befürchten.“ Und es gab kleine Lichtblicke, denn wenige versprengte Arbeitspferde und Fohlen fanden sich wieder auf dem Lindenhof ein. Alberta war von einem Siedler – weit entfernt von Paulinenaue – aufgegriffen worden. Der rechtschaffende Mann hegte und pflegte den Jährling nach bestem Wissen und Gewissen, um ihn dann den Knauers zurückzugeben. „Wir waren äußerst gerührt von der Ehrlichkeit dieses Bauern, der selbst nicht ohne erhebliche Verluste über die Krisenzeit gekommen war. … Als dann der Lebensretter unserer Alberta wieder seinem heimatlichen Hof zustrebte, führte er das beste Arbeitspferd mit sich, das wir ihm zu geben in der Lage waren.“ Als die Saint-Guy-Tochter später ihren ersten Zuchtrenntriumph erstritten hatte, suchten die Knauers nun ihrerseits den Auswärtigen auf. „Wir nahmen den uns von Alberta gewonnenen Ehrenpreis und brachten ihn dem Bauern ins Haus. Selten habe ich einen Menschen gesehen, der sich über ein Geschenk so freute wie dieser. Er wollte es kaum glauben, als wir ihm sagten, von wem das Präsent stammte, als dessen Eigentümer er sich jetzt zu betrachten habe. Ich bin sicher, dass Albertas Ehrenpreis bei ihm immer wohl behütet sein wird. Es dürfte für ihn ein Erinnerungsstück sein an eine schwere Zeit, die zu erleben uns allen bestimmt war.“

Zu allem Unglück verloren die Knauers neben ihrer Zuchtherde unschätzbaren Wertes ebenfalls alle Startpferde, die sie – als der Berliner Rennbetrieb eingestellt worden war – in einem Gestüt bei Kremmen eingestallt hatten. 1953 erinnerte sich Arthur Knauer: „Als die Kampfhandlungen sich immer mehr diesem Gebiet näherten, wollten die beiden französischen Kriegsgefangenen, die die Pferde betreuten, dennoch mit dem Material zu uns nach Paulinenaue übersiedeln. Die Tatsache, dass sie das zu tun beabsichtigten, beweist wohl, dass sie grundanständige Kerle waren und die Pferde nicht einfach im Stich lassen wollten. … Sie blieben bei den Tieren und mussten ihre Treue zu uns, die wir ihnen ihr Schicksal als Gefangene in jeder Beziehung zu erleichtern geholfen hatten, wahrscheinlich mit dem Leben bezahlt. Jedenfalls sollen sie weit über die Hälfte des Weges zu uns schon zurückgelegt haben, als sie in die Gefechtshandlungen hineingerieten und wir nie mehr etwas von ihnen vernahmen. … Es mutet wie ein Geisterspuk an, wenn ich heute feststellen muss, dass von den Pferden und vor allem von ihren Betreuern der Verbleib unbekannt ist und von allen anderen Dingen nur ein Longshaft gerettet wurde.“

Ein Neuanfang wie 30 Lenze vorher

„Wieder Trabrennen in Berlin! Mit diesem Vorwort begannen die erst vor wenigen Tagen einsetzenden Hinweise im Rundfunk und in der Tagespresse; und Trabrennen in Karlshorst, auf der Rennbahn Berlins also, auf der, allen Pferdesportlern bekannt, die größten Hindernisrennen des Reiches abgehalten wurden.“ Weiter hieß es im Vorwort des Programmheftes jenes 1. Juli 1945: „Wer konnte glauben, dass so wenige Wochen nach einem so vollständigen Zusammenbruch des nazistischen Deutschlands einige wenige Männer den Mut aufbringen würden, aus den verbliebenen Trümmern einen neuen deutschen Trabrennsport aufbauen zu wollen?“ – Diese Initiative ging bekanntlich auf Kurt Bading zurück, den die sowjetische Stadtkommandantur folgerichtig mit der Unternehmensführung beauftragte. Die einzige Bedingung der Besatzer lautete: „Keinerlei Einbindung ehemaliger Faschisten!“ Dazu der Sportfunktionär Bading: „Eine ,Weste ohne braune Flecken‘ hatten kaum mehr als die Herren Arthur und Carl Knauer, der in Hoppegarten Vollblüter trainierende und Traber züchtende Oberstleutnant a. D. Curt Panse sowie der langjährige Amateurfahrer, Besitzer und Züchter, der Rittmeister a. D. Hermann Hoehne.“

Stute Marlen 1960

Neuanfang: Stute Marlen mit Fohlen bei Fuß auf dem Knauerhof. Foto: Manfred Hänsch 1960.

Gerade die Knauer-Brüder hatten aus ihrer ehrlichen und aufrichtigen Gesinnung nie einen Hehl gemacht, sich beispielsweise für den wegen seiner jüdischen Abstammung aus allen Ämtern gejagten Bruno Cassirer eingesetzt. Kriegsgefangene wussten sich auf dem Lindenhof gut versorgt und humanitär behandelt. Zwar hielt sich die Zerstörung der Gebäude, lediglich eine Scheune brannte nieder, in Grenzen, aber das züchterische Lebenswerk der Knauers war vernichtet. Unwiderruflich, wie sich nach Kriegsende neuerlich zeigen sollte. Gebeten den Vorsitz der Rennaufsicht an jenem Karlshorster Eröffnungstag zu übernehmen, sagte Arthur Knauer vorbehaltlos zu. Später jedoch beharrte er darauf, dass sich Kurt Bading bei der Zentralkommandantur um die Rückführung der 70 Paulinenauer Traber kümmern solle. Aber die keinen Widerspruch gestattende Antwort der Sowjets lautete: „Damals war Krieg!“ Tief enttäuscht trat Arthur Knauer seine neue Funktion schon nach Wochenfrist an Hermann Hoehne ab. Anno 1947/48 trat er dann der Rennleitung Mariendorfs bei.

„Nach allen diesen Ereignissen kann es nicht Wunder nehmen, dass es Jahre dauerte, bevor wir mit dem verbliebenen Material wieder in bescheidenem Rahmen zu züchten beginnen konnten“, rekapitulierte Arthur Knauer zu Weihnachten 1953. „Auch die Gründung eines kleinen Rennstalles wurde dann möglich, aber damit waren wir buchstäblich vom Pech verfolgt. Wir gaben drei Pferde in des Trainers Hand, im einzelnen Coriolan, Ewald und Hartlieb, jedoch ging mit diesen so ziemlich alles verquer.“ Das war zweifelsohne untertrieben, denn Ersterer wurde noch vorm Renndebüt ein Opfer von Blutwürmern. Trotz guter Arbeiten an der Longe, wehrte sich Ewald stets gegen Sattel und Sulky, brachte selbst einen Mann wie Gerhard Krüger schier zum Verzweifeln. Auch Tapetenwechsel verpufften wirkungslos, ja selbst bei Curt Panse in Hoppegarten gab sich der Knauersche bösartig und aggressiv. Alles änderte sich nach seiner Rückkehr ins heimische Gestüt. Der Hengst mutierte in vertrauter Umgebung wieder zu einem lammfrommen Pferd und fungierte fortan als Beschäler. Hartlieb, dem Dritten im Bunde, wurde nach kurzer Laufbahn eine falsche Injektion zum Verhängnis. Viel zu zeitig segnete auch der gen Westfalen verpachtete Albrecht der Bär das Zeitliche, den die Knauers wieder nach Paulinenaue zurückgeholt hatten. Mehr Freude bereiteten da zwei Saint-Guy-Kinder, beide geboren 1944. Carolus (a. d. Clara Bingen) zählte immerhin zur Berliner Elite und bewährte sich später als Deckhengst. Alberta errang bei 82 Versuchen 21 Siege, holte Lorbeer im Zukunfts-Preis und im Buddenbrock-Rennen. Später als Mutterstute im Gestüt Werdenfels aufgestellt, brachte die Adriatica-Tochter unter anderem Astonia, ihres Zeichens Mutter des Derby-Siegers Agami (1973). Derlei Lichtblicke konnten leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Knauers nie mehr an „gute alte Zeiten“ anzuknüpfen vermochten. Weil zu wenig Geld in der Kasse klingelte, wurde Land verkauft oder verpachtet. Wer wollte schon unter DDR-Bedingungen in ein altes Trabergestüt investieren … Entsprechend fiel 1968 das Resümeé des Hamburger STARTERS aus: „Was dann in den 50-er Jahren noch von Paulinenaue produziert wurde, hielt ebenso hinsichtlich Masse wie ganz besonders Klasse keinerlei Vergleiche mehr mit dem aus, was jene Scholle einmal dem deutschen Trabrenngeschehen gegeben hatte.“

Knauer-Grab 2003

Das Grab der Knauers und ihrer Haushälterin Charlotte Quooß auf dem Paulinenauer Friedhof. Foto: J. Scholz 2003.

Trotzdem wurden beide Knauer-Brüder bereits zu Lebzeiten zur Legende, hoch geachtet in Karlshorst und Mariendorf. So veröffentlichte der Renncourier 1954: „Am 25. Juli wird Herr Arthur Knauer, der derzeitige Vorsitzende der Traberzucht-Kommission in der Deutschen Demokratischen Republik, 80 Jahre alt. Als Traberzüchter hat er sich einen Ruf erworben, der ihn zu einem der erfolgreichsten Verfechter züchterischer Belange im deutschen Trabersport werden ließ. Sein Wissen auf diesem Gebiet ist einmalig, und es gibt wohl kaum einen Exterieur-Kenner, der mit ihm auf gleiche Stufe zu stellen wäre.“ Aber beider Brüder Herzenswunsch, die Traberzüchter von Ost und West wieder „zu gemeinsamem Tun vereinigt“ zu sehen, sollte sich leider nicht erfüllen. Am 5. März 1957 verstarb Carl Knauer an den Folgen eines Herzschlages. Bruder Arthur zog sich mehr und mehr auf den Lindenhof zurück. Obwohl er seine Sehkraft fast völlig einbüßt hatte, erkannte er all seine Pferde. Derer 16 standen noch in den Stallungen, als ihr Züchter zu Silvester 1963 einen Schlaganfall erlitt. Am folgenden 3. Januar schloss Arthur Knauer, fast 90 Jahre alt, für immer die Augen. Sein ab 1970 völlig verlassenes Gestütsanwesen zerfiel und musste, mit Ausnahme der übern Kanal führenden Knauer-Brücke, der Natur weichen. Aber unvergessen bleibt neben Glück, Aufstieg und Niedergang von Paulinenaue das Credo des Begründers, der – wenn es um eigene Traber ging – in seiner stets jovialen Art gern artikulierte: „Bei uns ist es nun einmal so! Wir haben keine Pferde! Die Pferde haben uns!“

Die Top Ten von Paulinenaue

Alberta
(geb. 1914)
D.-F. v. Saint Guy – Adriatica 1:20,5 (Groscurth-Rennen 1946, Buddenbrock-Rennen 1947)
Albrecht der Bär
(geb. 1939)
hbr. H. v. Brussiloff – Alta Donovan 1:21,4
Carolus
(geb. 1944)
br. H. v. Saint Guy – Carla Bingen 1:21,5
Apis
(geb. 1935)
br. H. v. Walter Dear – Addie 1:21,7
Coeur Bube
(geb. 1929)
dbr. H. v. Brussiloff – Clara Bingen 1:22,0 (Großer Preis von Berlin 1933)
Alt-Deutscher
(geb. 1933)
br. H. v. Peter Pluto – Alta Donovan 1:22,3
Annette
(geb. 1932)
br. St. v. Colonel Bosworth – Addie 1:22,4 (Herbstpreis der Dreijährigen 1935, Mariendorfer Pokal 1935, Preis der Nationen 1939)
Adria
(geb. 1929)
F.-St. v. Guy Bacon – Addie 1:22,6 (Versuchsrennen der Stuten 1931, Deutsches Traber-Derby 1932
Adio
(geb. 1928)
F.-H. v. Colonel Bosworth – Addie 1:22,7 (Großer Preis von Berlin 1935)
Adriatica
(geb. 1937)
hbr. S. v. Walter Dear – Adria 1:22,9 (Jugend-Preis 1939, Adbell-Toddington-Rennen, 1940, Deutsches Traber-Derby 1940)

Der Dank des Autoren gilt Karl Dold vom Berliner Versandantiquariat für die fachliche Beratung sowie dem Paulinenauer Ortschronisten Joachim Scholz und dem Fotografen Manfred Hänsch, welche die aktuelleren Bilder beisteuerten.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe Januar 2009 des Deutschen Traber Magazins. Die Wiedergabe auf dieser Website erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Herausgebers des Magazins am 31.01.2009 unter dem Titel „Die Pferde haben uns – Vor 45 Jahren verstarb der Paulinenauer Traberzüchter Arthur Knauer.“