Von Bürgerdialogen hatte ich zu der Zeit, als das Angebot, in Paulinenaue welche durchzuführen, im Kulturvereins-Postfach landete, schon gehört. Waren Bürgerdialoge nicht Formate, in denen ganz normale Leute für einige Zeit von ihren regulären Verpflichtungen freigestellt werden, um in einer zufällig, aber repräsentativ ausgewählten Gruppe über Angelegenheiten zu debattieren und gemeinsam zu Entschlüssen zu kommen? Die Idee dahinter: Durch den Austausch von Angesicht zu Angesicht soll man erfahren, wie demokratischer Meinungsstreit funktioniert, anders als in den polarisierenden Social-Media-Blasen, wo Gleichgesinnte häufig bloß schulterklopfend schlechtmachen, was ihnen fremd ist. Wäre es nicht toll, die Gelegenheit zu solchen Dialogen mal bei uns im Dorf aufzugreifen?
Aber passt das denn auch zu Paulinenaue? Wirkt es nicht aufgesetzt? Wird es nicht welche geben, die es für eine politische Erziehungsmaßnahme halten? Und kommt da überhaupt jemand?
Ich bin im Nachhinein froh, dass wir es probiert haben. Denn es fanden sich genug Zustimmung und Unterstützung, um zu beginnen. Zuallererst von Pfarrer Michael Jurk, der nicht nur den Raum der frisch sanierten Kirche für die Dialoge öffnete, sondern als Gastgeber auch die Co-Moderatorenrolle und die Organisation vor Ort übernahm. Zuallerallererst aber ist Professor Hans Blokland vom gemeinnützigen Unternehmen Social Science Works zu nennen, der im September 2024 die Mail geschrieben, der Paulinenaue dann zum Gemeindegründungsjubiläum im November besucht hatte und tatsächlich am 12. Januar 2025 den ersten Bürgerdialog „Miteinander reden“ einleitete.
Blokland ist Politikwissenschaftler, Philosoph und mit der Frage, wie Gesellschaften zusammenhalten, schon vom Fach her interessiert. Jeden Bürgerdialog begann er mit einem etwa zehnminütigen Input. Ich fand immer wieder bewundernswert, wie verständlich er in diesen kleinen Analysen Themen auf den Punkt brachte, mögliche Sichtweisen aufzeigte und sie ganz unaufgeregt zur Diskussion stellte. Danach schaltete er sich nur noch selten ein und hörte eher zu, wie es ganz von selbst in der Runde zum Gespräch über verschiedenste Sachen kam: Einsamkeit, Vorurteile, Zweifel, Ungleichheit oder „Was verbindet uns?“ – So oder ähnlich lauteten die Themen. Dabei und dazwischen war immer Raum für aktuell Erlebtes und Gehörtes. Die Wellen schlagenden politischen Themen des letzten Jahres – wir haben viele von ihnen mal angesprochen. Respektvoll, auch manchmal kontrovers, aber nie so, dass man den Spaß verlor. Schließlich warteten am Ende Kaffee und Kuchen, den die Teilnehmenden beisteuerten. Da löste sich spätestens jeder kleine Disput in Wohlgefallen auf.
Es gäbe noch viel zu sagen über unsere Paulinenauer Bürgerdialoge. Keine(r) wurde dafür vom Job freigestellt – die Bürgerdialoge fanden am Sonntag statt – und wir mussten auch keine Entschlüsse fassen. Aber der Rahmen stimmte, die Atmosphäre war gut. Und es war definitiv etwas für Paulinenaue und die Paulinenauer, sogar aus den Nachbarorten kamen jedesmal Interessierte. Vielleicht hätten mehr Leute das Angebot wahrnehmen sollen, sicher auch mehr von denen, die das öffentliche Reden weniger gewohnt sind. Aber das konnte jeder selbst entscheiden. Eine Gruppe von acht bis zwölf Leuten kam immer zusammen. Alle, die wollten, kamen mal dran. Auch bloß zuzuhören, war natürlich möglich.
Die Bürgerdialoge in Paulinenaue sollen fortgesetzt werden und sich selbst tragen, nachdem die Finanzierung ausläuft. Hans Blokland möchte dann weiter als Gast teilnehmen. Auch ihm scheint es in Paulinenaue gefallen zu haben. Bevor die von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Deutschen Postcode Lotterie geförderte Reihe endet, gibt es aber noch eine letzte Veranstaltung. „Unsere Dörfer – unsere Ideen – unsere Zukunft. Wie können wir das Leben vor Ort noch besser gestalten?“ ist das Motto. Darüber lohnt es sich doch allemal, (wieder) miteinander zu reden!

Hinterlasse einen Kommentar