Die Vertreibung des Pfarrers Willimsky. (Teil 1)

09.01.2007

Wer war Albert Willimsky?

Von Widerstand und Anpassung im Nationalsozialismus in Paulinenaue und Friesack

1. Teil

Joachim Scholz

In der Berliner St. Hedwigskathedrale ist zum Gedenken an die katholischen Geistlichen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind, eine Tafel angebracht. Der Name Willimsky ist hier ebenso angegeben wie auf einer Gedenktafel in Gransee, die daran erinnert, dass Pfarrer Willimsky im Dritten Reich für Menschenwürde und Menschenrecht eintrat und dafür mit dem Leben bezahlen musste. In Friesack und den umliegenden Gemeinden aber, wo eben dieser Pfarrer Willimsky die längste Zeit seines Arbeitslebens verbrachte und wo die Geschichte seines Aufbegehrens gegen die Naziherrschaft ihren Anfang nahm, ist Willimsky kaum jemandem mehr ein Begriff und auch im Heimatmuseum der Stadt Friesack wird nichts über ihn berichtet. Am genauesten informieren uns die Akten des Potsdamer Landeshauptarchivs über seine Geschichte als Friesacker Pfarrer.

Pfarrer Albert Willimsky (1890-1940)

Pfarrer Albert Willimsky (1890-1940)

Die beginnt schon im Jahre 1925, als Albert Willimsky 35jährig die katholische Pfarrstelle der kleinen Ackerbürgerstadt übernahm. Aus den überlieferten Papieren erfährt man, dass Willimsky und seine katholischen Glaubensgenossen schon vor der Nazizeit keinen guten Stand unter den meist evangelischen Bewohnern des Havellandes genossen, denn die meisten Katholiken hierzulande waren polnische Saisonarbeiter, jene, wie einmal der Landrat schrieb, „moralisch minderwertigen unlauteren, mit Ungeziefer behafteten rohen Schnitterfamilien“, die zur Erntezeit auf den havelländischen Gütern gebraucht wurden. Wenn es aber darum ging, ihnen einen Raum für den Gottesdienst verfügbar zu machen, ernteten sie Absagen, wie am Beispiel der Paulinenauer, aus etwa 70 Katholiken bestehenden Gemeinde deutlich wird. Willimsky war es, der dort für die Schnitter eintrat. „Es ist bekannt, dass diese Arbeiter nicht gut bezahlt werden, in schlechten Wohnungen hausen und wegen mangelnder deutscher Sprachkenntnisse oft recht- und schutzlos sind“ schrieb er. „Wenn diese Menschen nicht mehr einen Halt an der Religion finden, ist es unausbleiblich, dass sie schliesslich zu Verbrechern werden. Ich spreche daher die herzliche Bitte aus, schon aus Gründen der Menschlichkeit die Absage zu kassieren.“ Es gelang ihm damals, wenigstens in der Schnitterkaserne Gottesdienst und später auch im Schulhaus Religionsunterricht erteilen zu dürfen.

Die Paulinenauer Schnitterkaserne, ca. 1967.

Die Paulinenauer Schnitterkaserne, ca. 1967. Foto: Georg Drasché

Man kann mit Grund annehmen, dass der Pfarrer mit seinem energischen Eintreten schon damals nicht nur beliebt gewesen ist. Die Gemüter erhitzten sich jedoch erst nach einem Vorfall, der sich im Februar 1933 wiederum in Paulinenaue zutrug. Einen Monat nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und kurz vor der letzten, schon nicht mehr ganz freien Reichstagswahl in Deutschland, hatte Willimsky einen Aufruf der Zentrumspartei an die am Religionsunterricht teilnehmenden Kinder verteilt und diese gebeten, das Flugblatt ihren Eltern zu übergeben. Viele im Dorf hielten das für unerhört. Der Aufruf, hieß es, verletze die „nationale Bevölkerung“ des Kreises zutiefst. In vorauseilendem Gehorsam empörten sich der Paulinenauer Schullehrer Richter – vor 1933 noch Sympathisant der Kommunisten -, der pensionierte Major Prentzel und mit beiden der gesamte Paulinenauer Schulvorstand. „Unter den Mitgliedern herrschte große Erregung über das Vorgehen des Pfarrers und es wurde einhellig und mit Nachdruck abgelehnt, ihn wieder in die Schule hereinzulassen“, berichtete pflichtbewusst Landrat von Bredow nach Potsdam und er fügte hinzu: „Seit der Pfarrer seine Stelle in Friesack angetreten hat, habe ich den Eindruck gehabt, daß er es nicht versteht, mit der überwiegend evangelischen Bevölkerung des Kreises auszukommen. Als Neustes ist mir berichtet worden, daß der Pfarrer im Geschäftslokal des Friesacker Banklokals, in dem der letzte Aufruf der Reichsregierung angebracht war, sich zu diesem Aufruf äußerte, er müßte abgerissen werden. Nach alledem habe ich den Eindruck, daß der Pfarrer Willimsky für die hiesige Gegend nicht der richtige Mann ist. Er bringt Unruhe in den Kreis und schafft unnötige Zwietracht“.

Paulinenaue in den 1930er Jahren, rechts das Schulhaus

Paulinenaue in den 1930er Jahren, rechts das Schulhaus

Der Brief des Landrats ist die erste aktenfällig gewordene Denunziation in einer nun nicht mehr abreißenden Kette aus Zeugnissen der Niedertracht und des Kleinmutes, von Verdächtigungen und folgenreichen Entscheidungen, die Willimsky in den wenigen Jahren, die ihm noch im Amt verblieben, in Friesack, in Gransee oder Stettin, nicht mehr zur Ruhe kommen ließen.

 

Hier geht es zum Teil 2.

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