Kleine Geschichte von Bienenfarm und der Lindholzfarm

Joachim Scholz

11.02.2013

Im Schmettauschen Kartenwerk von 1774 sieht man am Waldrand des Lindholzes – den Straßendörfern Ribbeck, Selbelang und Pessin vorgelagert – drei ähnlich große Vierseitenhöfe in der Wiesenfläche liegen, die hier „das Blache Luch“ heißt. An der helleren Ausmalung erkennt man die Flächen, die von diesen Meiereien bewirtschaftet wurden. Dass auf mindestens einer von ihnen seit Mitte des 16. Jahrhunderts Vieh gehalten wurde, ist aus zeitgenössischen Aktenstücken bekannt. Sonst aber weiß man wenig über die frühen Tage auf den Höfen, die nach ihren Besitzern Bardelebens, Hackens und Erxlebens Meierei hießen.

Weihnachtsbaumverbrennen
Drei Vorwerke im Lindholz auf der Schmettauschen Karte aus dem 18. Jahrhundert.

19. und frühes 20. Jahrhundert

Aus Bardelebens Meierei sollte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zunächst unter den Händen der Pessiner Gutsherrschaft, dann verstärkt durch die Bahn, das Dorf Paulinenaue entwickeln. Vor 180 Jahren, am 10. Mai 1833, erhielt es seinen Namen. Die beiden anderen Vorwerke blieben im Selbelanger Besitz und im Schatten des Dorfes, zu dem sie gehörten. Bienenfarm wurde zwischenzeitlich „Selbelanger Jägerhaus“ genannt und war wegen seiner Salzstellen und der entsprechend eigenartigen Pflanzenwelt unter Kennern in Berlin und Brandenburg bekannt. Sonst glichen sich Lindholzfarm und das etwas größere Bienenfarm bis zum Zweiten Weltkrieg in ihrer schlichten Form und in ihrer Funktion. Den jeweiligen Namen erhielten sie beide am selben Tag, dem 18. September 1863.

Ein Verwalter für beide Farmen und jeweils ein Wirtschaftsinspektor trugen die Verantwortung für den Landwirtschaftsbetrieb. Dessen Leute lebten in barackenartigen Flachbauten aus kleinen Arbeiterwohnungen und wenigen, teils in Anbauten untergebrachten Räumen für alle Extrazwecke: Waschküche, Leichenhalle, Spielschule.

Verwalterhaus
Das Verwalterhaus in Bienenfarm, ein ehemals reetgedecktes Fachwerkhaus, ist Bienenfarms ältestes Gebäude. Foto: Joachim Scholz, 2012.

Die Kinder aus Bienenfarm erhielten bis 1861, als in Paulinenaue eine Schule eröffnete, Unterricht in Selbelang. Nachdem in Paulinenaue eine Überfüllungssituation eintrat, erklärten sich die Bienenfarmer Hausväter 1888 bereit, zur Entlastung des Paulinenauer Schulwesens ihre Kinder – es waren etwa 22 – wieder nach Selbelang zur Schule zu schicken. Die Paulinenauer Schülerliste vermerkt indessen auch in den Folgejahren vereinzelte Einschulungen aus Bienenfarm und auch aus Lindholzfarm.

Die von einer alten Frau geführte Bienenfarmer Spielschule diente der Unterbringung der ganz kleinen Landarbeiterkinder, deren Eltern lange Arbeitstage auf den Feldern verbrachten und nur in den Mittagsstunden vorbei schauten. In Gärten und Kleintierställen versorgten sich die Bewohner von Bienenfarm und Lindholzfarm, deren Entlohnung durch das Gut noch teilweise aus Naturalien wie Getreideanteilen und Kartoffeln bestand. Schweinehaltung und -schlachtung war verbreitet. Zusätzliches ist entweder durch fliegende Händler aus der näheren und weiteren Umgebung hergebracht (zum Beispiel Seifen-Erwin aus Berlin) oder in den kleinen Geschäften der Verwalterfamilien Kaping oder Brunsch verkauft worden. In ihren kleinen Läden wurden Rauchware, Heringe oder alkoholische Getränke angeboten.

Das Reichsarbeitsdienstlager Bienenfarm

In Bienenfarm gab es im Süden der heutigen Ortslage während der nationalsozialistischen Herrschaft ein Reichsarbeitsdienstlager, das wie dasjenige in Jahnberge vom Bahnhof Paulinenaue aus erreicht wurde. Das RAD-Lager soll eine Rolle dabei gespielt haben, dass das Paulinenauer Gasthaus „Zu den drei Landkreisen“ von seinem Inhaber, dem NSDAP-Ortsgruppenleiter Paul Eickhoff, 1933 um einen Saal erweitert wurde. Jedenfalls trafen sich die jungen Männer, die in Bienenfarm und Jahnberge ihren Dienst versahen, in Paulinenaue zum Tanz. Fotos zeigen sie auch uniformiert auf dem Marsch durchs Dorf, denn die vormilitärische Ausbildung und NS-politische Schulung waren Kernbestandteile der für Jungen obligatorischen RAD-Monate und wechselten sich in unserer Gegend mit Meliorationsarbeiten ab, für die die Vormittagsstunden vorgesehen waren. Mit dem Lager kam auch der erste elektrische Strom nach Bienenfarm, vorerst aber nicht für den zivilen Teil der Ortschaft.

RAD
Das Reichsarbeitsdienstlager 6/93 „Johann von Hohenlohe“ in Bienenfarm. Foto: Bruno Möller, 1939.

Bei Kriegsbeginn 1939 wurden schon am Tag vor dem Einmarsch Arbeitsdienstler von Bienenfarm aus in den Polenfeldzug geschickt. Sie mussten in Grenznähe ihre Uniformen gegen die der Wehrmacht und ihre Spaten gegen Gewehre tauschen. Das Lager in Bienenfarm bestand noch einige Zeit nach Kriegsende. Es wurde von Sowjetsoldaten als Unterkunft genutzt. Nachdem es aufgegeben worden war, riss man es ab und überließ den Schutt den Ortsansässigen als Baumaterial.

Nachkriegszeit und DDR

In der Nachkriegszeit blieben Lindholzfarm und Bienenfarm weiterhin Filialen der nunmehr volkseigenen Landwirtschaftsbetriebe Selbelangs. Die Pflanzenproduktion wurde von Bienenfarm aus koordiniert, im Bereich Tierzucht hielt Lindholzfarm bis Ende der 1960er Jahre eine Hammelherde und etablierte eine beträchtliche Schweinezucht und -mast mit (1956) immerhin 145 Sauen und ihrer Nachzucht. Schweine belebten auch den Bienenfarmer Wirtschaftshof bis zum Ende der 1970er Jahre, die Milchviehherde von 100 Kühen und die Zugpferde waren da schon nicht mehr vorhanden.

So dominierte bis gegen das Ende der DDR eine intensiv betriebene Landwirtschaft die Vorgänge in den beiden kleinen Ortschaften und zog eine Reihe von Bauaktivitäten nach sich. Nahezu die komplette heute vorfindliche Bausubstanz stammt aus dem 20. Jahrhundert. Älter ist vermutlich nur das Bienenfarmer Inspektorhaus; ein Nachwendebau ist der Hangar des Flughafens Bienenfarm, der allerdings in Lindholzfarm sich befindet. Bemerkenswerte Gebäude fehlen hier wie dort und ausgerechnet zwei Flachbauten in Bienenfarm weisen eine etwas außergewöhnliche Geschichte auf. 1953 errichtet, war darin anfangs ein Wohnheim für Studierende der Pädagogischen Hochschule Potsdam, dann der landwirtschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin untergebracht. Deren Ausbildung übernahm Ende der 1950er Jahre das Paulinenauer Landwirtschaftsinstitut. Dem studentischen Leben folgte ab 1962 eine zweijährige Phase, in der die Baracken ein kleines Gefängnis beherbergten. Seine etwa 20 Insassen verbüßten zwar nur leichtere Straftaten und arbeiteten in der Bienenfarmer Wirtschaft mit, aber Stacheldraht und bewaffnete Wachkräfte gehörten doch dazu. Es folgte die Nutzung als Außenstelle der Nervenklink Brandenburg, doch auch die Unterbringung psychisch kranker Menschen in der Baracke wurde nach zwei Jahren abgebrochen. Sie wurde zum Ledigenwohnheim des VEG Selbelang und Paulinenaue. Heute befinden sich zwei Wohnungen darin.

Bienenkorb
Der „Bienenkorb“ in Lindholzfarm. Foto: Joachim Scholz, 2012.

Nach der Wende

Nach 1989 siedelten sich neue Firmen in Bienenfarm und Lindholzfarm an. Eine Flugschule übernahm den Agrarflugplatz Bienenfarm, von dem aus schon in der DDR gelbe „Düngerstreuer“ abgehoben waren. Obwohl der Besitzer wechselte, machen der Flugplatz und die dazu gehörende Gaststätte „Bienenkorb“ das sonst abgeschiedene Lindholzfarm heute wenigstens teilweise wieder zu einem belebten Ort. Betriebsamkeit herrscht auch in Bienenfarm, wo mit dem Geflügelhof Müller, dem Brennstoffhandel Gerd Falk sowie der Pferdepension Siegismund drei private Firmen schon seit der ersten Nachwendezeit vertreten sind. Aus dem ehemaligen Futter- und Kuhstall ist ein stattliches Familienwohnhaus geworden. Nicht zuletzt genießt Bienenfarm seit 2004 als jährlicher Austragungsort der Kleintierausstellung der Paulinenauer Züchterinnen und Züchter den besten Ruf.

Quellen: Sammlung Bruno Brunsch: Hefter „Ortsteile Bienenfarm/ Lindholzfarm. Daten aus der Chronik Selbelang + Paulinenaue“ (darin Auzüge aus der Selbelanger Ortschronik). – Sammlung Wolfgang Arndt, Paulinenaue: Schülerliste der Paulinenauer Volksschule. – Interview mit dem ehemaligen Bienenfarmer Reichsarbeitsdienstler Bruno Möller (Geltow) vom 25.10.2009. – Interview mit Bruno Brunsch (Paulinenaue) vom 06.05.2012. – Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam (BLHA), Rep 2A II WH Nr. 786.

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