Text Florentine Guivan (ehem. Kunkel)

„Moore? Das sind doch diese unheimlichen Sümpfe mit den Moorleichen.“ Dieses Bild haben viele im Kopf. Wer durchs Havelländische Luch fährt, sieht Wiesen, Gräben und vielleicht ein paar Kraniche. An ein Moor denken die wenigsten. Dabei befindet sich unter großen Teilen dieser Landschaft eines der größten Niedermoore Deutschlands. Genau auf diesem Boden wurde auch Paulinenaue aufgebaut.

Über Generationen wurde das Luch entwässert. Das war notwendig, um Landwirtschaft zu ermöglichen und den Ort so entstehen zu lassen, wie wir ihn heute kennen. Heute denken Forschende, Landwirte und Unternehmen um. Sie fragen nicht mehr, wie das Moor trockengehalten werden, sondern wie man mit ihm wirtschaften kann. Für mich als ehemalige Paulinenauerin war das der Ausgangspunkt eines ganz besonderen Studienprojekts. Gemeinsam mit anderen Studierenden für Industriedesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) beschäftigte ich mich ein Semester lang mit der Frage, wie Moore nicht nur geschützt, sondern auch nachhaltig genutzt werden können. Dafür verließen wir den Hörsaal und besuchten Menschen und Orte, die sich bereits heute mit diesem Thema beschäftigen.

Besonders beeindruckt hat mich der Besuch auf dem Moorhof von Sebastian Petri in Kremmen. Dort konnte ich zum ersten Mal sehen, wie Landwirtschaft auf wiedervernässten Mooren funktioniert. Statt das Wasser aus der Landschaft fernzuhalten, baut er Pflanzen an, die die Nässe brauchen und wirtschaftlich genutzt werden können. Diese Form der Landwirtschaft nennt sich Paludikultur. Sie schützt den Moorboden und eröffnet gleichzeitig neue Einkommensmöglichkeiten für landwirtschaftliche Betriebe. Unternehmen wie OTTO nutzen bereits Versandkartons mit Fasern aus diesem Material – ein Beispiel dafür, dass sich wirtschaftliche Nutzung und der Erhalt der Moorböden nicht ausschließen.

Die Studierenden auf ihrer Exkursion zum Moorhof. Dem Motto „Moor muss nass“ folgte am Exkursionstag auch das Wetter. Foto: F. Guivan 2026.

Nach und nach wurde mir klar, dass Moorpflanzen längst nicht mehr nur Schilf am Wegesrand sein können. Bei der Veranstaltung „Moore retten – by Design“, auf der wir unsere Projektergebnisse präsentierten, zeigte das Berliner Architekturbüro Sauerbruch Hutton, wie Baustoffe aus Paludikultur bereits heute eingesetzt werden. Im Bauprojekt „Holz-Lehm Campus“ kommen Innenwände aus Pflanzen nasser Moore zum Einsatz. Hergestellt werden die selbsttragenden Wandelemente vom Berliner Unternehmen Stramen.Tec. Sie sind stabil genug, um Küchenschränke zu tragen, vollständig kompostierbar und lassen sich schneller montieren als herkömmliche Trockenbauwände. Zuvor waren unsere Arbeiten bereits bei der Ausstellung „Mach Moor – Design mit Paludikultur“ während der ,Grünen Woche‘ in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung zu sehen. Bei „Moore retten – by Design“ wurden sie anschließend unter anderem mit Dr. Franziska Tanneberger vom Greifswalder Moor Centrum, einer der international führenden Moorforscherinnen, diskutiert.

Im Greifswalder Moorzentrum suchen Wissenschaftler:innen nach dem „Supermoos“. Foto: F. Guivan 2026.

Deutschland steht mit dieser Entwicklung noch am Anfang. Nur etwa zwei Prozent der Moore sind heute noch natürlich nass, weitere fünf Prozent wurden wiedervernässt. Dabei speichern Moore Wasser wie ein Schwamm, helfen Trockenperioden zu überstehen, verringern das Risiko von Bränden, setzen kein zusätzliches CO₂ aus dem Boden frei und liefern gleichzeitig nachwachsende Rohstoffe.

Während des Projekts wurde für mich immer deutlicher, dass diese Entwicklungen auch für Paulinenaue interessant sind. Schließlich war der Ort schon immer eng mit landwirtschaftlicher Forschung verbunden. Von der Melioration bis zum heutigen Bildungs- und Forschungsstandort wurde hier immer wieder an neuen Lösungen gearbeitet. Vielleicht beginnt auch jetzt wieder ein neues Kapitel – diesmal mit dem Moor als Chance statt als Problem.

Der Paulinenauer Forschungsstandort hat auch in der Moorforschung eine lange Tradition. Foto: F. Guivan 2026.

Aus diesen Erfahrungen entstand schließlich auch mein eigenes Projekt. Gemeinsam mit meiner Teampartnerin Carolina entwickelte ich eine interaktive Moor-Lernstation für Kinder. Eine magnetisch stapelbare Murmelbahn macht den Aufbau eines Moores spielerisch erfahrbar. Ergänzt wird sie durch ein Quartett mit typischen Tier- und Pflanzenarten sowie durch Audioinhalte, in denen diese von sich erzählen und somit das Moor hörbar machen. Mir war dabei besonders wichtig einen Bezug zu unserer Heimat herzustellen. Viele Kinder wachsen mitten im Havelländischen Luch auf, ohne zu wissen, dass sich unter ihren Füßen eine einzigartige Moorlandschaft befindet. Genau dieses Wissen möchte die Lernstation vermitteln. Denn wer schon früh versteht, was direkt vor der eigenen Haustür liegt, trägt dieses Wissen oft ein Leben lang weiter.

Franziska Tanneberger, eine der bekanntesten deutschen Moorforscherinnen, im Gespräch mit Florentine und Carolina an ihrer Moorstation. Foto: F. Guivan 2026.

Moore sind also weit mehr als der Schauplatz alter Gruselgeschichten. Wer künftig durch unsere Region fährt, sieht vielleicht noch immer Wiesen, Gräben und Kraniche. Beim genaueren Hinschauen erkennt man aber vielleicht mehr als das: eine Landschaft, die nicht nur unsere Vergangenheit geprägt hat, sondern künftig die Rohstoffe für unsere Häuser liefern und damit ein wichtiger Teil unserer Zukunft werden könnte. Vielleicht war nicht das Moor das Problem, sondern unser Blick darauf.

Links zu interessanten Moorprojekten

Veranstaltung von feldfünf am Dienstag

Holz-Lehmbau Campus für das B&O in Weißensee

Bauunternehmen für Wände mit Strohfüllung (offiziellen Link gibt es nur für Weißenstroh, da Paludi noch als Forschungsprojekt gilt)

Bericht über Paludiwände von Stramen.Tec

Video – Interview mit Sebastian Petri über seinen Betrieb (2024)

Interview Sebastian Petri bei der Succow Stiftung (etwa 2025)

Otto Versandkartons aus Paludi Biomasse

Ausstellung „Mach Moor“ Heinrich Böll Stiftung

Link zu meiner Produktwebsite – Meine Moorstation

Und ein weiterer Link für Interessierte: More & More (Torsten Galke) baut Tiny Häuser aus Paludi